Wie ich nicht mit dem Rauchen aufhörte

Cat und ich sind auf Fuerteventura. Wir sitzen auf den Klippen am Wachturm von Cotillo, ganz in der Nähe des Abschnitts, den wir „Surferstrand“ nennen. Der Weg hierher im absoluten Dunkel der Nacht war ein wenig abenteuerlich. Wir leuchteten den Boden mit einer Handytaschenlampe aus – vor allem weil wir uns nicht sicher waren, wo genau die Klippen endeten. Als wir näher an den Abgrund traten, kriegte ich Angst, denn das Meer, das mit voller Wucht gegen die Felsen donnerte, um sich danach kräftig und zischend in den Ozean zurückzuziehen, gab mir durch sein schwindelerregendes Hin und Her das Gefühl, selbst gleich in den Sog der Fluten gerissen zu werden. Wir setzen uns voller Ehrfurcht für diesen geladenen Ort auf einen kleinen Lavahaufen, etwa drei Meter vom Abgrund entfernt, und staunen.

Auf dem Weg hierher trugen wir unsere Flasche einheimischen Halbtrockenen in der Hand und fühlten uns fernab des verlotterten Neuköllns ein wenig wie pöbelnde Jugendliche. Eigentlich hatten wir gestern Nacht die letzte Zigarette des Urlaubs geraucht. Eigentlich. Als wir an einer Kneipe vorbeiliefen, in der sich Touristen mit Partyhüten und Cocktails versammelt hatten, und ich einen Automaten erspähte, fragte ich knapp: „Kippen?“ Cat überlegte keine Sekunde, sie hatte die Frage sicher schon erhofft. „Yo! Ich hab aber nur drei Euro.“ Wir kauften viel zu starke Luckys für 2,70€. Nach dem zweiten Zug wurde mir schwindelig.

Inzwischen haben sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Es ist der 31.12.2015, 23:56h Ortszeit. In nördlicher Richtung, hinter dem steinernen Wachturm, liegt das Dorf. Der neue Hafen ist mit Flutlicht erleuchtet, wobei „Hafen“ größer klingt, als es ist. Man spürt die Menschen dort förmlich auf das neue Jahr warten – freudig und angenehm betrunken. Ich nehme noch einen Schluck aus der Flasche. Im Süden sieht man so gut wie nichts, da sind dunkle Klippen, die sich ewig weit die Küste entlang ziehen – weiß ich, weil wir den Weg vor ziemlich genau einem Jahr schon mal gelaufen sind. Hinter uns, also im Osten, befindet sich das Landesinnere – ganz weiche, wüstenartige Berge ragen dort in den Himmel, die Wogen und Krater vom Vollmond sanft erhellt, dessen obere Hälfte zwar wie mit einem Lineal geteilt von einer Wolke verdeckt ist, dessen untere Hälfte aber über genug Watt verfügt, um ganz Afrika zu erleuchten. Direkt über uns strahlt die Milchstraße als hätte jemand mit Steinen von unserer Klippe aus tausende Löcher in die schwarze Decke geschnipst. Es sind so viele Sterne, dass ich vor lauter Gedränge kaum die Sternbilder finde. Nur Orion steht stramm über uns, seine Gürtelsterne funkeln. Ich warte auf eine Sternschnuppe. Die muss es bei diesem Himmel ja häufiger geben. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine gesehen habe, auf jeden Fall nehme ich das mit dem Wünschen ziemlich ernst. Vor bzw. unter uns, im Westen, tosen die Wellen noch immer wie Düsenjets auf die Felsen. Wenn das Wasser sich bei Ankunft am senkrechten Ufer kraftvoll in solche Höhen schraubt, dass man denkt, man würde gleich an den Füßen nass, werden die schäumenden Kronen kurz vom Mondlicht erfasst, bevor sie feierlich im Schatten der Felsen wieder zu Boden stürzen. Ich kann meinen Blick nicht abwenden, obwohl die Dunkelheit, Akustik und Gewalt dieser Szenerie mir Unbehagen bereiten.

