Wie Jugendliche Menschen aus Seenot retten wollen, während Europa versagt

Am LAGeSo traf ich Menschen, die über die zentrale Mittelmeer-Route nach Europa gekommen waren. Menschen, die die 300 Kilometer Seeweg auf sich genommen hatten, um Sicherheit zu finden – und dabei nicht selten mit ansehen mussten, wie andere sterben. Menschen zuzuhören, die solche Geschichten erzählen, war 2015 für mich die größte Herausforderung und zeitgleich das schönste Geschenk, denn es veränderte mein Leben nachhaltig.

Vor Monaten hatte ich Sahra bei der Arbeit am LAGeSo kennengelernt, als wir zusammen tausende Becher Wasser füllten und verteilten und nachts versuchten, die obdachlosen Geflüchteten auf private Unterkünfte zu verteilen. Damals saßen wir ab und zu bei einer Kippe zusammen, wenn alles ganz schlimm und belastend war, und fragten uns, wie wir dieser Welt etwas mehr Menschlichkeit einverleiben konnten. Sahra war 20, ich war 33, aber das spielte keine Rolle, denn wir hatten gemeinsame Ideale. Irgendwann rief sie mich an und sagte „Jule, ich plane da was. Lass mal nen Kaffee trinken gehen.“ Und dann saß sie wenige Tage später vor mir und erzählte mir, sie habe zusammen mit anderen Ehrenamtlichen einen Verein gegründet, der ein großes Schiff kaufen und damit im Mittelmeer Geflüchtete in Seenot retten möchte. „Wir wollen ein Ende der Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben“, erklärte sie mir. Mein erster Gedanke: Das geht doch nicht einfach so. Mein zweiter Gedanke: Warum eigentlich nicht? Warum soll es nicht möglich sein, dass ein paar Jugendliche furchtbar viel Geld auftun, eine Crew casten, mit EU, Politik und Bundeswehr schnacken und in See stechen, um Menschenleben zu retten? Ich erinnere mich, wie mein Herz klopfte, als ich verstand, dass Sahra das alles ernst meinte, dass das wirklich passieren würde.

Wenn der Staat nichts machen kann, wer dann?

Ein paar Wochen später bin zu Gast im Büro von Jugend Rettet, von dem aus das Team plant, rekrutiert, aufklärt, sammelt, sich berät und freudig dem Tag entgegenblickt, an dem es endlich losgehen kann. Jakob hat da zum Beispiel einen Platz – er hat gerade sein Abi gemacht, ist 19 Jahre alt und 1. Vorsitzender des Vereins. Insgesamt ist das Kernteam zu acht (auf dem Foto ganz oben, von links nach rechts: Sahra, Pauline, Jakob, Alex, Matze, Lena und Sonja), heute sind fünf von ihnen da. An der Wand hängt ein Plakat mit der Aufschrift: Jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot.

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Ich setze mich an einen leeren Schreibtisch und habe wahnsinnig viele Fragen. Jakob legt gleich los, er hat noch andere Termine heute, natürlich. Die öffentliche Meinung sei es, dass man nichts tun könne, wenn 800 Menschen in einer Nacht mit ihren Schlepperbooten untergehen – wie es zum Beispiel im April 2015 vor Lampedusa geschehen ist, erklärt er mir. Ein Ohnmachtsgefühl sei zwar da und zumindest die Bilder von toten Kindern würden noch ein wenig schocken, aber viele fragten sich: Wenn der Staat nichts machen kann, wer dann? Damit wollten Jakob und die anderen sich nicht zufrieden geben. Im Sommer 2015 nahm Jakob Kontakt zu Reedereien in Rostock auf, um das überschaubare technisches Wissen des Teams über eine potenzielle private Seenotrettung aufzustocken und die Idee zu prüfen. So entstand der Kontakt zu Harald Zindler in Hamburg, der als Gründungsmitglied von Greenpeace in Deutschland gleich mehrere Schiffe angeschafft und geleitet hat. Er sah die Pläne der Jugendlichen nicht so skeptisch wie viele andere – er wusste, dass das Unterfangen schwierig, aber nicht unmöglich werden würde, und stellte sich vor allem in Technikfragen mit Rat und Tat zur Seite.

