Wie schön sie war

Es war, im Grunde genommen, eine Trennung wie jede andere. Damit will ich nicht ihre Einzigartigkeit leugnen, jedes Ereignis ist einzigartig, sonst wäre es ja keines. Und trotzdem war es eine Trennung wie jede andere, irgendwie lächerlich, verlogen ehrlich und absolut unvollständig. Wir hatten es schon einige Male versucht. Das machte es nicht leichter, aber umso dringlicher. Umso mehr wurde eine deutliche Handlung notwendig, eine performative Äußerung, eine Handlung mit unmittelbaren Konsequenzen.

Wir trafen uns auf neutralem Territorium bei einem neutralen Grauburgunder. So war der Plan. Ich wartete einige Minuten auf sie, obwohl selbst zu spät, und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nach einer Weile erschien sie: blendend aussehend,  natürlich, strich mir im Vorbeigehen flüchtig über die Wange und setzte sich, mir gegenüber. Ihr Wein erwartete sie schon, sie stieß nicht an und sah nicht auf, sondern nahm zwei bestimmte, tiefe Schlucke. Ihre Dior-roten Lippen hinterließen die gewünschte Spur auf dem dünnen Rand des Glases – ich musste intuitiv schmunzeln, und konnte mir selbst nicht erklären, wieso. Warum sie und dieses Gespräch mir derart bis zur Lächerlichkeit gleichgültig waren, ich bekam es nicht heraus.

Ihr ging es sicher ähnlich, das konnte ich mir denken, oder jedenfalls war sie sich ebenso unklar darüber, was denn nun eigentlich geschehen sei, was sich verändert habe. Der Faktenlage nach, gar nichts. Das hatten wir schon erörtert. „Hast du lange gewartet?“, fragte sie. „Nö, kennst mich doch.“ Das stimmte, in gewisser Weise. Am profundesten lernt man einen Menschen in der ersten Nacht kennen, glaube ich. In der ersten Nacht, die sich keine Wiederholung ihrer selbst verspricht. Man zieht sich vollständig voreinander aus und fällt übereinander her, rücksichtslos, begierig.

Diese brutale, diese unsagbare Nacktheit gibt es nur in der ersten Nacht. Wenn das Verhältnis länger andauert, dann zieht man sich langsam wieder an, man kleidet sich Stück für Stück wieder in Stoffe und Gewohnheit, bis man sich – nach einem oder zwei Jahren – die Krawatte wieder umbindet und sich gegenübersteht, aufrecht, schweigend, traurig, mitleidig, melancholisch, lächerlich. Sicher, es wird Menschen geben, die behaupten, dass man sich erst dann, erst mit Krawatte, überhaupt erst anfängt kennenzulernen. Ich glaube, man lernt sich erdulden. Man lernt einander kennen, ja: die angezogene, die gewöhnliche Variante – die neurotische, die verklemmte, die angepasste, die wackelig sich aufrecht erhaltende Variante. Die wilde Variante, die verzweifelt begehrende, die unstillbare Variante eines Menschen, die lernt man in der ersten Nacht kennen.

Ich lächelte sie an, sie war so schön, so klug. Wir waren noch verhältnismäßig nackt, in diesem Moment. Wir konnten noch beim Anblick der Sterne heulen, ich konnte noch von meinen fiktiven Träumen erzählen, ohne dass sie mit den Augen rollte, sie konnte noch die starke, schöne Frau sein, ohne dass ich sie mit einem breiten Lächeln brüsk entthronte. Aber wir fingen schon an, verklemmt zu sein, schamvoll zu sein, ohne es uns eingestehen zu können. Und die Gedanken nahmen unwillkürlich ihren Lauf. Sorgen um die Aufrechterhaltung des rettenden Hinterausgangs, ob man nicht doch zu viel gewollt habe, zu viel gewagt habe, und so weiter. Jedes Mal dasselbe. Lernprozess: schleppend.

„Noch ein Glas Grauburgunder, der Herr?“ – „Ja, ja. Sehr gern“. Wir hatten noch überhaupt nicht miteinander gesprochen, was nicht weiter schlimm war. Ich lächelte sie erneut an, jungenhaft, über das ganze Gesicht. Sie hatte mich die ganze Zeit mit bohrender Neutralität angesehen – das stand ihr ja auch. Ich überließ ihr gern die dramatische Rolle in unseren Aufeinandertreffen, was sie zu schätzen wusste. Sie machte das auch wirklich gut, und mir wäre es ohnehin zu anstrengend gewesen, daher verlor ich mich meist in einer Art, Verträumtheit vortäuschender, Lethargie. Ich mochte sie sehr, was sie mir nicht glaubte.

