Wir verabreden uns auf einen Zufall

Er war früher da als sie. Das war er immer. Er war immer pünktlich. Vielleicht sogar zu pünktlich. Er passte gar nicht zu dieser Stadt. Zu diesen Menschen dieser Stadt. Hier waren die Leute immer zu spät. Aber er nie. Er fand sie früher in der Menge als sie ihn. Er fragte sich, warum sie immer zu spät kam. Sie passte in diese Stadt und zu den Leuten.

„Was brauchst du vom Markt?“, fragte er.
„Lauchzwiebeln, Äpfel und Kartoffeln. Lass uns ein Stück weit runter laufen“, sagte sie.

Sie liefen zwischen den Marktständen am Maybachufer entlang, da, wo man noch einigermaßen Platz hatte. Die Marktschreier priesen ihre Avocados an. Sechs Stück für zwei Euro.

„Wann kommt sie zurück?“, fragte sie.
„Warum willst du das wissen?“, fragte er.
„Dann eben nicht“, sagte sie.
„In vier Monaten“, sagte er.
„Du wirst es ihr nicht sagen“, sagte sie.
„Nein“, sagte er.

Sie griff zögerlich nach seiner Hand und drückte seinen kleinen Finger kurz und fest, so als wäre es okay, was er tat. So als wäre es in Ordnung, was in den letzten Wochen passiert war. Dass sie sich aneinander berauscht hatten, schon bevor sie sich das erste Mal trafen. Das lange Schreiben und wie sie dann beim ersten Treffen auf den Stufen vorm Bethanien saßen und sich mit Rotwein betranken. Wie noch am selben Abend ihre Tasche geklaut wurde und sie ganz ruhig geblieben ist. Wie sie vor dem Büro der Grünen saßen und weiter tranken, obwohl sie die Grünen hassten. Wie sie miteinander schliefen und nicht einschlafen konnten, zu aufgeregt vom Anderen, und am nächsten Morgen dem Staub dabei zusahen, wie er zu Boden sank. Dass ihr Rausch ihnen vorkam, wie ein Moment aus einem Film und er ihr beim nächsten Treffen sagte, dass er seit vielen Jahren eine anderen Frau liebte. Sie gerade im Ausland sei und beide eine offene Beziehung führten und sie sich dachte: So ein Schwachsinn! Und in diesem Moment innerlich zerbrach.

Wie sie zum Weinglas griff und er ihr eine Zigarette anmachte und sie sagte: „Nur noch das eine Mal. Nur noch dieses eine Mal.“ Und alles noch einmal passierte. Genauso intensiv und noch viel schöner. Und am nächsten Morgen, als sie nicht gehen konnte und er nicht wollte, dass sie ging. Sie auf ihr Fahrrad stieg, ihr geliebtes Fahrrad – das Fahrrad ihrer Mutter, das sie nie pflegte, ihr aber immer so treu beistand.

Wie sie weinen wollte, es aber nicht konnte. Die Tränen, die einfach nicht aus ihr austreten wollten. Und dann eine Pause. Eine Pause für ihn, damit er seine Arbeit zu Ende schreiben konnte. Eine Pause für sie, damit sie Zeit hatte, um über alles nachzudenken. Eine Pause, in der sie viel trank und rauchte. Zu viel trank und rauchte und er schrieb. Schrieb über sie und ihn.

Wie sie sich nach zehn Tagen trafen und beide wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Der letzte Rausch miteinander. Beieinander. Füreinander. Und wie sie vor einem Haus auf der Schillerpromenade eine verlassene Couch fanden und Rotkäppchen-Sekt aus Plastikbechern vom Späti tranken, obwohl seine Eltern immer Jules Mumm kauften, weil sie für den Schaumwein aus dem Osten nichts übrig hatten. Tag der Deutschen Einheit. Sie tranken auf die letzte deutsche Einheit. Er erzählte ihr, dass er über sie schreiben musste und sie erzählte ihm, wie traurig sie war, aber jetzt sei es okay, denn sie sprachen über die Lieder, die sie liebten und die sie nie schreiben würden, aber auch das war okay. Sie gingen zu ihr und schliefen miteinander und sie las ihm aus Montauk vor: „Wenn du lachst, vergesse ich für einen Moment dein Unglück mit mir.“

Sie warfen Eicheln in das trübe Wasser des Kanals und beobachteten die Schwäne, wie sie langsam an ihnen vorbeizogen.

„Meine Mitbewohnerin hasst mich dafür, dass ich hier mit dir sitze“, sagte er.
„Warum?“, fragte sie.
„Weil sie denkt, dass es nicht richtig ist“, sagte er.
„Es ist nicht richtig“, sagte sie.

Er schaute auf ihren kleinen Finger und überlegte kurz, ob er ihn drücken sollte. Ließ es dann aber doch bleiben.

„Ich hab nach unserer Couch geschaut, aber sie war schon weg“, sagte sie.
„Es war eine schöne Couch. Es war unsere Couch“, sagte er.
„Ja, das war sie“, sagte sie.

Er kramte in seiner Jackentasche und gab ihr etwas in die Hand.

„Ich finde den Gedanken schön, dass du etwas besitzt, das mir viel bedeutet“, sagte er.
„Ich öffne es später“, sagte sie.

Sie umarmten sich lang. Er ging auf die andere Straßenseite zum Eingang der U-Bahn. Sie lief in die entgegengesetzte Richtung zu ihrem Fahrrad und drehte sich nicht um. In ihrem Hausflur öffnete sie sein Geschenk. Ein Gedicht. Sie las die letzte Zeile und das Blatt wellte sich an der Stelle, wo eine Träne niederfiel.

„Wir verabreden uns auf einen Zufall.“

Anna ist getrieben von der Kunst. Sie liebt sie innig und tief. Nur für sie ließ sie sich von Berlin ins schöne Wien führen, wo es viel liebliche Kunst gibt und manchmal doch zu wenig. Da muss mehr her! Daher widmet sie sich beruflich der Mode und verschreibt sich privat der Musik mit ihrer fruchtigen Beatmusik-Reihe.

Headerfoto: barbara w via Creative Commons Lizenz 2.0 (Gedankenspiel imprint added)!

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