Wenn aus Vertrauten Fremde werden

Für R.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Gedanken an dich zu Papier bringe. Ich weiß nicht, wie viele Seiten es inzwischen sind. Hin und wieder kommt es mir sogar in den Sinn, dass man mit unserer Geschichte einen ganzen Roman füllen könnte. Aber wir wissen beide, dass sie bei uns besser aufgehoben ist.

Wir schweigen. Mittlerweile über drei Jahre. Irgendwie ist das verrückt. Manchmal, mitten im Alltag, sehe ich plötzlich einen Moment vor mir, den wir gemeinsam erlebt haben. Ich kann mich hineinfühlen, als wäre es gerade erst gewesen.

Mein Lächeln halte ich nicht zurück. Ja, ich muss sogar grinsen. Du und ich gegen den Rest der Welt. Bonnie & Clyde. Zwei Seelen, die sich gefunden haben.

Ich bin mir sicher, du erinnerst dich an all das genauso wie ich. An unser Kennenlernen in der Bar. Du der Küchenchef, ich das Mädchen hinter der Theke. Selten haben wir geredet. Das brauchten wir auch nicht. Unsere Augen hatten sich längst gefunden.

Und so entwickelten wir unsere eigene Sprache, die keiner außer uns verstand. Auch heute noch muss ich schmunzeln, wenn ich daran denke, wie du an meine Nummer herangekommen bist, als ich schon längst nicht mehr bei euch arbeitete.

Der nächste Frühling und Sommer gehörten nur uns.

Und es sollte nicht beim Schreiben bleiben. Der nächste Frühling und Sommer gehörten nur uns. Es gab keinen Tag, an dem wir nichts voneinander hörten. Und wenn wir uns trafen, meistens irgendwo an der Uferpromenade, manchmal auch bei mir oder in einer Bar, gab es nichts anderes als uns und diesen Moment.

Wir wurden Meister des gemeinsamen Schweigens. Stundenlang saßen wir da, zusammen, tauschten Blicke aus und unsere Lieblingslieder. „Wie sehr wir leuchten“, dieses Lied von Gloria, beschreibt für mich so wunderbar unser Jahr. Wenn wir nachts unter Sternen lagen, ein kleines bisschen betrunken.

Als wir uns heimlich davongestohlen haben, um ein Wochenende ans Meer zelten zu fahren. Als wir einmal im Gemenge tanzten und du mich geküsst hast. Wir vergaßen alles um uns herum.

Doch der Sommer ging zu Ende.

Du wolltest deine Freundin verlassen.

Die Schatten, die wir immer wieder ausblenden konnten, holten uns ein. Du wolltest deine Freundin verlassen. Du warst schon unglücklich, bevor wir uns begegnet sind, sagtest du.

Doch, was wollte ich? Dich zu verlieren, war meine größte Angst. Dich, als mein Freund, der mir so vertraut geworden war. Wir brauchten uns zu keiner Zeit einen Vertrauensvorschuss geben. Zwischen uns gab es eine Selbstverständlichkeit, wie ich sie noch nie zuvor mit jemanden erlebt hatte.

Ich bat dich, sie nicht wegen mir zu verlassen. Ich wollte keinen Partner, der sich von einer Beziehung in die nächste stürzt und sich dabei selbst verliert.

Und auf einmal war alles anders zwischen uns.

Das, wovor ich am meisten Angst hatte, passierte: Funkstille. Ganze zwei Monate. Es war eine harte Zeit. Doch was danach kam, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Vor einer Woche hattest du deine Freundin verlassen.

Am Silvesterabend warst du es, der unser Schweigen durchbrach. Bei dir hat sich einiges verändert. Du warst frisch verliebt in eine andere. Vor einer Woche hattest du deine Freundin verlassen. Wow! Mir fehlten die Worte. Mir fiel nichts Besseres ein, als dir viel Glück zu wünschen.

Ein paar Wochen später. Wir trafen uns in der Stadt. Ich weiß noch, dass an diesem Abend viele Leute unterwegs waren und ich merkte, dass du vermeiden wolltest, irgendwo hinzugehen, wo du auf Bekannte stoßen könntest.

Wir redeten. Du warst glücklich. Und ich? Ich machte gute Miene. An diesem Abend wusste ich, dass es das letzte Mal war, dass wir uns trafen. Alles Ungezwungene, das Vertraute zwischen uns – es war nicht mehr da.

Wir sind ins Schleudern geraten und haben den Aufprall nicht überlebt.

Es war, als hätten wir einfach aufgehört zu existieren. Wie bei einem Unfall. Wir sind ins Schleudern geraten und haben den Aufprall nicht überlebt.

Dieser Abend ist lange her. Heute hast du einen Sohn und bist glücklich. Und ich gönne dir dieses Glück so sehr! Und doch tut es weh. Scheinbar hört es nie ganz auf. Nicht, weil ich dich geliebt habe. Das habe ich nicht.

Nein, es fühlt sich an, als hätten wir uns verraten und all das, was wir hatten. Als wäre das alles nie passiert. Ich bin traurig darüber, dass ich vergesse. Vergesse, wie sich dein Lachen anhört, wie du riechst, wie es sich anfühlt, dich zu umarmen. Dass wir zwei mal Freunde waren, würde uns keiner mehr glauben.

Wenn wir uns zufällig in der Stadt begegnen, ist es wieder da, ganz kurz; dieses Leuchten. Doch schnell kriecht aus diesem Leuchten der Schmerz hervor und erinnert uns daran, wo wir heute stehen.

Wie sehr wir leuchten. In meiner Erinnerung jeden Sommer.

Im Kreislauf des Lebens, als Endzwanzigerin, noch nicht wirklich die Erfüllung gefunden, saugt Wortschatz alles auf, was mit Musik, Kreativem und Zwischenmenschlichem zu tun hat. Gerne mal raus, um die Welt zu entdecken oder sich unter ihrer Sofadecke verkriechend, vor der Welt verstecken. 

Headerfoto: Anne Marthe Widvey via Creative-Commons-Linzenz 2.0. Danke dafür! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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