Wir können nicht alles haben: Warum wir doch manchmal verzichten müssen

Verzicht: Das Wort klingt eklig. Es zischt um die Ecke wie der zu lang geratene Leib einer Giftnatter. Wir mögen es nicht sonderlich, assoziieren Verzicht mit Askese, Mönchs- und Nonnentum und sowieso irgendwie Rückwärtsgewandtheit. Und mit Unbequemlichkeit. Verzicht ist doof.

Habenhabenhaben – von Kindesbeinen an

Dabei sind wir doch darauf getrimmt, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Und uns einzuverleiben. Das zeichnet sich bereits dann ab, wenn wir uns als Kleinkinder alles Verfügbare in den Mund stecken, um es aus nächster Nähe zu begutachten. Und je größer wir werden, desto schneller wachsen auch unsere Konsum-Wünsche.

Beziehungsweise: desto schneller verändern sie sich, nehmen immer neue Gestalten an und klettern immer schneller und weiter die Preisspirale nach oben.

In einer Welt, die wesentlich auf unserem Bedürfnis, unser Leben permanent umzugestalten, aufbaut und die eine gewisse Kaufkraft zum Statussymbol erhoben hat, fahren wir damit ganz gut.

In einer Welt, die wesentlich auf unserem Bedürfnis, unser Leben permanent umzugestalten, aufbaut und die Kaufen sowie die Macht, das (theoretisch wie praktisch) zu tun (Kaufkraft) zum Statussymbol erhoben hat, fahren wir damit ganz gut. Wir bekommen anerkennende Blicke für das tolle Outfit, die neuen Technik-Gadgets erleichtern unser Leben und wir bekommen praktischerweise gleich das Gefühl mitgeliefert, genau dieses Leben perfekt im Griff zu haben – dank unserer Konsummacht.

Und wenn jemals irgendwer um die Ecke kommt und uns (freundlich oder weniger freundlich) darauf hinweist, dass das mit dem Konsumieren ja nicht ohne Folgen bleibt – für irgendjemanden am anderen Ende der Welt – und sowieso irgendwie alles CO2 in die Luft bläst, dann wollen wir das gar nicht hören.

Verdirb mir nicht den Spaß an meinem Leben! Ich hab‘ nur eins davon!

Nachhaltig konsumieren?

Das ist soweit verständlich und richtig, als dass wir uns eben weitestgehend über das, was wir kaufen – und in dessen Folge – besitzen, selbst in dieser Welt verorten. Wir sind (meistens jedenfalls) ganz wesentlich definiert durch das, was uns umgibt. Oder richtiger:Wir definieren uns selbst darüber. Aber das ist noch einmal ein anderes Thema.

Der Punkt ist, dass wir uns ungerne etwas verbieten lassen.

Der Punkt ist, dass wir uns deswegen ungerne etwas verbieten lassen. Ja, nicht einmal kritische Bemerkungen, die gar nicht böse gemeint sind, mögen wir auch nur im Ansatz hören, wenn sie auf unser Kaufverhalten abzielen. Was geht dich das an? Ist mein Einkaufswagen, nicht deiner.

Man möchte entgegnen, das sei wohl richtig. Was du in deinen Einkaufswagen packst, geht mich genauso wenig an wie das, was in deinen vier Wänden abgeht. Mit einer Ausnahme: jemand kommt dadurch zu Schaden.

Und wenn wir über den Tellerrand hinaus und die Fakten anschauen, sehen wir: Durch unbedachten Konsum kommen so einige zu Schaden. Menschen, Tiere, die Umwelt (= der Planet Erde).

Dauerhaftes Wachstum kann nicht funktionieren – und falls doch, dann zumindest nicht langfristig gutgehen.

Weniger statt Masse bedeutet: Verzichten

Und die Antwort auf billigen Massenkonsum á la Klamottenschwede kann nicht das Umschwenken auf Fair Fashion im selben Rausch sein (sofern es monetär möglich ist). Die Antwort auf für ständigen Fleischverzehr kann nicht in dauerhaft prall gefüllten exotischen Smoothie-Bowls und Avocado-Toasts liegen. Der alltägliche Gadget-Himmel zum Leben-Vereinfachen wird nicht weißgetüncht-heilig, wenn er grün gelabelt ist.

