Warum wir das Streben nach Glück loslassen sollten

Versteh mich nicht falsch. Zu jeder Zeit ist es mir ein Herzensanliegen, die Menschen daran zu erinnern, ihr vollstes Potenzial zu erwecken, ihre Träume zu verwirklichen und dadurch ein Leben zu erschaffen, das sie aus jeder Pore heraus in der Magie ihrer Einzigartigkeit strahlen lässt. Ja, ich bin für die radikale Freiheit, den Sehnsüchten zu folgen, die in den Tiefen unserer Seele brodeln, ungeachtet der Grenzen des eigenen Verstandes. Ich bin für die radikale Selbstliebe, einer allumfassenden Selbstliebe, die nichts fordert, die nichts beweisen muss, die einfach ist und im bloßen Sein Frieden finden lässt. Ich bin für Glück. Für ganz viel Glück. Für ein Leben, das die Endorphinproduktion ankurbelt, weil wir den Blick auf die Liebe, auf die Freiheit, ja, das Gute richten. Ich bin ein spiritueller Idealist, könnte man sagen, und diese Gesinnung hat mich in meiner eigenen Entwicklung weit gebracht, mich tatsächlich stellenweise an Zuständen tiefer innerer Glückseligkeit schnuppern lassen, die mir kein Orgasmus, kein Rausch, kein von äußeren Einflüssen generierter Glückshormonschub hätte ermöglichen können.

Und doch bin ich immer wieder dort an meine Grenzen gestoßen, wo ich angefangen habe, das Leben als bloße Aneinanderreihung nie endender Glücksmomente zu verstehen. Einem Irrglauben, dem ich verfallen bin, weil ich mich doch mittlerweile schon echt sehr lieb habe. Weil ich doch mittlerweile auch beruflich das mache, was mich aus tiefstem Herzen erfüllt. Weil ich doch mittlerweile nur noch Menschen in meinem Umfeld habe, die mir gut tun. Weil ich doch mittlerweile eine Grundfreiheit in meinem Leben geschaffen habe, die mich dazu befähigt, ziemlich stark einfach nur Ich zu sein und damit das zu leben, was man wohl Selbstverwirklichung nennt. Und trotzdem: Genau dann, wenn ich nicht genug vom Glück kriegen konnte, wie ein trotziges, gieriges Kind innerlich nach „Mehr, mehr, mehr“ zu schreien begann, hat mir das Leben zu verstehen gegeben, dass es nie nur Glück und Leichtigkeit, nie nur auf Wolken schweben bedeuten kann. Dass Leben auch reibt, rüttelt, uns hin und wieder durch den Schleudergang jagt und uns frisch erneuert, aber gefühlt durch die Hölle gegangen, wieder ausspuckt. Dass dort, wo viel Licht ist, eben auch ein Schatten existiert, der uns immer wieder einholt, wenn wir ihn gänzlich zu ignorieren versuchen. Dass jeder Höhenflug auch immer mit einer gefühlt unsanften Landung einhergeht.

Weil die Möglichkeiten in Sachen Sinnfindung, Selbstverwirklichung und kompromisslosem „Ich selbst sein“ in allen Lebensbereichen grenzenlos scheinen, nehme ich wahr, wie wir in unseren Köpfen eine ausartende Ego-Show kreieren, die nur noch Raum für 24/7 im Rausch der Endorphine lässt und jegliche Form von Scheitern, Krisen und Kompromiss zwanghaft aus dem Drehbuch streichen will. Holen uns die Schatten des Lebens dann dennoch ein, fühlen wir uns gleich um unser Glück betrogen, ja, als vom Schicksal gebeutelte Opfer, die nie das kriegen, was sie eigentlich verdienen. Unser rastloses Streben nach Glück mit all seinen ungesunden Fixierungen sperrt uns dann in den Kerker unserer hoher Erwartungen und lässt uns leiden. Klingt kontraproduktiv, oder? Ist es auch! In diesem zwanghaften Streben nach Glück ernten wir nur Unglück.

Es ist also nicht das Glück, welches uns Frieden schließen lässt mit dem Leben, welches das Fundament für Erfüllung und Sinnhaftigkeit schafft. Es ist die Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn wir das Leben annehmen wie es ist. Als abwechslungsreicher Mix aus Höhen und Tiefen, aus Glück und Unglück, aus Freiheit und Begrenzung, aus Schwere und Leichtigkeit. Es ist die Balance aus grenzenlos Träumen und Kompromisse eingehen. Die Balance aus ehrgeiziger Zielsetzung und demütiger Hingabe. Die Balance aus Hedonismus und Mäßigung. Es ist das, was es eben ist. Das, was auch schon unsere Großmütter und Großväter am lebendigen Leib erfahren, allerdings lange nicht so hinterfragt haben, weil dieser großartige Raum für radikale Selbstverwirklichung, wie wir ihn heute genießen dürfen, nicht existierte.

Welch ein großes Geschenk dieser Raum ist, in dem wir so gründlich auf Forschungsreise zu uns selbst gehen können, so sehr hinterfragen dürfen, was uns aus tiefstem Herzen wirklich glücklich macht. Und doch, ja doch, sollten wir es nicht zu ernst nehmen mit dem Glück. Uns selbst nicht zu ernst nehmen. Und uns stattdessen einfach treiben lassen in diesem Fluss des Lebens, der es schlussendlich nur gut mit uns meint. Weil es nicht die Momente des Glücks sind, die uns wachsen und lernen lassen, sondern jene des Unglücks, hinter dem immer auch ein großes Licht leuchtet, wenn wir nur bereit sind, es zu sehen.

„Blame, gain and loss, pleasure and sorrow come and go like the wind. To be happy, rest like a giant tree in the midst of them all.“ (Buddha) – oder wie mein bayerischer Opa zu sagen pflegte: „S´Lem is koa Nudelsuppen.“

Dein Ludwig

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2 Comments

  • Es gibt Texte auf dieser Plattform in die verliebt man sich nach den ersten Zeilen. Bei mir war das gerade so ein Moment. Du hast das in Worte fassen können was mir Monate im Kopf rum schwirrte, ich aber nie – so geradlinig und dennoch tiefsinnig – ausdrucken könnte! Trotzdem hast du mir ein Ziel auf den Weg gegeben, die Balance zwischen den Höhenflügen und Abstürzen zu finden.

    „Lernen das Leben zu lieben mit seinen Höhen und Tiefen“ – L

    Danke

  • Hallo Ludwig.
    Du sprichst mir aus der Seele!
    Danke dass du diese Gedanken mit uns teilst. Beim Lesen habe ich mir kurz überlegt, ob ich mir diese Zeilen ausdrucken und vor den Spiegel hängen oder noch besser als Handzettel unter die Leute mischen sollte.
    LG Bine

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