Minimalismus: Wie sich meine Beziehung zu Besitz verändert hat

Welches Verhältnis haben wir eigentlich zu den Dingen, die uns umgeben? Die wir uns kaufen, vielleicht sogar tagtäglich, und unser Eigen nennen? Warum fällt es uns so leicht, so vielen Dingen unsere Liebe zu schenken? Oder tun wir das am Ende gar nicht?

Vom Vielbesitzen

Das erste Mal habe ich von der berühmten 10.000-Gegenstände-These in einer Philosophie-Vorlesung gehört. 10.000 Dinge, so mein Professor, seien in jedem durchschnittlichen industrienation-modernen Haushalt zu finden. 10.000 Gegenstände.

Ich weiß noch, dass ich daraufhin im Blitzverfahren die Habe von mir und Mr. Grünzeug im Geiste durchging – und einigermaßen stolz zu dem Ergebnis kam, dass im Laufe der Jahre sicherlich mehr als 10.000 Gegenstände in unsere Wohnung eingezogen waren. Befriedigt lehnte ich mich zurück und genoss den Rest der Vorlesung (worum genau es ging, weiß ich gar nicht mehr – Schande über mich).

Wenn ich heute an genau diesen Moment – der sich, aus welchen Gründen auch immer, in meine Gehirnwindungen eingefräst hat – zurückdenke, überkommt mich ein Gefühl der Scham. So richtig mochte ich es mir lange Zeit gar nicht eingestehen – und vor dem Hintergrund einer im Verlauf des letzten Jahres erfolgten Entwicklung hin zum Minimalismus erst recht nicht -, aber: Befriedigung war haargenau die Emotion, die ich für einen Großteil meines Lebens mit Besitz, in welcher Form auch immer, verknüpfte.

Vom Loch, das gefüllt werden will

Viel zu besitzen, das bedeutete für mich sehr lange irgendwie eine nebulöse Sicherheit. Dazu muss man wissen: Ich komme aus einem Haushalt, in dem es nicht normal ist, dass Kinder Taschengeld bekommen und sich alles kaufen können (oder alles gekauft bekommen), was sie sich wünschen. Ich gehörte zu den Teenagern mit ewig alten (und hässlichen) Klamotten, einer eher gewollt als gekonnten Pflegeprodukte-Ausstattung und einem urmelalten Kinderzimmer. Nicht, dass Mama sich keine Mühe gegeben hätte – aber aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, ging es nicht anders.

Ich wuchs also mit dem immer latent vorhandenen Gefühl des begrenzten Konsums auf. Einem Mangel. Daher wurden Feste, die sich gesellschaftstechnisch genau diesem Konsum (und damit: einer Hungerlochfüllung) verschrieben haben, heiß begehrt und erwartet: Weihnachten und Geburtstag sowie Ostern und alle anderen Gelegenheiten, zu denen Kinder mit unnützem Krimskrams überhäuft werden, arteten in wahre Geschenkschlachten aus. Als Kind beschwert man sich freilich nicht – im Gegenteil. Man kann nicht genug davon bekommen.

Man wollte gefallen, kleidungstechnisch, ausstattungstechnisch und überhaupt. Man musste mithalten, mitziehen, irgendwie.

Als ich älter wurde, stiegen meine Ansprüche – in jeder Hinsicht. Man wollte gefallen, kleidungstechnisch, ausstattungstechnisch und überhaupt. Man musste mithalten, mitziehen, irgendwie. Und wenn die nötigen Mittel nicht vorhanden waren, war Frustration vorprogrammiert. Natürlich. Der unsichtbare Wettkampf zwischen Kindern und Jugendlichen in dieser Beziehung ist fatal brutal, weniger offensichtlicher als vielmehr impliziter Art.

To cut a long story short: Ging nicht. Fertig. Nach meinem frühen Auszug und mit den ersten selbstverdienten Moneten auf dem Konto konnte ich es daher (man wird es ahnen) kaum erwarten, dieses im Laufe der Jahre immer größer gewordene Loch zu füllen: Konsum auf Teufel komm‘ raus war das Credo der folgenden Jahre. Ich wollte … alles.

Kleidung, Kosmetik, Bücher, Dekokrimskrams, Lifestyle-Artikel. Je mehr, desto besser.

Was genau dieses alles war, weiß ich bis heute nicht. Kleidung, Kosmetik, Bücher, Dekokrimskrams, Lifestyle-Artikel (wer hat eigentlich diese höchst merkwürdige Konsumkategorie eingeführt, die ihre Produkte so gar keinem Sinn zuordnet?) und was sonst noch so vor den Radar eines gerade auf die Konsumwelt losgelassenen Teenagers geraten konnte, wurde gekauft.