Kein Dienst nach Plan, sondern eine Herzensangelegenheit

Ziemlich schnell waren ein Schiffstyp – der holländische Fishtrawler – und sogar einige Besatzungsmitglieder gefunden – vom Steuermann über den Maschinisten bis hin zu Arzt und Funker. Insgesamt wechseln sich zwei feste Crews mit jeweils elf Mitgliedern im Zweiwochenturnus ab. Alle sind erfahrene Seeleute und werden ehrenamtlich im Einsatz sein. Manche geben dafür sogar ihren Job auf. Das wird für die meisten kein Dienst nach Plan, sondern eine Herzensangelegenheit. Es werden weiterhin Kapitäne und Crewmitglieder gesucht, mehr Infos dazu gibt es am Ende des Artikels. Läuft alles gut, wird das Schiff im April zur Renovierung von Holland nach Deutschland überführt. Neben einer neuen Lackierung wird der Fishtrawler mit einem Kran für Beiboote, Sonnensegeln und Wassertanks ausgestattet.

Als Heimathafen des Schiffes kommt Italien in Betracht, denn Geflüchtete wären dort sowohl vor politischer Verfolgung geschützt, als auch erstversorgt. Jakob zeigt mir einen Ordner mit Karten, Gutachten und Bildern, die unter anderem von der Bundeswehr zur Verfügung gestellt wurden. Die Bundeswehr hat Schiffe vor Ort, die sich aber eher um die Infogewinnung über und Zerstörung von Schleppernetzwerken kümmern, als in Seenotfällen aktiv zu werden. Die meisten Notfälle passierten vor Libyen, knapp außerhalb des libyschen Hoheitsgewässers, etwa zwölf Seemeilen vor der Küste. Das Schiff von Jugend Rettet wird sich also in einem ziemlich gut bestimmbaren Areal aufhalten, um Menschen in Not zu lokalisieren. Ist dies passiert, wird Kontakt zum MRCC – dem Mediterranean Rescue Coordination Center – aufgenommen, das in letzter Instanz entscheidet, was genau passiert. Hier gibt es in der Regel drei Möglichkeiten: 1. Die Menschen werden an Bord aufgenommen und zum sicheren Heimathafen auf europäischer Seite gebracht. 2. Die Menschen werden aufgenommen und an ein anderes Schiff übergeben, das den Weg nach Europa antritt. 3. Rettungsinseln werden abgeworfen und auf Unterstützung gewartet, etwa bei einer zu großen Menge an Menschen. Das Schiff von Jugend Rettet wird dank seiner großen Deckfläche rund 100 Geflüchtete aufnehmen können. Wenn es die Lage erfordert, kann Jugend Rettet damit ganzjährig im Einsatz sein – auch dann noch, wenn die Temperaturen bis auf 0 Grad sinken.

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Unser Farbentwurf für den Fishtrawler. Gar nicht girly geworden …

Ohnmacht muss nicht die einzige Reaktion auf die Lage im Mittelmeer bleiben

Die Reise über das Mittelmeer sei gefährlich, für viele aber der einzige Ausweg aus ihren Nöten. Laut offizieller Zahlen seien 2014 rund 3500 Menschen bei der Überfahrt ums Leben gekommen, 2015 waren es mehr. Wie viele es wirklich waren, wisse niemand, die Dunkelziffer an Opfern sei hoch. Laut Frontex sollen 2015 bis zu eine Million Menschen die Flucht über das Meer gewagt haben. Die zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Lampedusa, Malta oder Sardinien bleibt dabei die wichtigste. Schlechte Witterungsbedingungen, überfüllte Boote, zu wenig Sprit und vor allem ungeeignetes Equipment wie etwa nutzlose Rettungswesten seien die Hauptgründe für die Todesopfer. Ich habe mich ausgiebig mit der Situation an den europäischen Außengrenzen beschäftigt, aber Jakob zeigt mir Bilder, erzählt Geschichten, die so grausam sind, dass ich fruchtbar wütend werde. Seit der Ablösung Mare Nostrums durch Frontex gibt es kein umfassendes staatliches Rettungsprogramm mehr. Wie kann das eigentlich sein? Ob das die Motivation hinter ihrem Engagement sei, frage ich Jakob.

