Wenn der Headhunter zweimal klingelt

Meine schulische Karriere hatte einige Tiefs, die vom Gymnasium zum fast Hauptschulabschluss führten, aber irgendwann habe ich die Kurve bekommen. Sagt man ja so. Weil das Studieren das Maß aller Dinge sein soll. Sagt man auch so. (Stimmt aber gar nicht immer.)

Da mit einer Fachhochschulreife aber auch nicht so viel geht, galt es meine Interessen mit dem zu matchen, was möglich war. Ich entschied mich für Informatik. Top of the nerds, lots of pain in the ass. Meine Studienjahre waren wie der Verlauf einer guten Tour de France-Etappe: Nach jedem noch so hohen Berg kommt irgendwann die schnelle Abfahrt und der Zielspurt mit Massensturz. Bachelor in Regelstudienzeit, zum Master noch mal die Stadt und Uni gewechselt, sehr gezweifelt, Auslandssemester eingeschoben, Nebenjob gesucht, am Ende etwas ziellos getrödelt und sich wieder gefangen. Abschlussnote gut, Jahrgangsmittelfeld. Master of Science, Bitch.

Schon bei der Suche nach einem Nebenjob zu Studienzeiten merkte ich, dass die Quote positiver Rückmeldungen fast unsittlich war. Woran das lag, wurde mir schnell klar. Jede Firma hatte nicht so sehr die Besetzung für den Job als Werkstudent im Sinn, sondern die Chance, mich später in Vollzeit übernehmen zu können. Ich hörte auf mein Gefühl und nahm den Werkstudentenjob dort an, wo ich menschlich das beste Gefühl hatte. Gegen Ende meines Studiums kam das erwartete Übernahmeangebot. Parallel schickte ich einige Bewerbungen, um meinen Marktwert zu testen. Das Prinzip muss man sich so vorstellen: Ich suchte mir auf den Seiten der Arbeitsagentur einige Jobs heraus, die aufgrund von Geschäftsfeld, Produkt, Tätigkeitsprofil oder anderen Kriterien nie in meine engere Auswahl kommen würden. (Ein guter Indikator ist auch eine gewisse Hässlichkeit der Unternehmenswebsite. Ärzte suche ich übrigens ausschließlich nach schönen, modernen Websites aus.) Ich wusste ja, ich bin mit meinem Abschluss begehrt genug, um notfalls bei einer handvoll Unternehmen danach verbrannt zu sein. Purer Luxus. Ich schickte also meine Bewerbungsunterlagen los und veränderte immer nur ein Detail: das in dem Anschreiben geforderte Jahresgehalt. Meldete sich ein Unternehmen danach zurück, wusste ich, dass generelles Interesse bestand und die Forderung nicht überzogen war. Insgesamt gingen so zwölf Bewerbungen raus. Ich fing mit 39.000€ an, schrieb drei Unternehmen an, erhöhte um 3.000€, schrieb wieder drei an und so weiter. In der letzten Runde standen 51.000€ auf dem Papier. Das hat sich verdammt gut angefühlt, trotz des Wissens, wie überzogen die Forderung eigentlich war. Runterhandeln kann man sich immer lassen. Und so etwas zu üben, war mein eigentliches Ziel.

In der Folge tröpfelten die Rückmeldungen ein. Ich machte beim Schreiben meiner Masterarbeit nun Pausen, um Gespräche mit Headhuntern und Personalern zu führen, mir Unternehmen vorschlagen zu lassen, meine Zustimmung zur Weitervermittlung zu geben. Kurz bevor es ernst wurde, sagte ich immer ab. Ich hätte bereits etwas gefunden, aber vielen Dank für die Bemühungen. Mit einem Unternehmen kam ich bis zum unterschriftsreifen Vertrag. Das Angebot war zwar höher, trotzdem blieb ich bei meiner Firma. Ich war ja zufrieden und wusste, worauf ich mich einlasse. Aber meine erste Lektion auf dem freien Arbeitsmarkt war: Da geht noch mehr.