Der alltägliche Gadget-Himmel zum Leben-Vereinfachen wird nicht weißgetüncht-heilig, wenn er grün gelabelt ist.

Man darf mich nicht falsch verstehen: Ich bin total für Entspannung. Absolut. Für Achtsamkeit, Selbstliebe und Nicht-Perfektion. Dazu gehört auch, dass wir nicht alles besonders toll (weil nachhaltig) machen können und jede Konsumentscheidung, die wir treffen, Auswirkungen auf jemanden und etwas hat. Und das nicht nur positive.

Das können wir in der heutigen Zeit nicht mehr vermeiden. Und im Sinne allumfassender Selbstliebe gehört auch dazu, das einzusehen und sich nicht in ökologische Spitzfindigkeiten zu verbeißen bzw. fünfe auch mal gerade sein zu lassen.

Dazu gehört, schöne Kleidung und schöne Dinge generell zu lieben und sich damit zu umgeben. Sich ab und zu mal eine Freude zu machen, auch im materiellen Sinne.

Von Selbstliebe und Egoismus

Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn Selbstliebe und -fürsorge vom Heilmittel zum universell verehrten Lebensprinzip verklärt werden und dann gefährlich nahe an den Egoismus heranreichen.

Denn so sehr es richtig ist, dass wir uns in den meisten Fällen erst um andere kümmern können, wenn es uns selbst gut geht – und auch dann nicht alles perfekt machen können, einfach weil wir Menschen sind – so sehr ist es auch richtig, dass eine überbordend selbstfixierte Lebensweise alles andere als positive Auswirkungen hat. Sowohl auf die Umwelt als auch auf mich selbst.

Klar habe ich Lust auf Avocado. Wenn ich mich nicht zusammenreißen würde, könnte ich die jeden Tag essen. Dasselbe gilt für Ananas oder Bananen.

Klar habe ich Lust auf Avocado. Wenn ich mich nicht zusammenreißen würde, könnte ich die jeden Tag essen. Dasselbe gilt für Ananas oder Bananen. Und Autofahrten. Mann, fahre ich gerne Auto! Zumindest als Beifahrerin, einen Führerschein habe ich nicht. Gelegenheit macht Gewohnheit.

Und diese ganzen tollen Make-Up-Produkte, die man ausprobieren kann! Naturkosmetik, natürlich. Und diese vielen Kleider, die nur meinen Namen gerufen haben! Fair Fashion, versteht sich. Achso, ja, ein neues Handy jedes Jahr ist auch nett. Ich bin gerne auf dem neuesten Stand der Technik.

Das alles sind Dinge, die schön sind. Man belohnt sich, man befriedigt Bedürfnisse, man badet in Luxus. Wer tut das nicht gerne – jedenfalls bis zu einem gewissen Grad? Das ist vollkommen normal. (Leider?)

Und man kann ja weiterhin einen minimalistischen Haushalt führen, indem man alles, was im grünen Konsumrausch dann schnell wieder obsolet wird, verschenkt oder verkauft. Und sich dann weiter einreden, man handle nachhaltig.

Abgesehen davon, dass dieser Begriff schwierig zu definieren ist, stellt sich die Frage, ob vieles, das im Nachhaltigkeits-Bereich gängig ist, nicht lediglich eine grün getünchte Augenwischerei darstellt. Denn: Es gibt keinen nachhaltigen Konsum. Nicht so, wie es das Begriffspaar assoziieren will.

Es gibt keinen nachhaltigen Konsum. Nicht so, wie es das Begriffspaar assoziieren will.

Ich finde es toll, kleine Labels und Firmen zu unterstützen und kaufe dort gerne selbst ein – wenn ich etwas brauche. Bio ist großartig, Fair Trade sowieso. Und jede Kaufentscheidung ein Stimmzettel. Für Dinge, die wir uns sowieso gekauft hätten, weil sie zu einem abgesicherten und einigermaßen angenehmen Leben dazugehören.

