Wie ein Hypnotiseur es mit unseren Ängsten aufnimmt

Phobien: „Ein starkes Angstgefühl, das in bestimmten Situationen auftritt oder beim Anblick bestimmter Dinge ausgelöst wird, und den davon betroffenen Menschen immer mehr einschränkt.“ So beschreibt es zumindest Google. Allwissend. Wie immer. Noch bin ich längst nicht so weit. Noch habe ich keine Vorstellung, was mich erwartet. Ein Klick und ich öffne eine Liste. 70 Phobien, alphabetisch geordnet. Überfliege grob. Bin erstaunt, wie viele Verschiedene es gibt. Angst vor Höhe, vor Tiefe, vor Lärm, vor dem eigenen Spiegelbild, vor Schmerz, vor Berührung, vor Spinnen, vor Zahlen, Technologie oder sogar vor Männern. Gut, die letzteren drei sind für mich absolut nachvollziehbar. Wir alle haben es mit Ängsten in unserem Alltag zu tun. Wir kommen nicht drum herum. Mal mehr, mal weniger, mal stärker oder schwächer. Im gesunden Rahmen Teil unseres Lebens. Wir empfangen Signale, in außergewöhnlichen Situationen aufmerksam und vorsichtig zu sein. Ein Urinstinkt, der uns mitteilt, uns vor Gefahren besonders zu schützen.

Ein kurzes Kribbeln vor dem ersten Date, leichte Aufregung vor einer wichtigen Präsentation oder ein Tick Nervosität, wenn wir nachts in Wedding die einsamen Straßen kreuzen. Gängig. Wie wäre es aber, tagtäglich mit solchen Phobien zu leben? Aufzuwachen und zu wissen, dass es uns immer wieder begegnen könnte? Nie sicher zu sein. Vor dem Gefürchteten. Vor dem Gefühl selbst. Ständig verfolgt und in die Enge getrieben. In der Öffentlichkeit. Wo man vermutlich nur auf Unverständnis und Abwertung stößt. Nur selten erfahren wir, wie es einem Menschen mit solch einer Einschränkung ergeht. Ich will mehr darüber erfahren, will mit Betroffenen sprechen, möchte wissen, wie eine Phobie im Geiste entsteht und wie sie wieder geheilt werden kann.
 Eine Woche später lerne ich Sarah und Bernhard kennen, die mir bei einer Tasse Tee in einer Hypnosepraxis ihre beeindruckende Geschichte erzählen.

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Fünf Jahre lang beherrscht die Angst Sarahs Leben.

Ein leichter, aber selbstsicherer Händedruck. „Sarah“, stellt die junge Frau sich mit einem Lächeln vor. Noch vor einiger Zeit wäre das unvorstellbar gewesen. Noch vor einigen Wochen hätte sie sich nicht vorstellen können, zwischen ihrem Therapeuten und mir zu sitzen und über ihre Sozialphobie zu erzählen. Fünf Jahre, die Sarah eingeschränkt haben, richtig zu leben, in denen sie zuletzt nicht mal mehr das Haus verlassen konnte.

Es war ein schleichender, langer Prozess, gegen den ich über ein Jahr lang angekämpft habe. Am Anfang habe ich gemerkt, dass ich mich immer mehr und mehr zurückziehe. Ich hatte kein Interesse mehr, mich mit Freunden zu treffen, auszugehen, mir wurde es schnell zu viel. Ich habe gemerkt, etwas stimmt nicht, aber die Angst, dass es irgendjemandem in meinem Umkreis auffallen könnte, war zu groß. Also fing ich an zu lügen. Jede Art von Kontakt entwickelt sich zu einem Kampf, daraus entstand dann Frust und absoluter Kontrollverlust. Der einzige Mensch, den ich an mich rangelassen habe, war mein Freund. Natürlich war die Situation auch sehr belastend für unsere Beziehung. “

Sarah vernachlässigt ihr Jurastudium immer mehr und alltägliche Situationen wie Bahnfahren und Supermarktbesuche sind ohne Schweißausbrüche und Herzrasen nicht mehr möglich. Sie meidet ihre Freunde, sogar vor ihrer Familie isoliert sie sich, wodurch ihre Situation immer belastender wird. Nachdem sie über zwei Jahre lang das Haus gar nicht mehr verlassen hatte, wurde ihr klar, dass sie professionelle Hilfe suchen muss.