Unsere Beziehung war ungewöhnlich schnell von bedingungsloser Körperlichkeit zu eigenartig bedeutungsschwangerer Statik übergegangen, beinahe ohne Zwischenschritte. Seitdem hatten wir es einige Male versucht, mit der Trennung – sie vielmehr, ich fühlte mich von Vornherein einigermaßen getrennt. Dass aber diese Statik derart früh eingesetzt hatte, war sicherlich meine Schuld. Ich hielt sie irgendwie für angemessen. Sie hob an, ohne wirklich anzuheben, sie ließ einfach einen mittleren Schwall Luft los, auf dem die Worte gelangweilt rückenschwammen: „Für mich ist diese Sache beendet.“ Und kurz darauf, ungleich vitaler: „Oh Gott, was ist das für eine Art, dir das mitzuteilen. Wie geschmacklos. Tut mir leid. Ich bin wieder mal viel zu ehrlich. Jetzt siehst du, wie verletzlich ich bin. Jetzt siehst du, wie ekelhaft ich bin.“

Diese Art der Rhetorik war typisch für sie, ich fand sie auch ziemlich hübsch, zumindest an ihr. Dieses Aussprechen wohlüberlegter Sätze, scheinbar beiläufig, um sich im vermeintlichen Neben-, eigentlich aber Hauptsatz für ihre Impulsivität, vor allem ihre Ehrlichkeit, überhaupt die Art und Weise im Allgemeinen zu entschuldigen. Sie hatte sich immer ihrer unbedingten Ehrlichkeit gerühmt, und sich gleichermaßen für sie entschuldigt, indem sie jede ehrliche Äußerung im selben Atemzug als Ehrlichkeit affirmierte. Sie hatte sich immer hinter ihrer Ehrlichkeit versteckt. Ich verstand sie.

Ich war mit Sicherheit nicht ehrlich gewesen, aber auch kein Lügner. Ich hatte einfach immer gesagt, was mir angemessen erschien. Man hatte mir nichts wirklich abkaufen können, aber auf diesen Umstand war Verlass. In ihrem Fall war da nur diese große, die Welt in ihrer Gesamtheit verbessernde und unfehlbare Ehrlichkeit, die sie vor sich her posaunte. Es war lächerlich, und es war immer lächerlich gewesen. Ich hatte von Vornherein darauf verzichtet ihr mitzuteilen, dass eine Wahrheit durch die eindrückliche Betonung ihres unerhörten Wahrheitsgehaltes nicht wahrer wird, ich wollte ihr nicht weh tun, aber die erhoffte Bestürzung, den Schock als Reaktion auf ihre ekelhaft geschmacklose Äußerung, konnte ich ihr nicht zugestehen. Das wäre zu viel des Guten gewesen, so hübsch war ihre Art der Rhetorik nun auch wieder nicht.

Ich wusste also nicht recht, was zu sagen wäre, und versank erstmal in träumerische Lethargie. Mir lag viel daran, dass es ihr gut erging. „Schon okay. Ich kann dich verstehen. Schön, dass du ehrlich bist.“ Damit war sie natürlich nicht zufrieden, ließ sich aber nichts anmerken, und ich brachte nicht mehr über die Lippen. „Tut mir leid. Du brauchst dich nicht dazu zu äußern. Tut mir leid.“ Ich gönnte es ihr und schwieg. Es war so lächerlich traurig, dass ich nicht einmal mehr zu lächeln brauchte. Wie schön sie war. Vielleicht sollten wir es diesmal wirklich bei für-beendet-erklärt belassen, bevor wir uns beide gegenseitig die Krawatten um den Hals legten.

Wir umarmten uns zum Abschied einige Sekunden lang – mindestens zwei Sekunden länger, als nötig gewesen wäre, das merkten wir beide. Ich hätte ihr auch die Hand geschüttelt oder selbige geküsst, ihr auf die Schulter geklopft oder einen intensiven Kuss gegeben oder mit ihr geschlafen, es war mir gleich. Ich küsste noch ihre Stirn, worüber ich mich später köstlich amüsierte. Sie drehte sich um und schritt zügig, aber nicht gehetzt davon in die, streifenweise von Laternen beschienene, Gasse. Ohne sich umzusehen, natürlich. Ich zündete meine letzte Zigarette an und ging ihr langsam hinterher, ich wohnte in dieser Richtung, was ihr hinlänglich bekannt war.

Die Straße roch ein wenig nach ihr, was ich mir sicherlich einbildete, weil es schön klang. Ich hätte ihr aber ebenso gut zugetraut, Unmengen teuren Parfums hinter sich her zu sprühen. Sie war eine echte Dame, eine wie aus alten Filmen, die von einer Epoche berichten, die man selbst nie erlebt und die es möglicherweise nie gegeben hat, in der die Welt aber sehr elegant und lebenswert, die Frauen liebenswert und duftend dramatisch erscheinen. So eine Frau habe ich immer kennenlernen wollen, und so war ich auch ganz vergnügt und beschwingt von der Erfüllung des Kindertraums, meine Absätze klangen männlich und melodisch auf dem Pflaster, das sie entschlossen betanzt hatte, kurz zuvor.