Die bewussten Konsument*innen mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche interpretieren Nachhaltigkeit allerdings auch gerne so (habe ich jedenfalls den Eindruck), dass auch hier Wandel und Vielfältigkeit im Sinne von Masse erstrebenswert erscheinen. Und das ärgert mich.

Es ist nicht okay, dauerhaft und selbstgefällig auf der einen Seite zu propagieren (und sei es nur sich selbst gegenüber), dass man für die Weltrettung stehe, wenn man am anderen Ende unreflektiert weiter konsumiert. Oder noch schlimmer: im vollen reflektierten Bewusstsein.

Mach ich aber trotzdem so, weil ich hab jetzt Bock drauf. Manchmal ist das notwendig und vollkommen in Ordnung. Jede*r hat solche Tage oder Phasen, das geht mir nicht anders. Und zu viel Restriktion bewirkt nur, dass man sich am Ende überhaupt nicht mehr mit der Materie beschäftigen möchte, weil alles viel zu eng ist und die Luft zum Atmen fehlt.

Wofür ich aber plädieren möchte, ist, die weiche Flauschwelt der grünen Alternativen ab und an zu verlassen und sich dringend zu fragen, ob man das Produkt wirklich braucht.

Wofür ich aber plädieren möchte, ist, die weiche Flauschwelt der grünen Alternativen ab und an zu verlassen und sich dringend zu fragen, ob man das Produkt wirklich braucht. „Hat die Welt auf so etwas gewartet? Wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Warum mache ich das jetzt?“

Es gibt so viel Mist derzeit, der sich grün nennt und auf einen Zug aufspringen will, der nicht einmal in den ersten Gang geschaltet hat. Und es ist an uns, das zu erkennen und uns nicht auch in zweiter Instanz durch falsche Versprechen und Blend-Werbung zu unmündigen Konsument*innen stempeln zu lassen.

Wir können nicht alles haben: Weltrettung und alles befriedigender Konsum geht nicht.

Wir müssen uns entscheiden: Nehmen wir die Avocado mit, weil wir uns so lange drauf gefreut haben – aber dafür in Kauf, einen massiven ökologisch belastenden Herstellungsprozess zu unterstützen? Müssen die Erdbeeren Anfang März sein – weil sie eine besondere Belohnung für mich sind und ich nicht länger warten kann?

Nehme ich dann die fragwürdigen Arbeitsbedingungen in Spanien in Kauf? Und kann ich damit leben, dass die fünfte (Jeans-)Hose auch massenhaft Wasser gefressen hat, bevor sie durch die Stätten eines nachhaltig produzierenden Labels in meinen Kleiderschrank gewandert ist?

Das macht bewussten Konsum aus. Nicht die Perfektion, wohl aber die Reflexion.

Das macht bewussten Konsum aus. Nicht die Perfektion, wohl aber die Reflexion. Und das Handeln nach bestem Gewissen – auch wenn es bedeutet, sich für sich selbst zu entscheiden. Dieses Mal. Und das nächste Mal für jemand anderen – einen Menschen auf dem Feld am anderen Ende der Welt oder zukünftige Generationen – und das Produkt einfach im Regal stehen zu lassen.

Und die Schlange im Verzicht klingt schon gar nicht mehr so identitätsbedrohend, wenn diese Balance gewährleistet bleibt.

Headerfoto: Jenni/Mehr als Grünzeug.

Jenni von MEHR ALS GRÜNZEUG ist wohl das, was man einen modernen Öko nennt: Sie lebt vegan (zumindest, soweit es geht), ist andauernd dabei, ihre Bude auszumisten, liebt Naturkosmetik, Fair Fashion und Minimalismus und ist allgemein der Auffassung, dass wir jetzt aber mal ziemlich dringend was ändern müssen, wenn wir uns und diesen Planeten retten wollen. Mit einer großen Portion Idealismus schreibt sie daher auf ihrem Blog "Mehr als Grünzeug" über genau diese Themen (und noch mehr). Was sie nicht mag: erhobene Zeigefinger und Miesepeter. Was sie liebt: visionäre Ideen und Menschen, die ihre Leidenschaft leben. Und gutes, veganes Essen.

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