Zu schön zum Ändern

Du gehörst zu den Menschen, die mich am längsten kennen. Du gehörst zu den Menschen, an die ich am häufigsten denke. Wenn der Monat sich zum fünfzehnten Mal jährt, dann bist du länger da, als ich vor unserer ersten Begegnung überhaupt gelebt habe. Einschüchternd, dieses Erwachsenwerden.

Ich möchte dir Dinge sagen, die ich keinem anderen erzähle. Ich will aber auch immer Worte wählen, die du noch nie gehört hast. Weil auch du so selten bist. So selten körperlich da. So selten am Telefon. In diesen seltsam seltenen Momenten, in jenen du dich mir schenkst, mit deiner Aufmerksamkeit, da fliehen die Stunden im Sportwagentempo davon.

Wenn wir beieinander sind, dann wollen wir dieselben Dinge. Wir wollen Wein trinken und auf dem Bett über das tiefe Zeug reden. Wir wollen Eis essen und die Serien sehen, die der andere mag. Wir wollen die Bücher lesen und vorgelesen bekommen, die den anderen berühren. Und ich will dir immer Musik zeigen. Ich muss schmunzeln, denn beim Schreiben dieses kläglichen Versuches, dir etwas mitzuteilen, da fällt mir auf, wie wenig Lust wir auf die Oberfläche haben. Gewöhnliche Menschen, die fragen sich gegenseitig, wie es dem anderen geht, und bekommen genau das zu hören, womit sie meist eh schon gerechnet haben. Egal wie lange wir uns nicht sprechen, so steigen wir sofort ins Thema ein. Wir lassen uns nicht fallen. Wir springen auf den anderen zu. Im warmen Gewissen, niemals zu stürzen.

Wenn man keine Heimat hat, dann weiß man nicht, was die Leute meinen, wenn sie davon reden. Für mich hat Heimweh keine Koordinaten. Doch als du kürzlich wieder in dein Leben zurückgefahren bist, da stand ich am Fenster – überfallen vom tiefen Beben meines Brustkorbs und der hellen Erkenntnis, woher der Schmerz kam. Mir wurde bewusst, dass du es bist. Du bist meine Zuflucht. Du bist meine Jugend. Du bist der Ursprung und mein Einband.

Bis auf diesen einen Kuss vor Jahren ist nie etwas passiert. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ein weiterer Versuch funktionieren würden. Ab und zu habe ich sogar das Gefühl, dass da mehr ist, irgendetwas zwischen uns liegt, das sich keiner traut anzurühren. Und in meiner Fantasie, da ergäbe das auch ein schönes Paar. Und so schillernd das sein könnte, so wenig will ich es.

Du bist der beeindruckendste Mensch meines Lebens. Der Weg, den du gegangen bist, ist unglaublich und es gibt nicht wenige, die er so mit Neid erfüllt, dass sie ihn dir nicht mehr gönnen können. Mich macht er nicht neidisch. Ich will mit dir angeben gehen.

Du bist witzig. Du bist erschreckend intelligent und wortgewandt. Du bist die schönste Frau, die ich kenne. Du bist einzigartig in deiner Mimik und elegant in deiner Gestik. Du bist mir manchmal so nah, dass ich ich das Gefühl habe, ich läge in deinem Körper. Du hast ein großes Herz und den Blick für das Wichtige nie verloren. Du bist eine erstaunliche, großartige, erfolgreiche Frau geworden. Ich habe dazu nichts beigetragen. Aber ich habe immer gern zugeschaut.

Ich werde weiterhin Beziehungen haben. Ich werde auch immer eine Familie wollen. Und Kinder. Okay, ein Kind reicht. Und ich werde diesen Menschen immer meine aufrichtige und ehrliche Liebe schenken. Dennoch wird  in mir drin ein Teil auch immer in dich verliebt bleiben. Das ist nicht schlimm. Ich will dich nie mehr küssen. Ich will nicht mit dir schlafen. Ich will niemals mit dir zusammenleben. Ich möchte überhaupt keinen schneidenden Einfluss auf dich haben. Denn Partnerschaften und Liebe, die verändern die Menschen.

Und du … du bist einfach viel zu schön zum Ändern.

Markourt ist im letzten Jahr seiner Zwanziger und weiß, dass das beste Album der Nullerjahre „Give up“ von Postal Service ist. Er und Alkohol sind das Rezept für wochenlangen Gesprächsstoff und Witze auf seine Kosten. Für ihn gilt: Lieber brechend volle Tram als Individualverkehr, lieber telefonieren als Kurznachricht und für immer Francis „Frank“ McCourt. Jedes verdammte Katzenvideo findet er besser als pseudopolitische Diskussion in WG-Küchen und sozialen Netzwerken. Es ist Winter und alles, was er will, ist doch nur, dass da eine Person an seiner Tür klingelt, der von Kälte und Wind die Nase läuft. Und dass diese kalte Nase sein Gesicht berührt, wenn er sie küsst.

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Headerfoto: Sandra Thorsson via Creative Commons Lizenz 2.0! Danke dafür! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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