Wie zwei schiefe Bäume

Es gibt diese Menschen, die wachsen schief. Vielleicht weil schon viel zu früh die Bedingungen ihres Wachstums nicht stabil genug waren oder weil später in ihrem Leben etwas so Einschneidendes geschah, dass es sie vom geradlinigen Weg nach oben abbrachte, dass sie sich krümmten, verbiegen mussten.

So entstehen also schiefe Menschen, immer in der Gefahr, abzustürzen, das eigene Gewicht nicht länger tragen zu können. Wie die zwei Bäume, die an den beiden Uferseiten des Flusses wachsen, der in der Nähe meines Elternhauses fließt, wo heute andere Menschen leben. Das Unglück hatte diese beiden Bäume so nah am Wasser ihre Wurzeln schlagen lassen, dass sie, je größer sie wurden, immer weiter dem Abgrund entgegen kippten.

„Die machen es nicht mehr lang!“, hatten die Menschen in dem Ort gesagt, in dem ich aufwuchs. Und als ich heute nach so vielen Jahren dorthin zurückkehrte, weil ich etwas suchte, von dem ich nicht wusste, was es war, da war ich sicher, dass von den beiden Bäumen nur noch ihre Stümpfe übrig geblieben sein konnten, dass sie schon längt in den Fluss gestürzt und davon gespült worden sein mussten. Aber stattdessen funkelte alles grün, alles raschelte wild, überall war das Leben: Über dem Fluss schwebte ein sonnendurchflutetes Dach aus grünen Blättern, die sich in tausenden Berührungen aneinander rieben, dessen Äste sich so wild verzweigten, dass nicht mehr klar war, wer wer war, wo der eine anfing und wo der andere aufhörte. Die beiden Bäume waren nicht gekippt, sie waren aufeinander zugewachsen und hatten sich in der Mitte über dem Fluss getroffen. Nun lehnten sie aneinander, hielten sich gegenseitig, blühten zusammen.

Wären diese beiden Bäume nicht so schräg gewachsen, hätten sie sich nie getroffen, wären allein geblieben auf ihren Uferseiten. Vielleicht kann das auch so sein in der Liebe. Vielleicht trifft Deine Schrägheit genau auf meine Schrägheit. Vielleicht mussten wir all das so erleben, um heute so zu sein, wie wir sind. Und es ist genau richtig so, wie es jetzt ist.

Tobi ist mal so und mal so. So ganz verstanden hat er das alles noch nicht, aber es wird immer besser und da es jetzt schon ziemlich gut ist, macht ihm das manchmal Angst: „Wieviel Schönheit kann ein Mensch ertragen bis er platzt“, sorgt er sich in solchen Momenten. Er schreibt hin und wieder Texte, die ihm selbst widersprechen, um zu fühlen, wie sich das anfühlt.

Headerfoto: Kate Dollarhyde via Creative Commons Lizenz!

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3 Comments

  • Harmonie sagt:

    Danke, Tobi, für diesen wunderbaren Artikel!
    Das ist es doch letztlich, wonach wir alle suchen: Jemand, der uns in unserer Schrägheit nicht nur annimmt und liebt, sondern mit dem wir gemeinsam durch unser beider Schrägheit mit- und aneinander wachsen können und uns gegenseitig Halt geben. Hoffen wir nur, dass sich der zweite schräge „Baum“ noch findet : )

  • Jana sagt:

    Wie schön und wahr!

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