Auch mein Profil auf Xing wollte mir diese Nachricht vermitteln. Ungefragte Initiativschreiben von auf den IT-Bereich spezialisierten Firmen und Headhuntern, die für sich selbst oder andere suchen, trudelten unregelmäßg ein. Zwar nicht jede Woche, aber in manchen auch mehrfach, sodass es mindestens fünf pro Monat waren. Manche Anschreiben lasen sich an der Grenze zu verzweifelt. In unserem Büro rief mal eine Headhunterin bei der Verwaltung an, gab sich als die Ehefrau meines Arbeitskollegen aus und bat darum, zu ihm durchgestellt zu werden – mit Erfolg. Dann hört man von dem Bekannten eines Bekannten, der sein Gehalt nach einer Bewerbung bei VW mal eben verdoppeln konnte und nun bei bezahlter Arbeitszeit im ICE jeden Tag von Berlin nach Wolfsburg pendelt. Wenn man mit Kollegen solche Geschichten austauscht, liefern sich Faszination und Unglaube ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Man ist wohl wirklich die knapp bemessene Ressource, von der man immer hört und in den Nachrichten liest. Aber wie bedenklich ist es bitte, was für krankhaft anmutende Auswüchse die Suche nach qualifiziertem Personal mit sich bringt? Money buys Anstand.

Was davon bleibt, ist das Wissen, was man in einem nachfrageorientierten Markt verlangen kann. In meinem Jugendfreundeskreis, außer mir besetzt mit Ingenieuren und BWLern, einem Industriekaufmann und einem Triebswerksmechaniker, verdiene ich im unteren Mittelfeld. Und so wird es zur drängendsten Sorge, mindestens marktüblich entlohnt zu werden. Die Frage, ob man einen Job überhaupt findet, stellt sich meist gar nicht – und so wird Geld die sichtbarste Form der Anerkennung.

Fast forward. Eineinhalb Jahre nach meinem Studienende, am Vorabend des ersten Advents, treffe ich mich mit zwei Freundinnen zu einem Glühwein- und Waffel-Abend. Wir diskutieren das Thema Jobs und ich erwähne, dass ich mich demnächst wieder bewerben möchte. Wir sprechen über Perspektiven und am Ende der Diskussion beharre ich auf der These, dass es mit dem richtigen Studienfach nahezu unmöglich ist, sich mit einer schlechten Bewerbung zu disqualifizieren. Beide gegenüber, Anglistik und Germanistik, daneben Kunstgeschichte, können sich das absolut nicht vorstellen. „Also, was doch gar nicht geht, absolutes No-go, ist zum Beispiel, wenn man am Ende seiner Bewerbung so was wie Tschüssikowski schreibt.“ Fünf Minuten später laden sie mich zu einer Wette ein. Wenn ich es schaffe, sowohl in E-Mail als auch Anschreiben, mit genau dieser Grußformel bei einem Unternehmen in die engere Auswahl zu kommen, gibt es einen Abend Freischnäpse in der Lieblingskneipe. Wenn nicht, zahle ich für beide.

Wir ziehen demnächst los, damit ich meinen Wettgewinn einlösen kann. Von fünf angeschriebenen Unternehmen haben mich drei eingeladen, eines hat sich spät gemeldet und eines nie. Jobs finden ist einfach, wenn man unter keinem Druck steht, sie wirklich bekommen zu müssen. Momentan arbeite ich den letzten Monat für mein Unternehmen. The one and only. Erster und einziger Arbeitgeber – bisher. Aber manchmal, da will man etwas Neues sehen. Nach der Wette nahm ich die frisch auf Hochglanz polierten Unterlagen, strich das Tschüssikowski und reichte sie bei den Firmen ein, die in meiner Gunst wirklich vorn lagen. Kein Google oder Facebook, aber aufstrebender Mittelstand. Und legte bei der Gehaltsforderung noch etwas drauf. Schon das erste Bewerbungsgespräch bei meinem Favoriten saß. Am nächsten Tag hatte ich nicht nur Zusage, sondern auch den fertigen Arbeitsvertrag mit einer deutlichen Gehaltssteigerung. Cinderella Story? Maybe. But not really. Es ist das Glück oder der Kompromiss, sich für etwas zu interessieren, von dem man weiß, dass es später gut für seinen Lebensunterhalt sorgen wird. Dafür möchte ich mich nicht rechtfertigen müssen.

Der Autor hat einen Allerweltsnamen, kommt aus einer beliebigen deutschen Großstadt und hat in etwa dein Alter.

Headerfoto: Max Wheeler (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz!

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1 Comment

  • katja sagt:

    Kleiner Tipp: Ärzte nie nach hochglanzpolierten Homepages aussuchen. Das viele viele Geld, das sie unwissend dafür einem Webdesigner bezahlen, holen sie sich durch aufgeschwatzte IGEL-Leistungen beim Patienten wieder. Die kompetentesten Ärzte sind die, die sich einen Scheiß um ihren Webauftritt kümmern und statt dessen das Wohl des Patienten im Auge haben. Das gleiche gilt übrigens für das „Design“ der Praxisräume. Aber die Generation 2.0 lässt sich eben lieber von schöner Form als wichtigen Inhalten blenden…

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