Was ich mal sagen wollte: Weg mit Paragraf 218 und 219A STGB

Wusstet ihr, dass Abtreibungen in Deutschland illegal sind? Und dass Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, darüber nicht öffentlich z.B. auf ihrer Homepage informieren dürfen?  Ich wusste das lange nicht.

Um ehrlich zu sein: Ich weiß es wie viele andere auch erst, seit in diesem Jahr in Irland für die Legalisierung für Abtreibung gestimmt wurde und seit die Frauenärztin Kristina Hänel angezeigt wurde. Genau heute, am 12. Oktober 2018, ist ihre Berufungsverhandlung vor dem Gießener Gericht. Ein guter Grund, sich nochmal mit dem Thema vertraut zu machen. Hänel hatte auf ihrer Homepage darüber informiert, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt und in einem PDF-Dokument Unterschiede und Risiken der verschiedenen Methoden erklärt. Damit ist sie laut 219A STGB straffällig – ein Irrsinn, denn dort wird es „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ genannt.

Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen Werbung und Information.

Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen Werbung und Information. Mal ganz abgesehen davon, dass die Vorstellung von einer „Abtreibung zum Sonderpreis“ oder Mengenrabatt nicht nur makaber ist, sondern Frauen abspricht, dazu in der Lage zu sein, eine Entscheidung zu treffen bzw. dass diese leicht zu beeinflussen sei. Des weiteren steht im Gesetzestext des Paragrafen 218, dass Abtreibungen in Deutschland illegal sind. 1995 legte der Deutsche Bundestag die Fristlösung fest, dass dies zwar weiter gilt, aber straffrei bleibt, wenn ein Abbruch mit Zwangsberatung und innerhalb der ersten drei Monate erfolgt. Daran hat sich seit 23 Jahren nichts geändert.

In den letzten Wochen schloss ich mich deshalb gleich zwei Demonstrationen gegen diesen Irrsinn an. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung in Berlin und in Hamburg organisierten Demos, um auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Bei 219A handelt es sich um einen Naziparagrafen, denn er hat seine Ursprünge im Paragraf 219 des Reichsstrafgesetzbuchs, mit dem die Nationalsozialisten im Juni 1933 potenziellen Nachwuchs sichern wollten.

Bei 219A handelt es sich um einen Naziparagrafen, denn er hat seine Ursprünge im Paragraf 219 des Reichsstrafgesetzbuchs.

Ich ging auf die Straße, damit Ärzt*innen wie Kristina Hänel in Zukunft frei informieren dürfen, für die reproduktiven Rechte der Frauen und um den sogenannten „Lebensschützern“ und rechten Bewegungen Einhalt zu gebieten sowie für mehr freie Informationen und FREIWILLIGE Beratung, als auch für eine medizinische Grundausbildung. Denn aktuell gehört es nicht zur Ausbildung von Ärzt*innen, Schwangerschaftsabbrüche zu erlernen, sondern erfolgt auf freiwilliger Basis. Das hat zur Folge, dass es immer weniger Ärzt*innen gibt, die Abtreibungen durchführen.

Ich ging auch für die Sichtbarkeit von Frauen auf die Straße. Ungewollte Schwangerschaften entstehen auch trotz Verhütung. Das oft vorgebrachte Vorurteil, Frauen würden verantwortungslos mit Verhütung umgehen, trägt viel Unwissenheit mit sich. Zum einen darüber, wie teuer Verhütungsmittel eigentlich sind und zum anderen welche Fehlerquoten sie haben und nicht zuletzt, die Tatsache, dass zum Sex und auch zur Verhütung immer zwei Menschen gehören.

Das oft vorgebrachte Vorurteil, Frauen würden verantwortungslos mit Verhütung umgehen, trägt viel Unwissenheit mit sich.

Am Wochenende besuchte ich eine Sonderausstellung zur Revolution im Jahr 1918 und entdeckte ein Foto von demonstrierenden Frauen, die ein Banner hochhielten auf dem steht: „Hinweg mit dem Paragrafen 218“. Es war schmerzhaft zu sehen, dass dies 100 Jahre später noch immer nicht gelungen ist.

Ich hoffe, dass wir nicht noch mal 100 Jahre warten müssen. Durch Frauenkörper dürfen keine machtpolitischen Interessen wie Bevölkerungspolitik mehr gesteuert werden. Ganz allein die Frau entscheidet über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre sexuelle Gesundheit. Es darf keine Bevormundung mehr geben.

Headerfoto: Frau in nächtlicher Stadt (Stockfoto) via vladibulgakov/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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