„Der Entschluss, etwas aktiv dagegen zu unternehmen, kam nach vier, fünf Jahren. Ich habe eines Tages in den Spiegel geguckt und hab mich gefragt, ob das jetzt schon alles war in meinem Leben. Ich war frustriert, habe sogar 80 Kilo zugenommen. Ich wollte endlich die Kontrolle über mein Leben zurück haben. Als ich die Recherche begann, wurde mir bewusst, dass der klassische Weg einer psychologischen Behandlung nicht meiner ist. Ich wusste, mein Problem ist tiefergehend und dass da etwas sehr Starkes in mir ist, was raus muss. Als ich dann auf Hypnose gestoßen bin, war mir sofort klar, das ist die Lösung. Das geht ins Unterbewusstsein, behandelt die Ursache, haftet aber nicht an der Vergangenheit. Und an der Vergangenheit wollte ich nicht arbeiten, sondern mich auf die Zukunft fokussieren.“

Heute kann sie in einem Raum abseits ihrer Wohnung mit Fremden sitzen und offen über ihre Vergangenheit sprechen. Ruhig und entspannt. Heute sitzt eine selbstbewusste junge Frau vor mir, für die die Ängste und die verbundenen Folgen längst Schnee von gestern sind. Sarah macht eine kurze Pause und blickt verlegen zur Seite. Ich nehme meinen Tee in die Hand. Auf der Tasse lese ich die Aufschrift „Atme – du lebst“.

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Die Wurzel allen Übels findet sich im Unterbewusstsein.

Der Raum in der Praxis ist hell und gemütlich. Ich sehe Liegen, Hängematten und Sessel in warmen Farben. Bei Hypnose kommen mir eigentlich eher kindliche Assoziationen von Hasen und Hüten, von Zauberern und Magiern in den Sinn. Der übliche Hokus Pokus. Meine düstere – mystische Vorstellung schwindet schnell, als ich den Hypnotiseur Bernhard Tewes treffe. Ein lockerer, volltätowierter Mann Mitte 30, der sich nach einer eigenen Heilerfahrung dazu entschloss, eine eigene Praxis zu eröffnen.

„Ich war früher Event Manager, hatte nicht viel Ahnung von Hypnose und war in einem sehr stressigen Job. Ich kämpfte mit Burn Out, Panikattacken und Depression und rauchte wie ein Schlot. Nach einiger Zeit bekam ich chronische Gastritis und konnte mir irgendwann nicht mal mehr die Zähne putzen, ohne mich halb zu übergeben. Auch hier hab ich begriffen, dass es so nicht mehr weitergehen kann und zunächst versucht, das Rauchen mit Willenskraft aufzugeben, scheiterte aber daran. Wie der Zufall es wollte, lernte ich einen Hypnotiseur kennen und fand das alles sehr spannend.“

Bernhard erzählt mir, dass die Auslöser von Phobien oftmals unterschiedlich sind: Häufig sind es alte Erinnerungen aus der Kindheit, angelernte Verhaltensmuster, die wieder aktiviert werden. Bewusstsein und Unterbewusstsein sind dann im Konflikt und ziehen an unterschiedlichen Strängen. In der „ursachenorientierten Hypnosetherapie“ versucht er, dort anzusetzen, wo das Problem entsteht, nämlich in unserem Unterbewusstsein. Er bringt in Erfahrung, was hinter dem Gefühl der Angst steckt und wo es zum ersten Mal entstanden ist, um die Emotion dann gezielt behandeln zu können.

