Wimpernschläge – gespeichert, auf ewig

Ich steige Frankfurter Allee aus. Es ist kalt. Menschen schieben sich an mir vorbei. Grau und hektisch, Straßen und Gesichter.
Ich lese Jessener. Und gehe weiter. Wimpernschläge. Ich lese Oderstraße. Gedankenblitze. Hell. Dunkel. Und aus der Dunkelheit trittst Du. Plötzlich. Unerwartet. Sehe Dich im schwarzen Hemd die Tür öffnen. Atme den Duft Deiner Wohnung, Deiner Haut und Deiner Haare. Gespeichert. Unvergessen.
Berühre Deine schmalen Lippen. Nein, Du küsst mich. Ich schwitze nur und bin überrascht, wie gut Deine Lippen auf meine passen.
Küssen will ich Dich! Schmecken will ich dich! Fühlen will ich Dich! Endlich … wieder!

Du ziehst mich zu Dir; und in Deinen Bann.
Deine Hände, schmal und zart, führen mich. Unerwartet streng, unerwartet bestimmend und schmerzlich fest. Deine Zunge spielt Trost und gaukelt Versöhnung, aber verschlingt mich. Stößt mich hinab. Lässt mich endlos fallen. Ich spüre deine Nasenspitze an meinem Kitzler. Deine Finger, die nach mir greifen. Deinen Atem. Deinen Kopf unter meiner Hand und zwischen meinen Schenkeln. Auch das: Gespeichert. Auf ewig.

Bin oben auf. Habe die Macht. Denke ich. Hoffe ich und liege falsch.

Ich liege zwischen deinen Beinen. Deine Haut so warm und weich. Dein Schwanz so hart. Ich rieche Dich, ich schmecke ihn und wiege mich in Sicherheit. Bin oben auf. Habe die Macht. Denke ich. Hoffe ich und liege falsch. Finde mich auf dem Bauch, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Deine Beine drücken meine auseinander. Ich wundere mich, wo Du die Kraft hernimmst, und ringe nach Luft. Möchte Kontrolle. Möchte Nichts; kann nicht denken. Will nur Dich!

Ich möchte Deinen Atem spüren.
Schnell, treibend, und warm auf meiner Haut.
Hände, die meine Hüfte fest umschließen. Fordernd, zupackend und prickelnd auf meiner Haut.
Lippen und Zähne, die sich in meinen Rücken graben. Schmerzhaft, gierig, und Spuren hinterlassend auf meiner Haut.

Ich will …
Schweiß, der tropft.
Haut, die brennt.
Augen, die leuchten.
Zungen, die lecken.
Hände, die zugreifen.
Atemlos sein. Fallen.
Ich will …
Dich!

Du bist stets freier als ich: lauter, ungezügelter. Manchmal kalt, manchmal ganz Du selbst und manchmal auch bei mir.

Oderstraße, lese ich. Dann gehe ich weiter.

Monate ist das nun her und dann. Dann sehen wir uns tatsächlich wieder. Kälte und Kino, das passt. Wir treffen uns. Wir lächeln. Du findest mich schön, aber anders. Ich scherze sarkastisch. Bin etwas zu laut, zu locker und wundere mich selbst.

Ich schlage einen französischen Film vor. Deine Antwort ist knapp. Du hasst französische Filme. Für wenige Sekunden ist plötzlich Stille in meinem Kopf: Ich erinnere mich schlagartig, wie ich Dir vor Zeiten begeistert einen Link mit den Worten „für Herz und Verstand“ schickte. Ein Film. Mein Lieblingsfilm in jenen Tagen. Ein bisschen Spiegel meiner Seele; ein bisschen auch mein Herz und mein Verstand. Überzeugt, dass Du ihn mögen würdest. Ein französischer Film!

Die Leinwand flimmert; alles verliert sich, sobald Deine Finger mein Knie berühren. Filmfetzen ziehen an mir vorüber.

Ich kaufe die Tickets. Die Entscheidung triffst Du. Warum auch nicht. Die Leinwand flimmert; alles verliert sich, sobald Deine Finger mein Knie berühren. Filmfetzen ziehen an mir vorüber, während ich Dich von der Seite beobachte. Schön finde ich Dich. Anziehend, aber anders.

