Wenn die Wahrheit auf der Strecke bleibt

Es gab eine Zeit, da habe ich an den Weihnachtsmann geglaubt. Von dieser Zeit gibt es ein Video, wie ich mich weinend vor meinem Vater verstecke, weil er ein Santa-Claus-Kostüm trägt. Es hat nicht lange gedauert, da wurde mir klar, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Vielleicht lag es daran, dass ich meine Mutter mit fünf schweren Plastiktüten am Fenster vorbeischleichen sah.

Erst viele Jahre später habe ich mich gefragt, ob die Geschenke damals schon seit Monaten im Auto lagerten, damit mein Bruder und ich sie nicht finden. Die zweite Frage, die sich unweigerlich daran knüpfte, war natürlich, ob die Geschenke das denn verkraften? Nachts wird es kalt im Auto, frieren die Kuscheltiere da nicht? Ich würde euch jetzt gerne sagen: Nein! Aber um ehrlich zu sein, weiß ich es bis heute nicht. Ich vermute schwere Nächte für meine Kindheitsfreunde.

Als sich meine Eltern dann einige Jahre später trennten, war es ähnlich. Kinder sind ja nicht dumm, sie wittern alles viel, viel früher – viel früher als Erwachsene. Mir war also auch damals schon klar, dass etwas nicht stimmte. Ähnlich wie damals, als meine Mutter super unauffällig keuchend mit den Plastiktüten unter meinem Kinderzimmer vorbeihuschte, gab es in verschiedenen Etappen vor der Trennung klare Anzeichen.

Die Art, wie Männer auf meine Mutter reagierten, Dinge, die man nicht sagen sollte und nächtliche Diskussionen, die man heimlich mithörte. In meiner Klasse gab es bereits einige Kinder, deren Eltern sich getrennt hatten. Es war die 3. Klasse. Heute weiß ich, dass das eine Sollbruchstelle für die erste Ehe ist, oft zumindest. Ich habe das große Glück, sehr coole Eltern zu haben. Es gab keinen Rosenkrieg, keine Beschuldigungen und bis heute einen sehr respektvollen Umgang. Wir hatten beide, Mama und Papa, nur eben in neuen Wohnungen und mit neuen Partnern.

Trotzdem war da dieser Beigeschmack, dass gelogen wurde. Der Prinz ist eben nicht unbesiegbar und die Prinzessin nicht unantastbar. Der Weihnachtsmann ist in Wahrheit deine Mama, die mit Tüten über den Bordstein schleicht und relativ schlecht Geschenke versteckt. Was soll man da überhaupt noch glauben?

Unsere Großeltern mussten Heiraten, unsere Eltern heirateten zu früh, also können wir ja erst mal schauen, wer wir selbst sind, und wenigstens versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was ist denn jetzt eigentlich wahr? An was kann ich heute noch glauben und auf was kann ich mich verlassen? Wie sieht das Script für den Hollywood-Film aus, der nicht beim Kuss endet, sondern genau da anfängt?

Wir haben früh gelernt, etwas skeptisch zu sein. Trotzdem glauben wir an eine wahre und tiefe Beziehung und an diese ganz bestimmte, einzigartige Liebe. Fast scheint es in einer Welt, in der alles immer austauschbarer wird und wir viel und ständig unterwegs sind, eine Art Nirvana zu sein. Ich habe keine Beziehung, ich verkrieche mich förmlich in ihr, und eben auch in der Vorstellung vom Zusammen-Sein. „Netflix ’n Chill“ steht nicht nur für ein Sexdate, es steht auch für zwei Menschen, ungeschminkt, vereint in der Jogginghosen- Harmonie auf der Couch.

Wir halten diese Vorstellung des perfekten Paares, das Erkennen im Anderen, bis wir mit spätestens 24 das erste Mal wirklich enttäuscht werden. Vielleicht sind wir seit Jahren mit der Person zusammen und werden verlassen, vielleicht müssen wir selbst verlassen, weil es einfach nicht mehr reicht. Vielleicht kennen wir uns auch erst kurz, rennen aber mit aller Sehnsucht hinein, hindurch und landen mit Schwung in der Pfütze dahinter.

Und dann liegen wir da, wie gelähmt, den Kopf gen Himmel gestreckt, mit einem klaren Geist, einem nassen Körper und vollkommener Planlosigkeit. Ich habe doch daran geglaubt, ich habe es doch gespürt, dieses Anders-Echte … jetzt aber fängt alles von vorne an, ohne Weihnachtsmann.

