Wir sind jung – immer dünner, immer schneller, immer lauter, immer müde

Generation Y oder Why? Ja, das sind wir? Jeder unter 35.
Oder wer junggeblieben ist und das sind heute viele.
Erwachsenwerden ist out. Die meisten sind berufsjugendlich.
Weißt du, was ich meine?

Wir sind jung und uns liegt die Welt offen. Wir sind orientierungslos.
Kein Ziel vor Augen. Nur Träume.
Musik, schlechter Sex, Magazine. 3000 Seiten Fashion und Lifestyle. iPod, iPhone, iPad.
Wir lachen, weinen und schlafen. Oder schlafen nicht.
Zigaretten, Alkohol und Aphorismen.

Wir lesen Gedichte und fahren auf gestohlenen Fahrrädern den Illusionen entgegen.
Lang ist die Zeit, kurz ist der Tag, sehnlichst die Nacht.
Wir sind 18 und erwachsen. Wir sind 20 und verloren. Wir sind 25 und süchtig.

Wir haben eine Stimme, aber bleiben stumm.

Die Realität ist unser ständiger Begleiter, gestützt auf unsere Utopien.
Die formierte Welt ist unser Spielball und wir wälzen uns in unserer Verzweiflung.
Wir haben eine Stimme, aber bleiben stumm. Der Party-Dunst ummantelt unsere Illusionen.
Die Trugschlüsse und Irrungen und Wirrungen, die sich in Spiegelschrift verdoppeln.

Wir haben gelitten, haben geweint oder verdrängt. Oder heruntergespült.
Haben im Selbstmitleid gebadet. I don’t think you really know what pain is.
Wir wissen, dass wir schlecht sind. Wir wissen, dass wir gut sind.
Ego, Ego. Mittelmaß, Einsamkeit, Untergehen in der Masse.

Wir sind gelangweilte Selbstdarsteller, zynische Pragmatiker,
besorgte Bausparer. Verweigerer des Tatendrangs.
Rühr-mich-nicht-ans und Kleinbürger im Tarnanzug des Bohemians.
Wir sind die Welt.

Wir haben Existenzangst, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Bindung.
Wir glauben an nichts, aber an irgendetwas muss man doch schließlich glauben.
Moralische Grundvorstellungen mit Heiligenschein.

Wir fahren nach Paris und Barcelona. New York, Berlin, London.
Besuchen unsere alte Schulfreundin in Afrika. Reise nach Indien und sparen für Tokio.

Wir glauben Disney und Hollywood und unsere kleine Schwester weint sich nachts in den Schlaf.

Wir sind mal wieder verliebt.
Wir schalten den Fernseher ein.
2000 Kanäle. Satellit, Kabel, Digitalfernsehen.
Wir sind mal träge, mal leichtfüßig.
Wir glauben Disney und Hollywood und unsere kleine Schwester weint sich nachts in den Schlaf.

Wir wollen Familie, aber hassen die Last auf unseren Schultern.
Wir lassen uns von den Medien aufziehen, erziehen, steuern, manipulieren.
Wir wollen schön sein, reich sein. Oder einfach nur anders.
Anders als der, der man nicht sein möchte, obgleich man mit diesem Jemand niemals zuvor gesprochen hat.

Wir sind verwöhnt.
Wir sind traurig.
Wir sind mühsam angestrengt.
Wir versuchen, unsere Begierden in Maß zu halten.
Und wir scheitern.

Es ist die Episode des Versagens, die uns auf allen Sendern verfolgt.
Wir haben Waffen, wir haben Mittel.
Wir tanzen ekstatisch in sukzessiven Lichtblitzen und suchen doch nur jemanden, der unsere Hand hält.

Was sagen die anderen?
Was denken sie über uns?
Soziale Medien.
Immer dünner, immer schneller, immer lauter. Immer müde.

Wir schließen uns zu festen Kreisen zusammen.
Wir suchen Schutz.

Man strebt nach dem Individuellen. Doch der Individuelle hat tausend Verwandte.

Man strebt nach dem Individuellen.
Doch der Individuelle hat tausend Verwandte.
Und jeden als Individuum als Feind im Nacken.

Wir sind klug, wir sind kühn, wir sind berechnend.
Wir lesen, um mitreden zu können.
Wir reden, um andere übertrumpfen zu können.
Wir schreien, um andere unterwerfen zu können.

Profilneurosen, Wortgefechte, Atemstillstand.
Es ist schön, jung zu sein.
Es ist schrecklich, jung zu sein.
Wir feuersanieren Gebrechliches.

Apathie.
Wir sind verloren im Nichts und gefangen im Sein.
Dissertation. Habilitation. Rehabilitation.
Wir sind aufrichtig verlogen.
Wir sind stolz, doch nein, wir haben keinen Respekt und kein Selbstwertgefühl.
Wir suhlen uns im Elend.

Meine Gedanken sind frei wie ein wilder Vogel, doch ich weiß nicht, wie ich aus dem Käfig ausbrechen soll.

Depression als Lebensgefühl.
Stigmata. Traumata.
Meine Gedanken sind frei wie ein wilder Vogel, doch ich weiß nicht, wie ich aus dem Käfig ausbrechen soll.
Privilegierte Wohlstandsscheiße, Junkies, Künstler, Spießbürger, Dreck, Drogen, Musik, Literatur und Freunde.
Du kannst mir nichts erzählen, was ich nicht schon weiß, außer du erzählst von Atomphysik.

Ich weiß nicht, wer du bist.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ist doch egal.

Mia. Träumerin.

Headerfoto: Kendyle Nelsen via Unsplash.com. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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