Wir sind nicht Nichts

Ein Raum voller Menschen.
Ein Raum voller Menschen, aber ich sehe nur dich.

Du sitzt mir gegenüber, ein paar Meter entfernt, hast ein Bier in der Hand und ein stummes Lächeln auf den Lippen. Meine beste Freundin steht neben mir und redet auf mich ein, aber ich höre ihr nicht zu. An was du wohl gerade denkst? Ich will zu dir rübergehen.

„Betrunken?“, könnte ich fragen und dir die Flasche Pfeffi hinhalten, die ich schon den ganzen Abend mit mir herumtrage. Du würdest auflachen und es selbstverständlich abstreiten, weil du das immer tust. Dann würdest du mir die Flasche aus der Hand nehmen, zwei oder vielleicht sogar drei Schlucke nehmen und das Gesicht verziehen. Diesmal würde ich auflachen und dich „Mädchen“ nennen, weil ich das immer tue. Und dann würden wir reden – nicht viel und über nichts Bestimmtes, sondern einfach nur so vor uns hin. Manchmal würden wir schweigen, aber das wäre okay.

Mir wäre schwindelig – vom Alkohol, aber auch ein bisschen von dir. Keine Ahnung, was wir sind. Würde mich jemand fragen, dann wäre meine Antwort „Nichts“. Wir sind Nichts, aber so viel mehr. Ich würde lügen, würde ich behaupten, in dich verliebt zu sein. Ich würde aber auch lügen, würde ich abstreiten, in dich verliebt zu sein.

Irgendwann würdest du den Kopf an meine Schulter lehnen und die Augen schließen. Deswegen lege ich den Arm um dich und fahre langsam mit meinen Fingern durch deine Haare. Distanz gibt es zwischen uns nicht. Gab es nie.

„Alles in Ordnung? Willst du nach Hause?“, würde ich fragen, eigentlich darauf bezogen, dass du schon die Augen zu hast. Du würdest mich falsch verstehen. Vielleicht würdest du mich auch richtig verstehen, aber so tun, als würdest du mich falsch verstehen. Vielleicht machst du endlich den entscheidenden Schritt, denn an diesem Punkt – im selben Raum, auf derselben Couch, zur selben Uhrzeit, waren wir schon so oft.

„Ja“, würdest du also antworten und wärst auf einmal wieder ganz wach. Du würdest dich aufrichten und mich ansehen. Ein Blick, der alles klar macht. Ich würde nicken und lächeln. Lächeln, weil ich verlegen bin, aber auch lächeln, weil die Gefühle in meinem Bauch verrücktspielen. Eigentlich lasse ich mich auf so etwas nicht ein. Eigentlich, aber diesmal geht es um dich. Um dich und mich. Und Nichts, aber so viel mehr.

Du würdest aufstehen und mir die Hand hinhalten und ich wüsste, wenn ich sie ergreife, dann wird alles furchtbar kompliziert. Viel komplizierter, als es jetzt ist, aber ich wüsste auch, dass es das wert ist. Also nehme ich sie. Ich nehme deine Hand und lasse mich von dir hochziehen. Dann würden wir den Raum durchqueren, Hand in Hand, und uns nur von den wichtigsten Menschen verabschieden – ihre vielsagenden Blicke ignorierend. Nur meine beste Freundin würde ich einen Moment länger ansehen, einen Moment, der ihr sagen soll, dass alles okay ist.

Im Taxi dann würde ich meinen Kopf an deine Schulter legen und die Augen schließen. Als du dem Fahrer deine Adresse nennst, lächle ich zwar, sage aber nichts. Viel zu perfekt ist der Moment und viel zu groß ist die Angst, ihn durch unbedachte Worte kaputt zu machen. Manchmal kommst du mir vor wie ein scheues Tier – eine falsche Bewegung und du bist weg. Bei dir angekommen würdest du wieder nach meiner Hand greifen und ich würde mich widerstandslos von dir mitziehen lassen. Mitziehen in Richtung Haustür, vor der du stehen bleibst und mich ansiehst.

Diesmal ist es kein Blick, der alles klar macht, sondern ein Blick, der viel mehr sagt. Ein Blick, der sagt, was ich dir schon seit einer Ewigkeit sagen will. Ein Blick, der so viel mehr ist als ein Blick. Ein Blick, der mich sofort dazu bringt, dich zu küssen. Du würdest mich zurück küssen. Und als du mit einem Lächeln im Gesicht ein undeutliches „Das wurde aber auch Zeit“ an meine Lippen murmelst, da weiß ich, dass wir nie nur ein Nichts waren.

Ein herber Schlag auf die Schulter. Ich reiße die Augen auf und starre direkt in das Gesicht meiner besten Freundin: „Hast du mir überhaupt zugehört?“ Ich schüttle mit dem Kopf und riskiere einen letzten Blick – du sitzt nicht mehr auf deinem Platz.

Ein Raum voller Menschen.
Ein Raum voller Menschen, aber du siehst mich nicht.

Seven ist laut und auffällig, aber in ihren Texten das genaue Gegenteil: leise und anonym. Denn manchmal gibt es Sachen, die selbst aufmüpfige Mittzwanzigerin nicht so leicht über die Lippen bringen. Und wer weiß – vielleicht gibt sie sich nicht zuerkennen, weil sie dich in all ihren Texten meint?

Headerfoto: Tookapic via Pexels.com! Danke dafür. (Bild gecroppt, Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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