Warum ich gerade eine Auszeit nehme und das gar nicht so laut sagen darf

Wir leben in einer Gesellschaft und einer Zeit, in der man manche Dinge besser für sich behält, die, wenn auch kein Tabu, so zumindest verpönt sind. Dazu zählen mal mehr und mal weniger abstrakte Konzepte wie Glück, Sexualität, Glaube und das öffentliche Geständnis, dass man eigentlich überhaupt nicht weiß, wie Mülltrennung geht. In meinem konkreten Fall handelt es sich um eine Tatsache, für die ich gleich in eine Kategorie oder Schublade gesteckt werden könnte: Ich nehme mir gerade eine Auszeit.

Eine Auszeit? Hast du Burn-out, oder was?

Meine Beichte, dass ich gerade für ungewisse Zeit mal nicht arbeite und meinen Teil zum Sozialsystem beitrage, stattdessen aber auf mentalem und emotionalem „Selbstfindungskurs“ bin, resultiert automatisch in eine-Augenbraue-nach-oben-ziehende Fragen. Und das nach bereits geleisteten Jahren, absolvierten Überstunden, erbrachten und weltretterischen Leistungen.

Denn das Recht auf ein Päuschen, das über fünf Minuten für Zigarette, Pipi oder Kaffee hinausgeht, das muss man sich erst mal hart erarbeiten. Das ist keine Entscheidung, die man für sich selbst einfach so treffen und in einem rein egoistischen Kontext betrachten kann. Das steht nur dem höchsten aller Gerichte zu: dem Komitee der fleißigen Bienchen mit 60+ Stundenwoche und 100 Jahren Arbeitserfahrung am äußersten und fast selbstzerstörerischen Rande des allgemeinen Lebenswahnsinns.

Das Recht auf ein Päuschen, das über fünf Minuten für Zigarette, Pipi oder Kaffee hinausgeht, muss man sich erst mal hart erarbeiten

Dazu zähle ich leider nicht. Und weil ich nicht dazu zähle, und nie gezählt habe, muss ich fast kleinlaut und zähneknirschend erklären, dass ich nach Bachelor und Master, kürzeren und längeren Auslandsaufenthalten, mehr oder weniger sinnvollen Praktika, unzähligen Nebenjobs am Geduldsminimum und erster, echter Arbeitserfahrung (Schreibtischfesselung und preisverdächtiger Kopiergerätbedienung inklusive) eigentlich und im Vergleich noch gar nicht so ausgelaugt bin.

Eigentlich und im Vergleich dürfte ich mich noch überhaupt nicht beschweren und einen Sonderstatus einfordern, weil meine Energiereserven noch mindestens für 20 Jahre Arbeitsknebelung ausreichen. Ich bin jung, erfreue mich bester Gesundheit und bringe allgemeine, überall anwendbare Fähigkeiten mit.

Na prima, was ist denn dann das Problem?

Das Problem ist, dass ich das nicht will; irgendwo arbeiten, wo diese allgemeinen Fähigkeiten (also Adjektive, die auf meinem Lebenslauf als Keywords stehen müssen, sonst kann nämlich Google meine versteckten Talente nicht finden) das einzige sind, was mich auszeichnet. Meine eigenen Wünsche, Träume, Bedürfnisse muss ich grundsätzlich hinten anstellen und stattdessen ans Allgemeinwohl, also an die anderen, denken. Es kann ja nicht jeder machen, was er will. Wo kämen wir denn da hin? (Teufels Küche, the place not to be)

Es kann ja nicht jeder machen, was er will. Wo kämen wir denn da hin?

Doch nicht nur das. Gerade mal kein Geld in die Kasse(n) zu bringen ist ja das eine, aber dann auch noch die Zeit mit Dingen zu verbringen, die einen glücklich machen, für die man gerne morgens um halb sieben aus dem Bett springt, die einen fordern und ein Stück näher an die eigene Lebensvorstellung bringen, ist ja die Höhe.

Zeit zu haben, um nach dem Frühstück ein paar Kapitel zu lesen, weil es gerade so spannend ist, oder ein Video zu schauen, das einen inspiriert/unterhält/hinterfragen lässt? Um eine halbe Stunde spazieren zu gehen, bei Regen oder Sonnenschein, und dabei endlich mal wieder richtig durchzuatmen? Um ernsthaft zu überlegen, was einem Spaß macht, was man ausprobieren sollte, in welcher Tätigkeit man sich tatsächlich sieht? Nämlich einer, bei der man dieses ganz einzigartige Stückchen von sich selbst einbringen kann, die einem Wert verleiht, die sich, so rein theoretisch, hypothetisch und wenn auch utopisch, nicht nach Arbeit anfühlt?

Sag‘ mal, in was für einer Welt lebst du eigentlich?

Leider in einer, die diese Gedanken viel zu oft für Yoga-Buddha-Bonsaibäumchen-Kram hält. In der es vorher und von außen festgelegte Zeiten für Erholung und Selbstverwirklichung gibt, die uns zum mindful anpassing drängt. Dieses bedrängende und sich allabendlich wiederholende Gefühl, sich am nächsten Tag wieder aus dem Bett quälen zu müssen, um dann mindestens acht Stunden in einer Umgebung zu verbringen, die einem nicht nur Gehirnzellen, sondern auch die eh schon reduzierte Anzahl von Nerven absaugt, muss in Kauf genommen werden. Weil wir hier nicht bei Wünsch Dir was sind. Weil man ja auch Dinge tun muss, die keinen Spaß machen. Weil Erwartungen erfüllen eben Leben ist. So einfach ist das.

Unsere Welt drängt uns zum mindful anpassing.

Ich muss zugeben, dass ich meine aktuelle Situation und alles, was damit verbunden ist, nicht groß herausposaune. Ich spreche nur mit ausgewählten Menschen über die Freiheiten, die ich habe, aber auch über die Opfer, die ich persönlich bringe und verantworten muss. Das sind einige. Ich lebe ja schließlich nicht in einer rosaroten Kaugummiblase mit Erdbeergeschmack. Ich bin ja realistisch. Aber die Opfer sind es mir eben wert. Und nur, weil ich allgemein nicht viel darüber spreche, heißt das noch lange nicht, dass ich mich schäme.

Es ist eher eine Frage des Platzes. Ich habe nämlich beschlossen, dass Teufels Küche ein Ort ist, an dem ich mich gerade so verdammt wohlfühle, dass da außer mir gar keiner mehr reinpasst. Und deswegen habe ich ein glitzerndes Türschild gebastelt:

HEUTE UND BIS AUF WEITERES GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash.com! (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

CAROLIN(A) widmet sich nach einer Auszeit vom Müssen und Sollen endlich voll und ganz dem Schreiben. Und so nebenbei: Dingen, die glücklich machen. Das sind immer Bücher. Filme und Serien. Gedanken rund ums Leben. Weißwein, halbtrocken. Wasabi-Erdnüsse. Blubberndes Apfelmus. Mehr von ihr gibt es bei Instagram.

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