Wir haben definitiv keine Lust aufzustehen. Wir tun es nur, weil wir es müssen. Sieht halt blöd aus, die ganze Zeit in einer Pfütze zu liegen. Wir raffen uns hoch und gehen weiter, doch etwas hat sich wesentlich verändert: Ein Teil der Pfütze klebt noch immer an uns. Es sind die Tropfen des Lebens. Wehmut und Frust darüber, dass das Leben nicht so ist, wie es uns versprochen wurde.

Ab jetzt laufen wir weiter und stellen nach und nach fest, dass der ehrlichste Moment, den wir bis dahin kannten, der war, als wir auf dem Rücken in der Pfütze lagen und in den Himmel blickten. Es war für einen Augenblick ein Zustand der Endgültigkeit und Annahme.

Neben den Tropfen auf unserer Kleidung, nehmen wir also auch einen völlig neuen Blickwinkel ein. Wir wissen plötzlich, wie der Himmel aussieht und irgendwie wissen wir von nun an, dass wir uns auf uns selbst verlassen können. Dass wir, ob wir wollen oder nicht, aus dieser Pfütze aufstehen können. Was danach auch auf uns warten mag …

Frisch gewaschen wie Till Eulenspiegel gehen wir also weiter unseren Weg und begegnen Menschen. Manche lieben uns, mit anderen feiern wir, andere steigen uns zu Kopf oder in unser Bett, doch nichts fühlt sich an wie damals. Vielleicht, weil wir das auch gar nicht mehr wollen.

Wir lassen uns zwar immer wieder ein, doch nichts klappt wirklich. Immer bleibt einer zurück, manchmal sind wir es. Verletzen oder verletzt werden tritt an die Stelle, an der vorher die Vorstellung einer idealen Beziehung stand. Und zwischen tausend Nummern, zig Apps, aufrichtigen und schönen Begegnungen und kurzen Intermezzos scheint alles wie ein Wald, in dem man vor lauter Bäumen den Förster nicht findet.

Und dann ist es plötzlich so: Du bist einsam. Du vermisst etwas, was noch nie da war und fragst dich, wann eigentlich der Moment war, an dem du wusstest, was wahr ist? Wann ist alles so egal und gleichgültig geworden?

Du bist bald 30 Jahre alt und weißt weniger als damals mit fünf. Alles, auf was du dich verlassen hast, schleicht mit Plastiktüten ins oder aus dem Haus und du kannst zusehen, wie der Begriff der wahren Liebe langsam von dir abtropft.

Leider kann ich euch an dieser Stelle nicht sagen, was als nächstes kommt. Bisher habe ich nur eines gelernt: Manchmal begegnet man Menschen und erkennt kleine Pfützen-Flecken an ihren Ärmeln. Und ich weiß nicht genau, warum sie wieder aufgestanden sind, aber ich bin froh, dass sie es getan haben.

Vielleicht ist auch das der letzte, wahrhaftige Schluss und Schlüssel: Hinfallen und Aufstehen. Glauben und Glauben verlieren. Wahrheit finden und Wahrheit versagen. Himmel sehen und Erde spüren.

Wir sollten es probieren, dann sind wir am Ende vielleicht der Weihnachtsmann.

Lisa schreibt einfach immer, egal wo sie ist. Seit 10 Jahren schleppt sie ein Notizbuch mit sich herum, das sie mit ihren Launen malträtiert. Komisch eigentlich, dass sie ihr Brot mit Videos verdient, aber Bilder und Texte sind eben nicht voneinander getrennt, weil „Es immer um die Story geht…“, wie der Marketingfuzzi in ihr sagen würde. Dabei geht es gar nicht um die Story, sondern um die Gefühle und die Resonanz, die sie auslöst. Und das ist es, was sie will, wünscht, begehrt und verehrt: Resonanz! Wenn sich ein einziger Leser in ihren Texten wiederfindet und Freude daran hat, dann macht sie Luftsprünge! Mehr gibt es hier.

Lisa Freudenberg
Headerfoto: Jessy Rone via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Written By
More from Gast

Mind versus Herz

„Superwitzig!“, dröhnt das Gelächter des Masterminds zu unserem kleinen Herzen herunter, und...
Read More

4 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.