„Wenn man den Auslöser findet, dann ist es so, als würde man das Gefühl wegnehmen, die Wurzel ziehen. Wie ein Chirurg, der sich überleget, welchen Schnitt er vornimmt.“ Ich höre gespannt zu, finde es in der Theorie interessant, nur habe ich immer noch keine wirkliche Vorstellung, wie das abläuft. Bin noch etwas skeptisch. Wird der Patient mit einem Schnipsen in tiefen Schlaf versetzt und nach ein paar Minuten Gespräch mit seinem Unterbewusstsein ist er wie neugeboren? Dann wäre im Prinzip ja alles möglich. Auch meine Technik-Zahlen-Männer Phobie. Meine Naivität wird von Bernhard belächelt. „Es ist wie ein natürlicher Zustand, als ob man Tagträumen würde.“ Ein Trancezustand also. Das Bewusstsein wird in den Hintergrund geschoben und das Unterbewusstsein in den Vordergrund.

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Hypnose ist keine Aspirin, der Hypnotiseur kein Zauberer.

Im hypnotischen Zustand sei der „kritische Faktor“ der Teil, der das Unterbewusstsein vor Veränderungen schützt, durchlässig. Normalerweise selektiert er wie eine Firewall ständig, welche Informationen ins Unterbewusstsein gelangen und welche nicht. Im hypnotischen Zustand hat man die Möglichkeit, neue Gedankenvorschläge, neue Suggestionen, Verhaltensmuster zu verknüpfen und Dinge loszulassen, als ob eine Festplatte gereinigt wird. Das funktioniert nur, sofern es der Klient zulässt. Die Hypnose ist wie ein gemeinsamer Tanz, kein Einzelkampf. Möchte die zu hypnotisierende Person die Kontrolle behalten oder lässt sich nicht darauf ein, wird das alles nichts. Schwierig wird es auch für Patienten mit Wahnvorstellungen wie beispielsweise im Falle der schizophrenen Psychosen. Denn nicht alle psychischen Krankheiten können mit Hypnose therapiert werden. Diese Klienten schickt Bernhard dann zum Neurologen.

Wichtig ist auch zu begreifen, dass Hypnose keine Aspirin ist und ich kein Heiler oder Zauberer bin, der schnipst und dann ist alles vergessen. Das ist komplexe Psychologie. Generell ist für mich der Leitsatz aber: Je größer der Leidensdruck, desto größer die Veränderung. “

Bernhard schmunzelt, dann erzählt er weiter. Dabei gestikuliert er stark. Man könne sich vorstellen, er sei wie ein Tourguide, der seinen Patienten anstößt, die eigenen Ressourcen zu aktivieren und zu finden. Der Prozess aber passiere bei dem Klient selbst. Deshalb entwickelt er gerade auch eine App zur Selbsthypnose. Lassen die Klienten sich darauf ein, dann machen sie Erfahrungen, die ihnen Mut geben, weiter daran zu arbeiten, und das führe letztendlich zu Veränderungen. Diese Kraft sei viel stärker als das Bewusstsein.

Wie eine Art problembehangene Wäscheleine wird ganz hinten abgeschnitten, damit die ganzen negativen Gefühle verschwinden. Der Klient merkt, dass das Problem nicht mehr da ist und er sich anders anfühlt. Danach geht es um die Emotionsverknüpfungen, bei denen die Angst mit etwas Positivem verknüpft wird, daraufhin kann sie sich neutralisieren.“

Von den insgesamt vier Sitzungen, für die Sarah je 350 Euro gezahlt hat, konnte sie bereits nach der ersten in den Park und in den Supermarkt. Stundenlang lief sie durch die Straßen, um die Eindrücke aufzusaugen. Noch nie hatte sie die Schönheit der Abenddämmerung, das Chaos der viel beschäftigten Stadt so intensiv wahrgenommen.