Nicht, dass ich viel verdient hätte. Doch im Unterschied zum Hungerast der Kindheit kam ich mir vor wie im Paradies. Und verhielt mich auch so. Ich überfraß mich. An zu konsumierenden Gegenständen. Je mehr, desto besser.

Einmal die Woche wurden die bekannten Drogerieketten nach zu erwerbenden Kosmetika durchkämmt und mit einem prall gefüllten Beutel wieder verlassen. Hier schnell drei Teile vom Modeschweden, und dieser Schal sieht ja toll aus, was sind das für Schuhe? Egal, gekauft. Will ich haben. Will! Ich! Haben!

Viel und billig – der Konsumtraum?

Dass man das natürlich nicht jahrelang ohne Konsequenzen (nicht nur den Geldbeutel betreffend) fortführen kann, liegt auf der Hand: Spätestens vor einem Jahr habe ich dann langsam realisiert, dass ich ein Problem habe. Ein richtig handfestes Problem: Unsere Wohnung quoll über vor lauter Gegenständen. War langsam, aber sicher ein Tempel des Konsums geworden – ohne, dass ich das richtig gemerkt hätte, gemerkt haben konnte.

Ich steckte viel zu tief drin in meiner Suche nach der Erfüllung, die mir die Werbung durch diese ganzen die meiste Zeit des Jahres eigentlich nutzlos herumliegenden und irgendwo weggesperrten Sachen verprochen hatte. Ich war nur allzu willig gewesen, anzubeißen, den Köder sämtlicher Reklame zu schlucken, immer auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen, nach dem nächsten Befriedigungsquell.

Ich war nur allzu willig gewesen, anzubeißen, den Köder sämtlicher Reklame zu schlucken, immer auf der Suche nach dem nächsten Befriedigungsquell.

Dabei war der Großteil dieser so eifrig und fast immer gedankenlos, manchmal gar wie im Rausch erworbenen Teile – ganz ehrlich – der reinste Schrott. Einen besseren Begriff haben sie nicht verdient, diese Dinge – sowohl, was die Endkosten für mich als auch, was die Herstellungsbedingungen (über die ich mir damals freilich gar keine Gedanken machte) und den emotionalen Wert der Dinge anbelangte (dieser war nämlich nicht vorhanden). Ich hatte meine Wohnung zugemüllt.

Jetzt nicht so furchtbar messie-artig (bitte Kopfkino wieder ausschalten!), aber dennoch: Ich hatte zwei Schränke voller Billigst-Kleidung (von der ich 85% niemals anzog), massenhaft Kosmetika (wer weiß, wann man das noch brauchen konnte), unendlich viele Bücher (nun, das konnte ich jedenfalls noch vor mir und anderen rechtfertigen) und viel Klimbim, der eigentlich keinen anderen Zweck erfüllte, als da zu sein und mir ein Gefühl der Konsummacht zu vermitteln.

Ich fühlte mich unglücklich. Ich dachte irrsinnigerweise, ich besäße immer noch nicht genug.

Und ich fühlte mich unglücklich. Stetig. Lange habe ich nicht begriffen, woran das lag. Ich dachte irrsinnigerweise, ich besäße immer noch nicht genug, könnte immer noch nicht so richtig mithalten mit dem, was man hierzulande als Lebensstil verkauft und dem alle hinterherhecheln – also auch ich.

Und so kaufte ich weiter. Himmel, bis ich begriff, wo das eigentliche Problem lag, musste ich doch tatsächlich umziehen!

Denn – wen wundert’s? – unsere Wohnung wurde zu klein. Wir haben schon zu zweit auf 45 Quadratmetern gewohnt und mussten nun die eigentlich viel komfortableren 62 Quadratmeter verlassen – weil wir zu viel Kram hatten und schlicht und ergreifend nicht wussten, wohin damit. Und das meiste davon gehörte mir.

Und so machten wir uns auf die Suche nach einer neuen, größeren Bleibe, die versprach, unsere Habseligkeiten zuverlässig aufnehmen zu können, die Beute unserer Konsumwut verschlingen zu wollen. Unterstützt wurden wir dabei sicherlich nicht unwesentlich von der Vorstellung, dass man sich im Laufe seines Lebens immer „vergrößere“, sprich: Dass es ganz normal ist, irgendwann mehr Wohnraum zu benötigen. Vor allem, wenn man gewissermaßen schon fast kleinfamilienartig unterwegs ist.

Alle fanden das ganz normal. Auf die Idee, mir zu sagen, dass ich vielleicht einfach zu viel Kram besäße, ist niemand gekommen. Dabei hätte das unser Problem gelöst. Aber die Dinge sind manchmal leider erst in der Rückschau so einfach.

