Wie ich die Liebe berechne und warum das meinem Naturell widerspricht

Deine Unverbindlichkeit widert mich an! Zermürbendes Verlangen nach Liebe und die ständige Angst vor dem Fall. Liebe wird zunehmend zu etwas Abgeklärtem. Ich berechne jeden Schritt, berechne die mögliche Fallhöhe und schaffe mir einen doppelten Boden, der mich im Zweifelsfall auffängt. „Reinstürzen, kopfüber, ganz oder gar nicht“ – das war einmal.

Ich schaue auf die Uhr: 21:22. Vor zwei Stunden kam Deine letzte Nachricht. Ich hatte sie direkt gelesen. Ein Hoch auf die Popup-Benachrichtigungen! Deinen Chat hab ich allerdings noch nicht geöffnet. Sonst bekommst Du die blauen Haken und siehst, was Du nicht sehen sollst: Ich interessiere mich für Dich. Ich warte, sitze es aus. Warte auf den richtigen Moment, um Dir zu antworten. Bloß nicht zu schnell. Ich will beschäftigt wirken.

‚Nur wer sich rarmacht, bleibt beliebt‘, das hatte mein Dad mal zu mir gesagt. Vor zehn Jahren. Inzwischen ist es zu meinem Motto geworden.

„Nur wer sich rarmacht, bleibt beliebt“, das hatte mein Vater mal zu mir gesagt. Vor zehn Jahren. Inzwischen ist es zu meinem Motto geworden. Aber ich handle damit gegen mein Gefühl. In den Grundzügen meines Wesens bin ich ein extrem emotionaler Mensch, agiere sonst eher aus dem Bauch heraus. Dieses Abgeklärte, Berechnende widerspricht meinem Naturell.

„Lass uns mal sehen, wo das hinführt“

Ich beginne mir einzureden, dass ich Dich gar nicht will. Dass ich die Dinge laufen lasse. „Mal sehen, wo das hinführt“, ist mein absoluter Lieblingssatz. Aber ich zweifle – bezweifle, dass diese Sache irgendwo hinführt.

Du hast mich ein bisschen zerstört. Ich wirke stark, bin zu einer Frau geworden, die von nichts und niemandem abhängig ist. Ich brauche keinen Partner, um glücklich zu sein. Ich Reise alleine und mir macht es nichts aus, an einem Samstagabend nicht auszugehen – ich bin selbstständig geworden. Ich habe mich dazu entschlossen, ein Leben in kompletter Unabhängigkeit zu führen. Zumindest rede ich mir das ein.

Ich habe mich dazu entschlossen, ein Leben in kompletter Unabhängigkeit zu führen. Zumindest rede ich mir das ein.

Ich schaue wieder auf mein Handy. Keine Nachricht von Dir. Ich scrolle durch unseren Chatverlauf. Du hattest mir vor einigen Tagen eine Sprachnachricht aufgenommen. Ich höre sie – wieder und wieder. Ich liebe Deine Stimme! Sie hat so viel Bass, viele Höhen und Tiefen. Genau wie ich – doch diese Höhen und vor allem die Tiefen versuche ich gekonnt zu überspielen. Immer gut drauf, stets charmant und witzig, so präsentiere ich mich Dir. Ich vermute, genauso hättest Du mich gerne. Keine Facetten – stets ein stabiles Hoch.

„Irgendwo zwischen Liebe und beliebig“

Warum solltest Du Dich auch festlegen – in Zeiten von Tinder. Ich fühle mich so austauschbar wie der Schwamm neben dem Spülbecken. So beliebig. Ich muss funktionieren, sonst werde ich ausgetauscht. Funktionieren bedeutet hierbei, dass ich das darstelle, was Du sehen willst. Ich bin die beste Version von mir. Wie ein guter Instagram-Feed. Du kannst nur die Highlights meines Lebens sehen – für mehr ist keine Zeit, denn es wartet ja vermutlich schon das nächste Match auf deinem Handy.

An irgendeinem Punkt zwischen ‚Ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung‘ und ‚Lass uns schauen, wo das hinführt‘ habe ich ein wenig den Glauben an die Liebe verloren.

An irgendeinem Punkt zwischen „Ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung“ und „Lass uns schauen, wo das hinführt“ habe ich ein wenig den Glauben an die Liebe verloren. Ich meine diese Art von Liebe, die einen überfällt – ohne Wenn und Aber. Bei der man nicht hinterfragt, beim wievielten Date Sex schon okay wäre oder wann man seine Absichten klarstellen sollte. Liebe hinterfragt nicht. Doch diese reine Art von Zuneigung wurde ausgetauscht. Was bleibt, ist ein Schutzwall aus Vorsicht und Zurückhaltung, verkleidet als Rationalität.

Ich möchte mich dem widersetzen. Ich will das Konstrukt aufbrechen und mich ganz und gar meinen Gefühlen hingeben. Ich schiebe alle Zweifel beiseite und bin ganz entschlossen. Ich öffne Deinen Chat und dann lese ich: „Du, ich hab das Gefühl, das zwischen uns entwickelt sich gerade in eine falsche Richtung …“

Herzlis liebt guten Weißwein, die Hochs und Tiefs im Leben, genauso wie das Meer und die Küste. Sie hat eine Schwäche für Männer mit Gitarre und das, obwohl ihre Mum ihr den Rat gab „Lass das lieber mit den Musiker-Männern.“ Wenn sie gerade mal nicht einen Gitarristen anhimmelt, ist auf der Suche nach sich selbst und verliert sich hierbei zu gerne in den Details. Mehr gibt es bei Instagram.

Headerfoto: Jeffrey Wegrzyn via Unsplash.com. ( ”Gedankenspiel“-Button hinzugefügt) Danke dafür.

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