Weil es weh tut

Es heißt wohl, dass man halb so lang braucht, um über eine Trennung hinweg zu kommen, wie sie tatsächlich gedauert hat. Schon bei meiner ersten Trennung dachte ich, dass das kompletter Müll ist. Denn nach einer Woche habe ich Dich kennengelernt, und das ist nicht die Hälfte von fünf Jahren. Ich war zwar nie ein Genie in Mathe, aber so viel weiß ich dann wohl doch.

Nach der Trennung von Dir dachte ich ebenfalls, dass das nicht stimmen kann. Kurz ging es mir beschissen und dann plötzlich gut. Kaum mehr wurde ein Gedanken an Dich verschwendet. Wozu denn auch, Du willst mich ja schließlich auch nicht mehr. Wozu dann weinen und das schöne Leben ungenutzt verstreichen lassen, dachte ich. Es ging mir gut, nachdem wir uns dann endlich nicht mehr gesehen haben, nicht mehr trotz Trennung jeden Tag noch nebeneinander geschlafen haben. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt es doch so schön.

Bis letztes Wochenende hatten wir uns dann tatsächlich einen Monat nicht mehr gesehen, kaum etwas voneinander gehört. Und wenn doch, dann haben wir uns angezickt. Wie sollte es auch anderes sein? Ich glaube, dass es uns beiden in diesem Monat echt verdammt gut ging. Nach außen. Du hattest deine neuen Freunde, ich hatte meine. Mit unseren virtuellen Zickereien wollten wir uns womöglich auch zusätzlich noch zeigen, dass wir den anderen echt kacke finden. Obwohl Chat-Kommunikation noch nie unser beider Ding war.

Anstelle unserer Freunde, die die Kommunikation und den Stress zwischen uns ja bestens miterleben durften, hätte ich wahrscheinlich auch geglaubt, dass wir uns auf dem Festival die Augen ausstechen. Aber Fehlanzeige. Nichts von dem. Nicht mal ein bisschen. Nicht einmal fast. Ich glaube, schon in Berlin – bevor wir überhaupt losgefahren waren – wusste ich, dass es nicht werden würde, wie es werden sollte. Nicht so, wie es vermutlich das Beste für uns, nein für mich, gewesen wäre. Endlich angekommen hielten du und ich uns kommunikativ noch ganz schön zurück, nur das Zelt haben wir zusammen aufgebaut, aber von meinen schlauen Ratschlägen – ja, das sind sie meistens wirklich, wie du weißt – wolltest du auch nichts wissen.

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wann das auf dem Festival alles umgeschlagen ist. Es lag vermutlich einfach an unserer Vertrautheit. Daran, dass wir, im Nachhinein betrachtet, doch echt viel gemeinsam haben und die bescheuertsten Menschen im ganzen Universum sein können. Zusammen. Warum fällt einem das denn nicht vorher auf?

Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke, was ich für Scheiße baue. Immer. Vielleicht schützen mich diese Dummheiten manchmal aber auch einfach vor dem noch gebrochenereD Herzen, das ich hätte, wäre ich nicht mit diesem Jungen mitgegangen. Denn dann wäre ich mit Dir mitgegangen. Ich hätte Dich geküsst. Ich hätte Dich geküsst, wie ich es immer hätte tun sollen. Wie Du es immer verdient hattest. Ich hätte Dich wie wahnsinnig geküsst. Und geheult. Du hättest mich festgehalten. Ich wäre das ganze Festival mit gequollenen Heulaugen rumgelaufen.

Doch vielleicht wäre auch alles anders gekommen. Eine Stimme in meinem Kopf sagt, dass, wäre es so gelaufen, jetzt alles wieder wunderschön wäre. Du und ich. Zusammen. Ich nicht hier liegen und schreiben würde, über Dich. Sondern ich hier liegen würde, mit Dir. Andererseits wissen wir leider beide, dass es Dir ohne mich viel besser geht. Denn wem geht es nicht gut, wenn man gerade die Jugend zurückbekommt, die einem von einem kleinen Mädchen mit 23 genommen wurde?

Und dann frage ich mich wieder, warum Du auf dem Festival die ganze Zeit bei mir warst. Warum? Mit mir gelacht hast, mit mir Witze gemacht hast und in dem Moment, als ich unerwartet deine dumme Geste nachgemacht habe, gesagt hast: „Das ist meine Frau!“

Niemals wäre ich mit dem Jungen gegangen, wenn auch nur ein kleiner Funken Hoffnung vorhanden gewesen wäre, dass ich diese eisige Nacht in deinen Armen überstehen hätte können.
Was hätte ich tun sollen? Dich küssen? Dafür warst du immer zu stark. Und ich zu schwach. Schon immer.

Und dann stehen wir da am Samstagmorgen. Du ganz cool und unbeeindruckt von dem scheiß Typen. Mit dem nichts gelaufen ist, deinetwegen, aber das weißt du nicht.

Schutz? Nein, das bist Du. Du willst mich nicht mehr. Erst abends, weil diesmal Du betrunken bist, verstehen wir uns wieder. Wir beide wissen irgendwie, dass wir nicht hier auf dem Gelände bleiben wollen, wir wollen beide zusammen allein sein. Denn ansonsten bestünde gar keine Chance mehr, dass wir die zweite, noch eisigere Nacht nicht allein verbringen müssten. Wenigstens diese Nacht in Deinen Armen zu verbringen – wurde mir in diesem Moment bewusst – dafür würde ich alles geben.

Schließlich gehen wir wirklich allein zu zweit zusammen zum Zelt. Noch komplett unklar, was ist und das, obwohl wir es beide spürbar wollen. Kein Sex. Nur den anderen. Dem anderen nah sein. Sein Haar riechen, seine Haut spüren.

Die Angst deinerseits, dass wir beide miteinander schlafen könnten, kann ich nicht deuten. Würde sie gern so deuten, dass Du Angst davor hast, die wunderschöne Vertrautheit mit mir wieder zu haben, zu spüren und sie in zwei Tagen zu vermissen. Mich zu vermissen. Nur ist das bestimmt wieder mein beschissenes Wunschdenken, was mich nicht von Dir loskommen lässt. Meine Hoffnung, an einem Punkt, an dem alles schon verloren ist. Du bist so nicht. Nur ich bin so.

Wir haben keinen Sex. Wir küssen uns nicht einmal. Doch Du bist mir ganz nahe. Und immer und immer wieder nimmst du dir meine Hand. Hältst sie fest. Streichelst sie.

Ich merke, wie mir eisig kalt wird – wie in dieser Nacht. Weil ich mich wieder in Dich verliebe. In einfach alles. Sogar in Deine scheiß Frisur und Deine Arroganz.

Es tut mir leid. Ich versuche es. Dich wieder gehen zu lassen. Und nicht mehr an Dich denken zu wollen. Denn nichts tut weh, weil es falsch oder richtig ist, sondern weil es weh tut.

Roxanne ist mit 22 bei allem noch komplett unentschlossen. Meistens tut sie das Falsche im richtigen Moment, oder doch eher andersrum? Trotz der neuen Freiheit One-Night-Stands haben zu können, sehnt sie sich nach nichts mehr, als mit nur dieser einzigen Person aufzuwachen. Der tollste Junge an ihrer Seite müsste rund um die Uhr mit ihr frühstücken können.

Headerfoto: Rowena Waack via Creative Commons Lizenz!

roxanne

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