Vom Gegen-den-Strom-Schwimmen

Und als wir es dann gefunden hatten, das geeignete über-10.000-Gegenstände-schluckmächtige Ding von Wohnung, wurde mir beim Umzug – als ich all diese Sachen ernsthaft in die Hand nehmen, anschauen und von A nach B transportieren musste – klar, wo die eigentliche Wurzel allen Übels lag. Und ich hatte nicht wenig Lust, den Umzug abzublasen (was ich sicherlich auch getan hätte, wenn das so einfach funktioniert hätte).

Dass man sich selbst so fremd werden kann, war eine Erkenntnis, die mich nachhaltig erschüttert hat. Das war ich? Diese Ansammlung nutzloser Dinge? Das sollte mich definieren? Ich war fassungslos.

Das war ich? Diese Ansammlung nutzloser Dinge sollte mich definieren?

Schon da habe ich begonnen, zu erkennen, was früher oder später in aller Radikalität getan werden musste – das aber zunächst verdrängt und mich aber für den Moment mit einer dieser halbherzigen Aussortier-Aktionen begnügt, die man so alibimäßig halt durchführt, wenn man umzieht. Gehört ja dazu – frischer Wind und so.

Erst, nachdem ich das (die treuen Leser*innen werden es sicherlich nicht mehr hören können) unverschämte Glück hatte, Bea Johnson zu hören, fiel der Groschen. Dann aber richtig. Das Ergebnis kennt ihr.

Weniger ist mehr

Und auch, wenn Minimalismus und das ganze Theater drumherum jetzt auch schon irgendwie wieder Mainstream sind (endlich einmal ein guter Mainstream!), kann ich ihn euch nur ans Herz legen, den Reflexionsprozess, der sich vor allem um die Frage dreht: Was brauche ich eigentlich?

Bei uns hat er dazu geführt, dass wir unseren Haushalt mindestens halbiert haben – und so glücklich sind wie niemals zuvor. Geerdet, ist vielleicht das richtige Wort. Unsere Zimmer stehen nicht mehr voller Nippes – „Man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren“, meint Mr. Grünzeug völlig zurecht -, wir können freier atmen, weil wir nicht von so vielen Gegenständen erdrückt werden, die wir doch eigentlich nur gekauft haben, weil wir dachten, nicht anders zu können. Und wir haben mehr Energie für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Denn – ganz ehrlich: Immer auf der Suche nach neuen Dingen zum Konsumieren zu sein, kann auf Dauer ganz schön an den Energiereserven zehren.

Natürlich habe ich nach wie vor Konsumwünsche. In jedem Lebensbereich.

Natürlich habe ich nach wie vor Konsumwünsche. In jedem Lebensbereich. Und ich glaube, das ist auch nicht verwerflich (jedenfalls bin ich über dieses Stadium, mir deswegen Vorwürfe zu machen, ebenfalls bereits hinaus).

Aber ich gehe (und mit mir Mr. Grünzeug) anders an diese Wünsche heran: Anstelle sie sofort zu befriedigen, warte ich. Ich schreibe sie mir in ein kleines Büchlein und warte. Meistens ungefähr zwei Wochen. Dann schaue ich nochmal nach und überlege mir, ob ich das entsprechende Ding immer noch brauche. Wenn ich das glaube, dann bleibt es auf der Liste, um vielleicht irgendwann gekauft zu werden. Wenn nicht, wird es sofort und ohne mit der Wimper zu zucken gestrichen.

Die Gegenstände, die wir uns aussuchen, sind keine (für Produzent und Konsument) schrottmäßig-billigen mehr.

Und die Gegenstände, die wir uns aussuchen, sind auch keine (für Produzent und Konsument) schrottmäßig-billigen mehr. Wir möchten uns nur kaufen, was wir wirklich wollen – und Schrott gehört in aller Regel nicht dazu. Das bewahrt uns vor nippesartigen Überflutungen auf staubigen Regalböden.

Und dieses Um-die-Wunsch-Gegenstände-Herumtänzeln führt dazu, dass das vormalig zu stopfende Loch kleiner, der Hungerast überwunden wird und ich die Dinge, die dann doch bei uns einziehen dürfen, mit anderen Augen betrachte: Ich halte sie beinahe ehrfürchtig in der Hand, befühle sie ausgiebig (so kitschig das auch klingen mag), schaue sie mir von allen Seiten an, überlege, wo sie wohl herkommen und wer sie gemacht hat und welchen Platz sie bei uns nun einnehmen dürfen. Diese Zeit nehme ich mir.

Das Resultat: Ich liebe so ziemlich jeden Gegenstand, den ich besitze – angefangen vom Fair-Fashion-Oberteil bis hin zur gewöhnlichen Kaffeetasse. Das ist meins und das fühlt sich gut an.

Headerfoto: Mehr als Grünzeug + Unsplash.com. („Heal the World“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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