„Von Sitzung zu Sitzung habe ich dann Vollgas gegeben. In der Anfangszeit haben wir viel mit Suggestionen gearbeitet, da ging es darum, erst Mal die Hypnose kennenzulernen und Vertrauen zu Bernhard aufzubauen. Die zweite Sitzung war nicht so schön, da wir sehr in die Tiefe gegangen sind. Die Euphorie war wie weggeblasen. Ich bin mit einer sehr schlechten Laune raus und habe die ersten Tage nur geweint, ohne wirklich den Grund zu kennen. Die dritte war dann die beste Sitzung. Danach habe ich mich aufgeräumt gefühlt, sehr befreit. Drei Wochen nach der Therapie habe ich das Xavier-Naidoo-Konzert mit 20.000 Menschen besucht. Ich war ein bisschen angespannt, habe nur noch die Massen in der Dunkelheit gesehen, aber genau in dem Moment kam Xavier Naidoo rein mit dem Lied „Frei sein“. Das war ein sehr bewegender Moment. Da hatte ich echt Gänsehaut.“

Als sie mir davon erzählt, schaut sie mir lange in die Augen, sie leuchten dabei. Als wären wir in diesem Moment im Konzertsaal. Ich bekomme auch Gänsehaut. Es scheint wirklich zu funktionieren.

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Bin ich selbst hypnotisierbar? Ein überraschender Test.

Dann passiert etwas Unerwartetes. „Stell mal bitte Deinen Tee weg“, wendet sich Bernhard mir zu. Ich schaue irritiert zu ihm. Okay, die haben jetzt genug von meiner Naivität und verwandeln mich in einen Hasen. „Mach mal Deine Augen zu, streck Deine Arme raus und versuch, Dir vorzustellen, dass du im rechten Arm schwere Bücher hältst. Und dein Arm wird immer schwerer und schwerer.“ Ich bin nicht nervös. Ich bin tiefenentspannt. Das Einzige, worauf ich mich jetzt konzentriere, sind die schweren Bücher auf meinem rechten Arm. So einfach? Ich bin weg, aber auch irgendwie da. Ich schlafe nicht, bin aber auch nicht ganz bei Bewusstsein. Ich kann mich zwar kontrollieren, bin aber zu sehr mit den Büchern beschäftigt.

„Ich packe noch mehr Bücher drauf, immer mehr und mehr.“ Müssen es denn wirklich so viele sein? Ich muss lächeln, ich kann meinen Arm kaum noch halten. Zwar kann ich realisieren, dass es keine echten Bücher sind, fühle sie aber komischerweise. Fühle die Last, die Stapel, fühle das schwere Ziehen nach unten zum Boden hin. „Dein linker Arm fühlt sich jetzt leicht an, als ob tausende Luftballons daran hängen. Ganz viele Luftballons, sodass Dein Arm zu schweben anfängt.“ 
Ich merke selbst, wie absurd das alles ist, aber mein Arm geht tatsächlich in die Luft und nennt mich verrückt, aber da waren wirklich tausende Luftballons.

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Als ich die Augen aufmache, ist es so, als wäre nichts passiert, ich habe zu meiner Verwunderung auch keinen Muskelkater am nächsten Tag. Gut, nach dem Ereignis blicke ich ein wenig anders auf Hypnose. Vielleicht gibt es wirklich eine Sprache, einen Zugang zu unserem Unterbewusstsein. Tief in unser Inneres. Aber ist dieses Heilmittel dann lebenslang gültig und gibt es eine Garantie, dass es auch wirklich hält?

„Natürlich können Lebensumstände passieren, wodurch sich etwas verändern kann. Man kann auch nicht ausschließen, dass es Impulse gibt, die eine bestimmte Reaktion hervorrufen oder auslösen. Wenn sauber ursachenorientiert gearbeitet wurde, dann ist das meiner Erfahrung nach so, als sei das alte Programm gelöscht und ein neues auf die Festplatte installiert und dann bleibt es für immer da.“

Sarah kann nun von sich behaupten, sie sei geheilt. Sie kann ihren Alltag vollständig alleine bewältigen und an einem Freitagabend wie jeder andere auch in einer Kneipe ihr Bier genießen. Wie Bernhard auch möchte sie eine Ausbildung als Heilpraktikerin machen und Hypnotiseurin werden. Ihre Heilerfahrung möchte sie weitergeben und vielleicht sogar auch Menschen mit Sozialphobien behandeln, um am Ende gemeinsam „frei sein“ zu können.

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Mehr zu Bernhard Tewes‘ Kiez-Hypnose-Praxis und zu den einzelnen Behandlungsfeldern findest du hier.

Fotos: Jule Müller.

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