Wir machen Sommerferien | Was am LAGeSo los ist

Um das Ende dieses Textes gleich vorweg zu nehmen: im gegenteil geht erstmalig für zwei Wochen in die Sommerpause. Das ist irgendwie schade, aber dringend nötig, denn hinter dieser Seite stecken kein Verlag, kein Investor, sondern 2,5 Menschen. <3

Eigentlich wollte ich euch an dieser Stelle die Story verkaufen, dass wir in den Sommerurlaub fahren, um den Router auszuschalten und unter Palmen ordentlich durchzubrutzeln. Aber wozu das Bild vom geilen Blogger-Leben aufrecht erhalten, wenn wir tatsächlich auch in dieser Sommerpause arbeiten werden?

Wie einige von euch mitbekommen haben, engagieren wir uns seit knapp zwei Wochen am Landesamt für Gesundheit und Soziales (dem LAGeSo) in Berlin Moabit für Geflüchtete, die dort eine Erstaufnahmestelle vorfinden, die im Chaos versinkt. Nachdem die Ankommenden eine Wartemarke gezogen haben, warten sie tage- und wochenlang in einem riesigen Pulk darauf, dass ihre Nummer mit einem Post-It auf einer Tafel angebracht wird. Dann werden sie beim Gespräch an eine Notunterkunft verwiesen oder erhalten einen (in den meisten Fällen) wertlosen Hostel-Gutschein. Die Menschen, die dort warten, haben wochen-oder monatelange Reisen hinter sich – viele über das Meer. Ihr kennt die Geschichten dieser Reisen aus dem Fernsehen. Manche haben an Habseligkeiten nur die Kleider, mit denen sie zu Hause aufgebrochen sind, und ein Telefon. Manche haben nicht mal Schuhe. Manche von ihnen sind alt, krank, hochschwanger oder gerade erst geboren worden. Manche sind minderjährig und alleine – weil sie alleine gekommen sind oder weil sie auf der Reise ihre Angehörigen verloren haben. Manche haben es nicht geschafft.

Die knapp zwei Wochen vor Ort, in denen ich am LAGeSo von der Müllaufheberin zur Wasserzapferin zur Problemlöserin und letztlich in einer Notunterkunft zur Aufnahmehelferin wurde, haben ihre Spuren hinterlassen. Knapp zwei Wochen lang habe ich kaum schlafen können, habe vor Ort zwischen 10 und 16 Stunden gearbeitet, hatte kein anderes Gesprächsthema. Mir ist sogar der Humor vergangen (und Leute, die mich kennen, werden wissen, dass das was zu heißen hat). Ich habe viel geweint. Ich habe mich schlecht gefühlt, aber gebraucht und wahnsinnig wütend. Wütend, weil dort vor Ort die Last und das Leid der Ankommenden auf den Schultern der Helfer getragen wird. Diese Helfer helfen, weil sie gerade Urlaub haben, weil sie Freiberufler sind, weil sie noch zur Schule gehen oder schon in Rente sind. Keiner von ihnen wird entlohnt, keiner ist ausgebildet für die Art von Seelsorge, die dort geleistet werden muss. Bei Nervenzusammenbrüchen, Suizidversuchen, Fehlgeburten, Blutvergiftungen und offenen Wunden kann ich keine Hilfe sein, das verkrafte ich nicht. Ich sorge mich um die anderen Helfer. Helfer, die die Nacht über bis in den Morgen hinein obdachlose Geflüchtete aus den Parks aufsammeln, um sie irgendwie noch unterzubringen, oder ihnen wenigstens Wasser, etwas zu Essen und eine Decke zu bringen. Ich bin überwältigt von dem Engangement Einzelner, dem es zu verdanken ist, dass die Lage vor Ort so viel entspannter und besser ist. Ich erinnere mich an einen Großeinsatz der Polizei vor zwei Wochen, weil die Situation vor Ort am LAGeSo eskaliert war. Bei 39 Grad griffen die Wartenden panisch alle Hilfsgüter, die sie kriegen konnten. Die Stimmung war aufgeladen und es dauerte nicht lange, bis Security und Geflüchtete in einen Konflikt gerieten, der von der Polizei mit massiver Präsenz und CS-Gas gelöst wurde. Heute ist das anders. Auch wenn noch immer jeden Tag bis zu 700 Leute vor dem Amt warten, die Stimmung ist gelockert. Die Polizei kommt nur noch, wenn beispielsweise einer der Geflüchteten außerhalb des Geländes zusammengeschlagen wurde. Auf dem Platz hat sich herumgesprochen, dass dort „Frauen mit Engelsflügeln“ helfen.

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Vor dem LAGeSo hält sich auch das Gerücht, dass die Busse, die die Familien in Notunterkünfte in Spandau, Wilmersdorf oder Karlshorst bringen sollen, eigentlich zur Grenze fahren, wo alle sofort abgeschoben werden. Außerdem, dass der Bescheid, man werde in Sachsen untergebracht (ein Schicksal, das vorrangig Libyer zu treffen scheint), eine sehr schlechte Nachricht sei. Ich habe mit Leuten gesprochen, die sich in der Nähe von Dresden nicht aus ihrem Heim trauen, weil dort „schlechte Menschen“ auf sie warten. Zumindest dieses Gerücht stimmt also.