Der Film endet. Wir gehen zu Dir. Wir reden. Wenig. Und ich werde zu immer weniger ICH. Mir ist kalt. Nicht nur meine Hände. Zusätzlich mache ich einen auf cool. Und scheitere mit flachen Sprüchen und kindischen Manövern. Gelangweilt stellst Du mir höfliche Fragen: Arbeit. Studium. Und sonst so. Meine Antworten sind knapp. Ich fühle Desinteresse. Einbildung? Übertreibung? Denn schließlich sehe ich nichts außer Augen. Ich sehe rein gar nichts. Außer einem Gesicht. Ich sehe alles; außer Begeisterung. Alles, außer Wertschätzung.

Erzählen möchte ich.
Zuhören und angehört werden möchte ich.
Nichts davon passiert.

Wir küssen uns. Lang ersehnte Küsse voller Leidenschaft. Zumindest, wenn es ein Film gewesen wäre. Ich will. Ich will Dich und Deine Lippen. Und küsse schlecht. Steif. Fremd. So lange, so verdammt lange … habe ich mich genau darauf gefreut. Und scheitere. Scheitere an meinen eigenen Gedanken, die sich noch irgendwo zwischen der letzten WhatsApp-Nachricht und der Begrüßung im Kino festkrallen und einfach nicht loslassen wollen. Was ich will interessiert sie nicht. Aber vielleicht wissen sie nur das, was ich noch hinter kalten Händen und schlechten Scherzen zu verbergen suche.

Ich zittere.
Mein Herz trommelt zum Gefecht.
Ich fühle mich benommen, aus der Bahn geworfen. Gedankenverloren.

Ein Treffen nach Monaten und ich fühle mich unbeschreiblich. Unbeschreiblich ängstlich, unbeschreiblich unruhig, unbeschreiblich nackt. Ein Treffen. Ein Mann. Wenige Worte in wenigen Stunden. Und mir zerspringt fast das Herz. So klein, so unbedeutend, so uninteressant. Immer wieder schaffst Du das. Nie bewusst. Nie willentlich.

Ich sehe. Das ist das Problem. Ich sehe Dich.

Dein Wesen ist keineswegs übermütig, unbekümmert und stolz. Ich sehe. Das ist das Problem. Ich sehe Dich. Mit jedem Wort, jeder noch so kleinen Geschichte, jeder belanglos erscheinenden Reaktion, jedem Atemzug sehe ich Dich besser denn je. Doch für Dich bleibe ich im Schatten. Unsichtbar. Uninteressant. Belangloser Zeitvertreib. Alles verpackt in leichter Konversation, netten Worten und schmallippigen Küssen. Und alles schreit: Du bist NICHTS für mich.

Das ist es also. Der Grund, warum die Freude auf ein Wiedersehen von Anfang an asch und fahl schmeckt. Ich weiß bereits, wie es endet. Und dass sich das Ende selten gut anfühlt. Du verbiegst mich, brichst mich, zerstörst mich, hinterlässt Trümmer und dunkle Schwere. Nach Luft ringen hilft nicht. Und es wird auch nicht besser mit der Anzahl der vergangenen Tage. Nur noch schwerer, noch dunkler. Alles steht in Frage, alles überzieht sich mit giftigem Zweifel.

Und ich denke: Das Leben ist zu kurz. Und dann fällt die Tür ins Schloss und ich stehe vor Deiner Wohnung. Es ist kalt.

Mali. Alles nur keine Autorin. Frustschreiberin. Wortsucherin. Beobachterin der ungesehenen Dinge. Die Augen stets Richtung Sonne und himmelwärts gewandt, und bis zu den Knien im dunklen Morast steckend. Mit der Hoffnung, dass da draußen jemand ist, der meinen Arsch irgendwann da raus zieht. Ansonsten: 31 Jahre. Einem Alltag aus Studium, Arbeit, Freunden und verkorksten Bekanntschaften.

Headerfoto: Frau mit Wasserglas via Shutterstock.com! („Sexy Times“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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