Ich glaube daran, dass man, wenn man eine konkrete Lösung wie dieses Schiff anbietet, auch als junger Erwachsener zeigen kann, dass die Ohnmacht nicht die einzige Reaktion auf die Lage bleiben muss, dass man auch von hier aus da unten etwas verändern kann. Wir müssen nicht zuschauen. Wir müssen die unzureichende Hilfe auf staatlicher Ebene nicht hinnehmen. Wir können ein Zeichen setzen.

Vom Konzept von Jugend Rettet war ich vorher schon überzeugt, nach dem Gespräch mit Jakob brenne ich aber regelrecht für diese Sache. Ich will mitmachen, ich will diese Welt verändern. Ich könne mich bewerben, als Deckhand an Bord des Schiffes oder als Kontaktperson für die Logistik im Heimathafen, sagt Jakob. Erst mal müsse ich aber einen der Kapitäne treffen, um mich auf Seetauglichkeit, Teamgeist und Menschenverstand prüfen zu lassen. Gut, wo muss ich unterschreiben?

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Einen gemeinsamen, europäischen Entwurf für eine humanere Asylpolitik finden

Lena beschäftigt sich derweil hauptsächlich mit den Botschaftern von Jugend Rettet. Zwischen Berlin und Bad Wöreshofen im Allgäu (wer kennt es nicht?), zwischen Spiekeroog und Liechtenstein hat sich so bereits ein Netzwerk von Helfern ausgebreitet, die lokale Treffen organisieren, Presse- und Aufklärungsarbeit leisten und Spenden sammeln. Spenden sind ein wichtiger Faktor der Arbeit von Jugend Rettet, denn das Projekt wird komplett aus privaten Geldern finanziert. Die erste Hürde wird die Anschaffung und der Umbau des Schiffes sein, aber auch danach werden Kosten für Sprit, Lebens- und Arzneimittel und Instandhaltungsmaßnahmen anfallen.

Die üblichen Prollkommentare in den sozialen Netzwerken und Medien ignoriert das Team einfach. Vor allem mit ihren Kontakten, die sie bei allen Fragestellungen beraten, ihrem Botschafternetzwerk und nicht zuletzt der unendlichen, inneren Motivation, fühlen sie sich sicher. „Wir zeigen wie wichtig es ist, einen gemeinsamen, europäischen Entwurf für eine humanere Asylpolitik zu finden. Unser Schiff ist keine langfristige Lösung, aber es wird Menschenleben retten und es wird die Frage aufwerfen, warum Jugendliche anstelle der europäischen Regierung diese Aufgabe in privater Initiative übernehmen müssen.“

„Und was macht ihr, falls das alles doch nicht so klappt?“, meldet sich meine skeptische Seite noch mal zu Wort. „Dann machen wir weiter bis es klappt. Ganz einfach“, sagt Jakob und lächelt. Daran habe ich keinen Zweifel.

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„Jemand finanziert uns das Schiff!“

Vor ein paar Tagen ruft Sahra erneut an. „Jule, ich hab News!“, sagt sie aufgeregt. Ich weiß gleich, dass es um Jugend Rettet geht. „Zwei Privatpersonen finanzieren uns das Schiff!“, platzt es aus ihr heraus. Ja, Leute finanzieren das Schiff. Weil sie cool sind und weil sie können. Es geht um 150.000 Euro. Bedingung für die private Finanzierungsspritze ist es, dass das Geld für den Umbau und die laufenden Kosten für den ersten Monat – nämlich mindestens 80.000 weitere Euro – bis zum 31. März gesammelt werden. Aktuell fehlen noch etwa 60.000 Euro. „Ja, easy“, sage ich. „Kriegt ihr hin“ – und meine es genauso, wie ich es sage.

