Wie ein Fremder meine Nippel tätowierte

Da sitze ich nun in meinem endlich abbezahlten Smart und frage mich ernsthaft, was ich hier gerade tue. Ich bin auf dem Weg zu einem wildfremden Mann, einem Brasilianer der kein Wort Deutsch spricht und zudem auch noch Tätowierer ist. Geht’s klischeehafter? Wohl kaum. Mein Weg führt mich über die Autobahn, nach Neukölln. Ja – auch noch Neukölln. Direkt zu seiner Wohnung, bzw. WG.

Warum ich das mache? Gute Frage. Trieb? Naivität? Mit 27? Was würden jetzt wohl meine Eltern denken? Aber ich will das, ich will die Aufregung, ich will das Abenteuer und ich will das völlig Absurde. Jetzt.

Vor einigen Wochen war es soweit, mein erstes Tattoo. Endlich. Lange überlegt, nie getraut, aber doch immer gewünscht. Es wird eine kleine Haselnuss am Oberarm. Ich schreite voller Aufregung und Vorfreude in dieses Tattoostudio. „Hi.“ … „Hi“ – „Let‘s do this.“ Dauert alles nicht lange. Motiv besprechen. Suchen. Finden. Malen. Abdruck. Und ab geht die Luzie.

Da liege ich nun auf dieser mit schwarzem Leder überzogenen, ausklappbaren Bank und höre das erste Mal das Summen der Tätowiermaschine. Rockmusik läuft. Alles neu. Neu für mich. Ich zittere. Es ist Winter, aber nicht kalt hier drin. Ich bin nervös. Aufgeregt. Der erste Stich. Gar nicht schlimm. Fetzt. Noch ein Selfie, um es später natürlich über Social Media teilen zu können. Wie man das heutzutage nun mal so macht.

In dem Moment kommt er rein. Ich beobachte ihn. Scheint auch hier zu arbeiten. Ist ziemlich sexy. Voll tätowiert. Ein richtiger Mann. Selbstbewusst. Hat ein Bier in der Hand. Schlendert durch das Studio. Spricht mit meinem Tätowierer. Wohl brasilianisch. Unsere Blicke treffen sich. Magisch. Sofort das Verlangen nach mehr. Er geht.

Zuhause dann fühle ich mich ok. Kleines, erstes Tattoo auf dem Arm, schon fast mickrig. Will mehr. Jetzt schon.

Wochen später, nächster Termin. Weiteres Tattoo muss her. Größeres. Ich bin aber nur zur Motivbesprechung da. Er ist auch wieder da. Mein Tätowierer kritzelt mir den ganzen Arm mit Edding voll. Krieg ich das jemals wieder ab? Er kommt auf mich zu. Blicke treffen sich wieder. Magisch. „How are you?“ – „I‘m fine, thank you.“ Währenddessen berührt er meinen Arm, völlig selbstverständlich, dreht ihn, schaut sich den Entwurf an. Seine Hand ist ganz warm und seine Berührung zärtlich.

Would you tattoo my nipple?

Zuhause. Social Media checken. Wer ist er? Ich will ihn. Nach ein paar Nachrichten frage ich, ob er mich tätowiert. Ich mag es extravagant und will die Nadel an einer besonderen Stelle spüren. Dort, wo ich auch gerne gestreichelt und geküsst werde. „Would you tattoo my nipple, a line from my nipple to the back?“

Ich komme bei der verabredeten Adresse an. Parke um die Ecke, hole aus dem Handschuhfach einen Flachmann mit Wodka, nehme drei beherzte Schlucke. Verziehe das Gesicht, schüttle mich. Auf geht’s!

Steige aus. Klingel. Fahrstuhl. Dritter Stock. Er öffnet die Tür. Loftwohnung. Nice. Ich bin so aufgeregt, hab Mühe, es zu verbergen. Er ist ganz cool. Schon fast gelassen. „Do you wanna drink something?“ Ich lass mir ein Wasser geben. Wir gehen in sein Zimmer. Dort ist schon alles vorbereitet. Auf dem Nachttisch die Tattoo-Utensilien, das Bett mit einem Duschtuch abgedeckt. Ich schau mich um, während er die vorbereiteten Linien präpariert. Er fordert mich auf, mich auszuziehen.

Ich zieh mein schwarzes Shirt aus, werfe es aufs Bett. Dann den BH. Fühle mich ausgeliefert. Nackt. Beschämt. Er setzt sich auf einen Hocker. „Come over here.“ Ich stehe nun vor diesem fremden Mann, mit nackten Brüsten und meine Nippel sind hart. Selbst dieser Moment erregt mich schon so sehr. Ich spüre, wie mir warm wird. Sexuelle Spannung.

Er hält den Vordruck an meine linke Brust, legt die Linie unter meinem Arm weiter an. Heute sind seine Finger kalt. Ich bin peinlich berührt. Aber dieser Moment ist so erotisch und aufregend. Das Erotischste, was ich bis dahin erlebt hatte. Er bereitet den Abdruck vor, legt ihn auf, zieht ihn ab. Nichts. Er hat es falsch herum drauf getan. Wir lachen beide.

Ich frage ihn, ob er nervös ist. Er senkt den Kopf, lächelt, nickt. „Yes, I am. You‘re beautiful.“ Ich werde feucht. Zweiter Versuch. Gelingt. Kurzer Check im Spiegel, bevor wir loslegen. Linie über die Brustwarze oder nur bis zum Warzenvorhof? Wir entscheiden uns für die Mitte. Ich stehe wieder vor ihm.

Ich kann mich kaum konzentrieren. Ich bin so geil gerade.

„Can I kiss your nipple?“ Ich lächle. „Yes.“ Er tut es. Ganz zärtlich und vorsichtig küsst er meine Brust, legt seine Hände an meine Hüfte und saugt ganz vorsichtig an meinem kleinen Nippel. Ich kann mich kaum konzentrieren. Ich bin so geil gerade und frage mich, wie lange wir das noch durchhalten.

„Lay down on the bed.“ Das Summen der Maschine. Wieder. Wie Musik in meinen Ohren. Ich fühle mich wohl. Nur das Verlangen, ihn schmecken und spüren zu wollen plagt mich. Er fängt am Rücken an. Erster Stich. Arbeitet sich über die Seite zu meiner Brust vor. Kurz vor dem Nippel, kurze Pause. Wir sehen uns an. Er küsst mich. Ganz zart. Ganz sanft. So wie er es vorhin mit meiner Brust getan hat.

Ich öffne meinen Mund, unsere Zungen berühren sich. Tanzen. Pure Erotik. Ich greife in seinen Nacken. Er in meinen. Küsst mein Hals. Ich werde wahnsinnig. Presse meine Schenkel aneinander, überkreuze die Beine, fühle das Pulsieren. Ich lehne mich zurück, wir sehen uns an. Immer noch magisch. Kichern. Er tätowiert weiter.

In den kommenden Wochen werden wir uns öfter sehen. Trinken Wein. Rauchen einen Joint. Haben Sex. Nur Sex. Für mich das erste Mal eine längere, bedeutungslose Beziehung, ganz ohne Gefühle. Unverbindlich. Mitten in Berlin. Citylifestyle. Generation Beziehungsunfähig.

M. Autorrookie. Jetzt 29. Führt typisches Berlinlifestyle-Leben. Generation Beziehungsunfähig. Und immer für ein Abenteuer offen.

Headerfoto: Michael Grainger via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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