Ich spreche inzwischen ein wenig Arabisch und mein Französisch wurde aufgefrischt, ich kann mich mit Leuten verständigen, die ich null verstehe, ich kann die Zettel vom Amt deuten, ich kann kleine Kinder zum Lachen bringen, ich kann Händchen halten (wenn auch mit Gummihandschuhen), ich bin offener geworden und gleichzeitig strenger, ich kann Arschlöcher vom Platz geleiten, die mit Deutschland-Merch im Arm die Helfer beschimpfen, ich kann Interviews geben und Menschen in den Arm nehmen, wenn sie nicht mehr können. Diese zwei Wochen waren ein Crashkurs in humanitärer Hilfe.

Ich habe eine Handvoll Geflüchteter besser kennenlernen dürfen. Zum Beispiel Ali aus Ägypten – auf seinem Weg nach Deutschland wurden schreiende Babies von Bord geworfen, weil die Reisenden Angst hatten, in ihrem Boot entdeckt zu werden. Er ist 23 und hat einen Platz in einem Hostel ergattert, ist also vorerst sicher. Jeden Tag kommt er zum Gelände, um am Wasserstand zu helfen. Letzte Woche hatte er besonders gute Laune, als sein Bruder in der Heimat geheiratet hat und ihm Bilder schickte. Er vermisst seine Familie sehr. Zum Glück gibt es Facebook.

Dann ist da Raza aus Pakistan. Er ist 21. Als ich ihn zum ersten Mal sah, half er mir am Wasserstand. Er war gerade in Deutschland angekommen und bat mich um Hilfe, er könnte nicht mehr im Park schlafen. Als ich ihn abends doch in den Park schicken musste, musste ich sehr weinen. Er tröstete mich. Inzwischen ist er bei einem der Helfer untergekommen und begrüßt mich jeden Tag wundervoll überschwänglich mit einem „Good morning, mam. How are you today?“ Das blaue Melt-Festival-Shirt, das ich ihm gebracht habe, sieht man schon von weitem. Jetzt besitzt er zwei T-Shirts.

Und dann ist da Tarik aus Syrien. Er ist 20. In seiner Heimat, wo seine Familie noch ist, hatte er einen Job, und sogar ein Auto, erzählte er mir bei unserer ersten Begegnung in gebrochenem Deutsch. Er schläft in Berlin lieber auf der Straße, als zurück in die Nähe von Dresden zu gehen. Seinen Koffer hat er immer dabei. Er nennt mich „große Schwester“, seine Tränen treffen mich mit aller Gewalt mitten im Herzen. Dass ich ihn in den letzten Tagen nicht gesehen habe und nicht auf seinem Handy erreiche, lässt mich nicht los. Ich hoffe, es geht ihm gut.

Dass es das Land Berlin noch immer nicht geschafft hat, das Krisenmanagement zu übernehmen, macht mich fassungslos und sauer, denn es ist keine Besserung der Lage in Sicht und so langsam aber sicher sind alle Helfer emotional und körperlich am Ende. Die Caritas wird für eine Woche unterstützend vor Ort sein, das Hauptwerk wird weiterhin von der ehrenamtlichen Organisation Moabit hilft getragen. Die Politik hat er versäumt, sich um die unhaltbaren sanitären Anlagen zu kümmern, schützende Zelte für Unwetter bereitzustellen oder einen Arzt zu organisieren. Wir reden hier von einem einzigen verdammten Arzt. Nix.

Bitte spendet weiter, bitte kommt weiterhin am LAGeSo und in den Notunterkünften vorbei, informiert euch auf berlin-hilft-lageso.de und erzählt euren Freunden und Familien davon. Wenn ihr nicht in Berlin wohnt, informiert euch über die Situation in eurer Stadt und engagiert euch. Schon eine Stunde in der Woche hilft den Menschen und ich verspreche euch, dass ihr es nicht bereuen werdet.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte? Hiermit eröffne ich die im gegenteil-Sommerpause. Wir gehen jetzt die Sonne genießen – am LAGeSo. Im September sind wir wieder zurück. Wir freuen uns schon auf euch. Bis dahin. Passt auf euch auf.

Eure imgegenteilchen. <3

2 Comments

  • Lexi sagt:

    Liebe Jule,

    vielen Dank für diesen Beitrag.
    Ich war auch die letzten beiden Tage auf dem LaGeSo-Gelände und habe geholfen. Es hat mich zum Teil auch sehr mitgenommen. Heute fragte mich ein junger Mann, ob ich ihm eine wärmere Jacke aus der Kleiderspende geben könnte, da ihm seine Jacke gestohlen wurde. Er wurde beim Überfall geschlagen und er fror in der letzten Nacht draußen. Ich habe ihn mit Kleidung versorgt und er war so dankbar und es war ihm fast unangenehm die Kleidung anzunehmen. Ich war zu Tränen gerührt und denke immer wieder daran, wie es ihm jetzt wohl gehen mag.
    Vielleicht treffen wir uns in den nächsten Tagen mal dort.
    Alles Gute und ich finde es toll, dass ihr die Flüchtlinge in eurer Sommerpause unterstützt!!

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