Was ich mal sagen wollte: Sexuelle Belästigung auf Festivals ist scheiße

Es ist Sommer. Die Temperaturen klettern immer öfter auf über 25 Grad. Für viele heißt es: ab ins Freibad oder an den See. Andere freuen sich schon seit Monaten auf die Festivalsaison. Egal, ob nur für einen Abend oder mehrere Tage mit dem Zelt, für Festivalliebhaber ist es das Highlight des Sommers. Doch wenn viele Menschen ausgelassen feiern und der Alkohol fließt, kommt es manchmal zu unschönen Momenten. Zu Momenten, in denen fremde Menschen einen unsittlich berühren: zu sexueller Belästigung.

Als Frau feiern zu gehen ist oft ein Erlebnis. Ich bin schon gar nicht mehr überrascht vom unangemessenen Verhalten fremder Menschen.

Als Frau feiern zu gehen ist oft ein Erlebnis. Ich bin schon gar nicht mehr überrascht vom unangemessenen Verhalten fremder Menschen. Dumme Anmachsprüche. Leute, die einen einfach umarmen wollen oder einem ’nen Klaps auf den Po geben. Auch ich habe das schon am eigenen Leib erfahren müssen. Auf dem Farbgefühle Festival habe ich aber gleich zwei Situationen erlebt, die noch krasser waren.

Sich fröhlich tanzend zu elektronischen Klängen mit Farbbeuteln zu bewerfen, das ist das Prinzip des Festivals mit indischem Ursprung. Einmal wurde ich dabei von einem Wildfremden mit der Farbe eingerieben. Prinzipiell ist das bei der ausgelassenen Stimmung nichts Besonderes – eigentlich recht normal, wenn man mal einen Farbabdruck auf den Rücken bekommt. Weniger normal ist es aber, dass er dabei ausführlich an meine Brüste fasste. Ich meine, hallo?! Ich ziehe ja auch nicht los und fasse Männern wahllos in den Schritt. Was hätte ich auch davon? Besagter Typ bekam von mir eine saftige Ansage.

Ein Weilchen später saß ich auf den Schultern meines Kumpels, als ich einen kräftigen Schlag auf den Po spürte. Er schmerzte. Wer ihn ausführte, ist mir unklar. Das ging im Trubel unter.

Beide Erlebnisse haben mich weder traumatisiert noch fühlte ich mich danach schmutzig. Meine einzige Reaktion darauf: Ich war genervt. Genervt, weil ich mich fragte: Was für aufdringliche Leute haben das nötig? Was haben sie davon? Wollen sie ihre Hand jetzt nie wieder waschen? Mehr Gedanken kamen mir zunächst nicht.

Es macht mich traurig, dass ich als Frau ein solches Erlebnis eher genervt als entrüstet wegstecke und es schon als normal ansehe.

Aber genau das ist es ja! Wenn ich länger darüber nachdenke, ist das eigentlich Traurige daran doch, dass selbst ich als Frau ein solches Erlebnis eher genervt als entrüstet wegstecke und es mittlerweile schon als normal ansehe. Dass ich weiß, dass man als Frau schon fast damit rechnen muss, wenn man ausgeht. Und so ist das ja nicht nur auf Festivals. So ist das zur späten Stunde in der Bahn, wenn der Mann ein paar Sitze weiter mit den Händen den Geschlechtsakt andeutet und mich dabei anguckt. Das ist unverschämt und respektlos!

So ist das auch, wenn man als Frau feiern geht. Mit dem Alkohol fallen die Hemmungen und schnell spürt man einen Arm um sich und feuchte Lippen auf seiner Wange. Wieder ein Fremder, den ich verständnislos wegschubse. Vielleicht hätte ich auch mal eine Ohrfeige verteilen sollen, aber bisher habe ich mir noch immer anders geholfen. Am Ende dürfte sich Frau dann wieder anhören, hysterisch zu reagieren, wenn man mal ein Späßchen machen würde.

Ich bin schockiert über die Dreistigkeit mancher Menschen!

Ich bin schockiert über die Dreistigkeit mancher Menschen! Darüber, dass sexuelle Belästigung scheinbar immer wieder mit Flirten verwechselt wird und dass so etwas selbst dann passiert, wenn Frauen auch mit männlichen Freunden unterwegs sind.

Und leider ist es kein Einzelfall. Wenn ich mit meinen Freundinnen spreche, könnten wir einen ganzen Abend mit solchen Geschichten füllen. Meine Freundin Lena wurde bei Rock am Ring bedrängt. Ein Typ, mit dem sie nur wenige Worte wechselte, versuchte sie in sein Zelt zu drängen und sagte immer wieder: „Komm schon, du willst es doch auch.“ Sophie wurde beim Deichbrand Festival an der Bühne von hinten umfasst und ein fremder Mann drückte seinen erigierten Penis an sie. Und das sind nur ein paar Geschichten, die herausstechen!

Ich finde es schlimm, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer mit solchen Vorfällen zu kämpfen haben. Es tut mir leid für alle Frauen. Was mir aber am meisten leid tut, sind all die Männer, die so was nie tun würden und in denselben Topf gestopft werden. Sie sind in der Mehrzahl und leiden unter dem schlechten Benehmen anderer Männer.

Headerfoto: Rauchendes Mädchen mit Cappy (Stockfoto) via solominviktor/Shutterstock. (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“

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