Was wäre, wenn wir den Mut hätten, uns zu lieben?

Sechs Uhr morgens. Ich kenne das heutige Datum – ausnahmsweise. Auf dem Weg zur Arbeit schalte ich den Tempomat aus und die Musik ein. Etwas in meiner Brustgegend pocht ganz dumpf. Ich drehe den Ton lauter und drücke aufs Gas. Als hätte Ignorieren und Wegrennen bisher ganz wunderbar geklappt.

Wir haben uns bei einem Open-Air zum ersten Mal gesehen. Eigentlich habe ich dich gesehen, die Zunge tief vergraben im Mund einer unbekannten Dame. Es war ein warmer Sommerabend, die Hitze des Tages flimmerte immer noch zwischen den Zelten, was den Alkoholkonsum merklich steigerte. Ich wollte frisches Bier holen, dabei bist du mir aufgefallen. Ich ging beladen mit Getränken zurück zu meiner Gruppe, dein Bild in einer winzigen Ecke meiner vernebelten Gedanken sicher verstaut. Später auf dem Festival-Gelände, die Luft deutlich abgekühlt, standst du da. Alleine, ohne deine Kumpel, ohne weiblichen Anhang.

Du warst groß, selbst aus deinem eher eingefallen scheinenden Gesicht – was der Uhrzeit und dem Alkohol zu verdanken war – fixierten mich stahlblaue, wache Augen. Du begrüsstest mich von oben herab, was nicht nur an meiner deutlich kleineren Statur lag. Ich sagte nur: „Na, nicht mehr ganz so beschäftigt?“ – und deutete einen Kuss an. Wir redeten belanglose Dinge, diskutierten über die Bands, wer besonders gut und wer besonders langweilig gewesen war. Schon zu diesem Zeitpunkt schienen wir uns abzutasten. Dieses Gefühl von Smalltalk kombiniert mit einem Tanz ums Feuer. Wehe, einer tritt zu nahe … gedanklich, körperlich, seelisch.

Wir verabredeten uns in den darauffolgenden Tagen in einer Bar. Das Treffen verlief harmonisch. Wir tranken Wein, redeten, lachten. Du trugst eine fürchterlich runde Brille, die dunkelblonden Locken standen dir vom Kopf ab. Unweigerlich erwecktest du in mir das Bild eines Schuljungen, der sich zu diesem Anlass als Professor verkleidet hatte.

Es folgten noch zwei Treffen, dann vernahm ich das angenehme Schwirren in der Magengegend und die Sehnsucht bei deiner Abwesenheit. Natürlich gab ich dies nicht zu erkennen. Ich belagerte dich nicht mit Nachrichten oder Anrufen – ich spielte die kühle, distanzierte Frau, die einen Hauch Interesse hat, aber alles völlig unkompliziert angeht.

Ich spielte die kühle, distanzierte Frau, die einen Hauch Interesse hat, aber alles völlig unkompliziert angeht.

Endlose acht Wochen, bis du mich zu einem Kaffee bei dir zu Hause einludst. Kein Kuss, keine flüchtige Berührung bis dahin – trotz wöchentlicher Treffen. Ich kam mir völlig verkorkst vor. Du saßt mir gegenüber auf dem Sofa, wusstest nicht wohin mit deinen Händen, rutschtest unruhig hin und her. Das Sofa gab ächzende Geräusche von sich, als würde es stöhnend unsere Hilflosigkeit beobachten. Bis es aus dir herausplatzte: „Was ist das eigentlich zwischen uns?“

Meine Mundwinkel zitterten beim Versuch zu lächeln. Etwas schien meine Zunge zu lähmen. Seit wann stotterte ich? Hektisch versuchte ich dem Feuer zu entgehen, tanzte rückwärts, weg von der Gefahr. Nach geraumer Zeit entschlüpfte mir ein leises: „Ich habe schon Interesse …“

Deine eigene Unsicherheit traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Du seist dir nicht sicher, was mich betrifft, übersetzte mein hormongeschwängertes Gehirn – und bejahte deine Frage nach einem Kuss, bevor das Herz Korrekturen vornehmen konnte.