Was du konkret tun kannst

Lieber Leser. Ich weiß, du wurdest in den letzten Monaten mit Spendenaufrufen überhäuft. Vielleicht kannst du es nicht mehr hören. Vielleicht möchtest du aber deine Chance nutzen und an der Gestaltung deiner Welt mitwirken. Vielleicht findest du es nicht okay, dass Menschen an unseren Außengrenzen ertrinken. Vielleicht möchtest du Jugend Rettet unterstützen. Zum Beispiel so:

  1. Spende Geld über die Seite von Jugend Rettet. Oder nerve deinen Papa oder die Nachbarin aus der Chefetage des Autohauses oder deine voll reichen Freunde, wenn du Geburtstag hast. Jeder Cent hilft.
  2. Unterstütze das Jugend Rettet-Team direkt in Berlin oder werde Botschafter oder kleiner Helfer in anderen Orten und Ländern.
  3. Wenn du im Seefahrts-Netzwerk aktiv bist, dich mit maritimer Technik auskennst, Kapitänin, Steuermann, Maschinist, Ärztin oder geeignete Deckhand bist: Unterstütze das Schiff beim Umbau und im Einsatz.
  4. Informiere dich über die Lage im Mittelmeer und an den Außengrenzen der EU. Werde Teil der Diskussion. Gestalte unser aller Zukunft.
  5. Teile die Seite von Jugend Rettet oder diesen Artikel. You know the deal.

Im Gegenzug werde ich dieses Projekt weiter verfolgen, euch über die Fortschritte informieren und wenn mich der Kapitän auf das Schiff lässt, auch dort kräftig mit anpacken. Seemannsehrenwort. Denn jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot. Punkt.

6 Comments

  • Tahiri Alishah sagt:

    Hi Hallo Mit einander,ich finde euch tolle Persönlichkeiten.was Ihr macht ist und hat eine grosse Wert,der Unbezahlbar ist.Die Vorgeschrieben Welt Europa dass und Dritte Welt vergisst.Eingentlich könnte die Amerikanische und Europäische Regierungen mussten schon die dritte Weltländer mit Technik und Geld helfen.
    Sie haben versagt.
    Ich bin Stolz auf Euch.

  • T. sagt:

    Hey Daniel, Jugend Rettet muss sich doch gar nicht von Sea-Watch abgrenzen. Das ist ja kein Wettbewerb um Marktanteile, und laut Bundeswehr und anderen offiziellen Stellen kann es gar nicht genug Boote geben, die im Mittelmeer Leben retten. Also freue dich doch, dass Junge Menschen so ein Projekt angehen und dazu versuchen in der Bevölkerung Begeisterung und die Bereitschaft entfachen, etwas zu tun.

  • Daniel sagt:

    Und wie grenzt sich das jetzt von http://www.sea-watch.org ab, die im Prinzip schon genau das tun?

    • Jule sagt:

      Lieber Daniel.

      Eins vorweg: Sea Watch ist eine wundervolle Sache. Jugend Rettet will mit ihrem Projekt vor allem das Potenzial ihrer jungen Generation nutzen und richtet sich daher gezielt an junge Erwachsene. Zweiter Unterschied ist, dass das Schiff von Jugend Rettet die Menschen in Seenot selber an Bord nehmen wird. Sea Watch operiert mit Rettungsinseln und ist auf andere Schiffe zur Rettung der Menschen angewiesen. Letzter Unterschied ist, dass Jugend Rettet durch die Größe unseres Schiffes ganzjährig operieren kann. So oder so: Mehr Schiffe, mehr Hilfe für Menschen in Seenot.

      Liebe Grüße. Jule

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