Unsere Episode war eine schöne gewesen, es hatte ihr an nichts gefehlt – leichte und schwere Stunden, Körperlichkeit und Geistigkeit hatten sich die Waage gehalten. Mit dem Ende war ich auch zufrieden, es kam zur rechten Zeit, war angemessen vorbereitet und erzählte sich ganz hübsch. Ich würde sie in schwärmerischer Erinnerung behalten, mich stets freuen, ihr zufällig zu begegnen. Zu Hause angekommen öffnete ich eine weitere Flasche Wein und roch an einem ihrer Tücher, das über der Lehne des Sofas lag. Vergessen hatte sie es nicht, dafür war es zu teuer und sie zu organisiert. Es machte sich gut an seinem Ort, verströmte einen angenehmen, samtig-angestaubten Duft, ich ließ es also liegen.

Vielleicht käme sie eines baldigen Tages, um es abzuholen, auf seinem materiellen Wert beharrend. Es wäre ein wirklich schöner Moment, wenn sie es dann auf seinem alten Platz wiederfände, als wäre nichts geschehen. Sie würde sich nichts anmerken lassen, natürlich, vermutlich trüge sie sogar eine Sonnenbrille, und sie bliebe auf einen Kaffee und ein paar Zigaretten. Ich freute mich schon. Sie war wirklich eine großartige Frau, eine Dame. Ich hörte zu dem Wein jetzt auch noch Edith Piaf, von Schallplatte, es war absolut grandios. An Zigaretten hatte ich auf dem Heimweg glücklicherweise noch gedacht, und so stand ich in Unterhose im Wohnzimmer, mit geschlossenen Augen und Kippe im Mundwinkel, sang laut und falsch und schief und lachte und wiegte mich selbst in den Armen, nach jeder Strophe am Glas nippend.

Es war eine Trennung wie jede andere gewesen, und dennoch büßte sie nichts an ihrer individuellen Schönheit ein. Der Wein tat alles ihm Mögliche. Ich wurde fast rührselig vor Glück, und obwohl ich mir durchaus darüber im Klaren war, dass die gleichmäßig sich in mir verteilende Flüssigkeit einen gewaltigen Anteil daran hatte, so empfand ich doch, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, ehrliche, träge Wellen diffusen Gefühls, wie ich sie mir kaum noch zugetraut hatte. Ich kam mir, objektiv betrachtet, ausgesprochen lebendig vor. In Sorge allerdings, meine tranige Gefühlswelt in eine entgegengesetzte, pathetisch fatalistische Richtung kippen mit ansehen zu müssen, stellte ich nach wenigen Minuten die Platte aus, wusch mir das alberne Gesicht mit kaltem Wasser und ging zu Bett. Der Schlaf dieser Nacht war erholsamer und jungfräulicher als in vielen Nächten zuvor, der Morgen darauf kühl und frisch und sonnig. Ich war frei von jeglicher Schuld.

Die nächsten Tage verlebte ich angenehm schwungvoll, fast balletthaft. Wenn ich auf Bekannte traf, war ich redselig und herzlich, so humorvoll wie ich mich gern dauerhaft sähe. Ich wurde für kurze Zeit zu dem Menschen, der ich bestätigen würde zu sein, wenn nicht ständig latent lauernde Notfälle diesen verschleierten. Sie war nicht eigentlich der Auslöser dieser Gefühlskonstellation. Dass ich sie losgeworden war ebenso wenig – ich hätte sie ebenso gern behalten mögen, und ich behielt sie ja auch, auf eine gewisse Art. Ich behielt sie als Episode, als geglückte Episode konzentrierter, unausgesprochener Innerlichkeit.

Doch nährte mich ihr Nachhall nur einige Tage hinlänglich, keine Geschichte ist so vollkommen und amüsant, dass man ihrer nicht überdrüssig wird, nachdem man sie sich einige Male selbst erzählt hat. Ich vergaß sie nicht, nein, im Gegenteil. Das Vergessen hätte sie noch retten können, vor der Gleichgültigkeit, dem Überdruss, der Langeweile. Niemand mag Menschen, die ewig die eine spannende Anekdote ihres Lebens erzählen, am Wenigsten wohl sie selbst.

Manuel wohnt hier und da, momentan aber hauptsächlich in Berlin. Manchmal schreibt er gern, um sich produktiv in Details zu verrennen. Ansonsten steht er auch mal vor oder hinter der Kamera. Er liebt und verachtet Kitsch, alles Ausufernde und -artende, Exzesse, Frauen, sich selbst. Das Übliche also. Mehr von Manuel gibt’s auf Größenwahn für Hypochonder oder seiner Webseite.

Headerfoto: Ombeline_v via Creative Commons Lizenz 2.0! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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1 Comment

  • Hi Manuel,

    dieser Text ist unglaublich schön geschrieben. Ich las die ersten Zeilen und war sofort gebannt. Ich müsste ihn bis zum Schluss lesen. Einfach nur „Wow“.

    Vielen dank für den wunderschönen Text.

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