Während du gelöst wirktest, schämte ich mich für meine Antwort. Ein Kopfsprung direkt in das seichte Gewässer von „vielleicht, jein, lass es uns langsam angehen“. Wir küssten uns. Du küsstest gut. Ich saß plötzlich auf dir, deine muskulösen Arme um mich. Dein Mund an meinem Hals. Meine Hände unter deinem T-Shirt. Dein tägliches Training machte sich bezahlt. Kurz dachte ich an meine persönlichen Beweise von zu viel Schokoladen-Genuss … dann schaltete ich den Kopf aus und gab mich hin. Dem Herzklopfen, dem süßen Gefühl von Verlangen, dem Spiel der Verführung mit dem Wissen, dass ich es heute nicht zu Ende führen würde.

Ich saß plötzlich auf dir, deine muskulösen Arme um mich. Dein Mund an meinem Hals. Meine Hände unter deinem T-Shirt.

Wir tanzten gemeinsam um das Feuer. Doch lauwarm wirft eben immer Fragen auf. Wäre heiß eine glückliche Beziehung, oder würden wir uns verbrennen? Wäre kalt eine emotionale Erlösung, denn wo keine Gefühle, da auch keine Verletzungen? Lauwarm. Zu viel Platz für Interpretationen und Gedankenschlösser.

Wir trafen uns nur noch sonntags. In deiner Wohnung. Manchmal war ich dir ganz nahe. Du wolltest mich lange nach dem Höhepunkt noch halten, einen angefangenen Film zu Ende sehen, nur in Unterwäsche zurück aufs Sofa zum Kuscheln. Zwei Vertraute im schweigsamen Abkommen, unangenehme Fakten zu ignorieren. Zum Beispiel, dass du bald abreisen würdest. Ans andere Ende der Welt.

Dann wiederum lag ich neben dir, betrachtete dein Profil im Dämmerschlaf. Wir einander zugewandt und völlig verheddert, mein Kopf in der Kule deiner Brust. Alles an dir hielt mich körperlich fest, doch fühlte ich mich geistig wie ein Eindringling deiner Privatsphäre. Du ließt mich zu einfach gehen. Ich flüchtete zu oft. Da war sie … die Angst. Die Angst vor dem Was-wäre-wenn. Die Angst, mich zu entblößen, obwohl ich schon nackt neben dir lag.

Da ist sie … die Angst, mich zu entblößen, obwohl ich schon nackt neben dir lag.

Irgendwann sahen wir uns zum letzten Mal. Der Kino-Parkplatz wurde zur Bühne. Wir küssten uns innig. Hörten fremde Stimmen hinter uns johlen. Dann entfernten wir uns in entgegengesetzter Richtung. Ich rannte zu meinem Fahrzeug, ließ mich atemlos in das weiche Leder sinken und wartete auf den Schmerz. Er pochte ganz dumpf. Wir ignorierten den nächsten Monat und die Tatsache, dass die andere Person überhaupt existierte. Funkstille. Als wäre die Eiszeit besser gewesen als zu verbrennen.

Sechs Uhr dreißig. Ich schalte den Tempomat ein und die Musik aus, betrachte, wie die Regentropfen des milden Winters an der Frontscheibe abperlen. Ein Bild meines früheren Geschichtslehrers, mit fürchterlich runder Brille, taucht vor mir auf. Was hatte er uns über den ersten Weltkrieg beigebracht?

Beide Parteien verharrten in ihren Schützengräben. Am Ende gab es einen vermeintlichen Schutz vor Verlusten, jedoch keinen wirklichen Gewinner.

Dalya M. Kane lebt in der Schweiz. Ist ein bunter Mix von Großstadt-Bürotussi und ländlicher Einsiedlerin. Arbeitet in einer Agentur für Marketing und Kommunikation. Schreiben ist ein Hobby, ordnet ihr Gedankenchaos, schließt Kapitel ab und reflektiert neue Seiten. Sie musste nun 28 Jahre lang Mut sammeln, um persönliche Worte mit Fremden zu teilen.

Headerfoto: George Gvasalia via Unsplash.com! („Gedankenspiel„-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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