„Es fühlt sich an, als würden da unten all die verlorenen Seelen schwimmen“, sagt Cat. Das Bild wird nun also zusätzlich von ertrinkenden, aufgedunsenen Untoten ergänzt. Es knallt hinter uns. Ich zucke zusammen. Dann wird es hell – eine Rakete schwebt leuchtend durch die Luft und verglüht golden in der Nacht. „Happy New Year!“, strahlt Cat mir entgegen. Wir küssen und umarmen uns, teilen uns den letzten Spuckrest aus der Flasche. Ich könnte glücklicher kaum sein als hier auf unserem einsamen Felsen. Dort, wo das Dorf liegt, fädeln sich immer mehr Raketen in den Himmel. Das Feuerwerksspektakel dieser Nacht ist verglichen mit dem Luftkrieg in Berlin kaum existent, aber irgendwie angemessen. Ich weiß eh nicht, ob ich auf das Meer, die Sterne oder die Raketen blicken soll, also zünde ich mir noch eine Zigarette an. Ist zwar schon nach null Uhr, ich finde aber, jetzt ist offiziell noch nicht morgen, also darf ich noch rauchen. Am Frühabend hatten wir auf unserer Terrasse direkt am Strand gesessen und Vorsätze für das neue Jahr notiert, die ich sicher 1 zu 1 auch letztes Jahr verfasst hätte, wäre ich eine Freundin von Vorsätzen. Hier, auf dieser Insel, passte es – wir waren auf der Suche nach romantischen Ritualen, auf der Suche nach Abstand zum Alltag, auf der Suche nach Sinn. Als wir fertig waren – was lange dauerte, denn wir hatten echt viele Vorsätze – entschloss ich mich dazu, die beschriebenen Papiere nicht einfach als kleine Boote ins Meer zu setzen, sondern von den Klippen aus als Flieger in die afrikanische Luft zu entsenden, wo sie zwar ebenfalls im Wasser enden würden, aber halt irgendwie spektakulärer. Beim Falten fiel mir auf, dass ich das Boot gekonnte hätte, von Flugzeugen aber keine Ahnung hatte. Cat half mit ihrem Wissen aus. Es ist gut, Freunde zur Seite zu haben.

Ganz kurz leuchten wir das Plateau vor uns aus, um direkt am Abgrund einen sicheren Stand zu finden. Das Meer wirkt inzwischen etwas versöhnlicher, vielleicht wirkt aber auch nur der Sekt. Während Cat händeweise Papierschnipsel wie Kamelle in die raunende Laola wirft, segeln meine zwei Flieger über die Klippen, wo sie vom Wind erfasst eher ungalant Richtung Meer taumeln. Tschüss 2015, hallo neues Jahr. Was waren noch mal meine Vorsätze? Zum Glück habe ich ein Foto gemacht. Yoga machen stand da drauf und: weniger auf mein Handy starren, niemals wieder am Wochenende arbeiten, endlich mal meine Deckenlampe anbringen, das mit der Krankenkasse klären, nicht vergessen, was am LAGeSo und in der Welt los ist, mit der Natur reconnecten und mit dem Rauchen aufhören.

Der Sekt ist alle und ich habe die Hoffnung auf eine Sternschnuppe schon fast aufgegeben, als eine zielstrebig wie ein beschwerter Leuchtfaden zur Erde eilt. Cat hat sie auch gesehen. Als ich sicher bin, dass sie sich etwas wünscht – was nicht schwer zu erkennen ist, denn sie hat die Augen ganz fest geschlossen und atmet nicht – setze auch ich zum Wunsch an, den ich schon vorformuliert hatte. „Ich wünsche mir Gesundheit und Glück für meine Liebsten“, sage ich lautlos zum Himmel. „Und für mich auch“, schiebe ich schnell hinterher. Meiner Ansicht nach sollte das mit dem Wunsch möglichst schnell gehen, damit das Universum es in Realtime notieren und dieser bestimmten Sternschnuppe zuordnen kann. Ich bin schon längst fertig und prüfe erneut skeptisch die Tiefen des Abgrunds und die Höhe der Wellen, da meditiert Cat noch immer zum Himmel. Wahrscheinlich will sie ihre gesamte Vorsatzliste noch mal als Backup ins Firmament entsenden. Ich muss lachen und frage mich, ob ich auch noch mehr aus dieser Sternschnuppe hätte rausholen können. Aber ganz ehrlich: Mehr Wünsche habe ich gar nicht. Darauf eine Zigarette.

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1 Comment

  • Kathi sagt:

    😀 Lange hab ich nicht mehr so vor mich hingeschmunzelt. Das könnte ich sein und dann denk ich mir: Nee, ganz ehrlich, ich hab doch eigentlich überhaupt keinen Bock, mit dem Rauchen aufzuhören 😀

    Übrigens gefällt mir auch sehr, wie du schreibst.

    Liebe Grüße,
    Kathi

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