Warum ich für Geld mit Männern Sex habe

Ich habe lange überlegt, ob ich das machen soll. Ob ich schreiben soll über etwas, was bislang wirklich niemand weiß. Niemand kennt diese Seite von mir. Niemand. Nicht mal mein bester Freund. Und darum habe ich auch mit mir gehadert, wie viel Wahrheit okay ist. Aber ich habe mich dafür entschieden, dass es die ganze Wahrheit sein muss. Keine Lügen.

Ich bin vor drei Jahren nach Hamburg gezogen, von der Kleinstadt in die Großstadt. Ich hatte einen Studienplatz bekommen: Psychologie Bachelor. Mein großer Traum.

Zunächst machte mir die Großstadt ein wenig Angst – ich kam aus der ländlichen Kleinstadt in die Millionenstadt. So viele (neue) Menschen. So viele Möglichkeiten. Und gefühlt (und auch real) hatte ich zu wenig Geld für diese ganzen Möglichkeiten.

Ich reagierte natürlich, wie man es mir beigebracht hatte.

Dann kam der Tag, als ich mit meinem besten Freund Max in Berlin telefonierte. Als er mir erzählte, dass seine Mitbewohnerin überlege, als Eskort-Lady zu arbeiten. Ich reagierte natürlich, wie man es mir beigebracht hatte: Entrüstet fragte ich ihn, ob sie ernsthaft vorhabe, sich zu prostituieren. Er meinte, das wäre ja gar nicht nötig – nicht immer müsse man mit den Männern schlafen und man könne sich die Jobs ja dementsprechend aussuchen.

Heute sind wir drei Jahre weiter. Lisa, Max‘ Mitbewohnerin hat nie als Eskorte gearbeitet. Sie hat einen Freund, ist immer noch unheimlich verliebt. Die beiden werden nächstes Jahr heiraten und Lisa bekommt BAföG.

Die Wirklichkeit? Ich habe Sex mit Männern für Geld. Mit vielen Männern, für viel Geld.

Und ich? Ich gebe die arme Studentin, die dauerpleite ist und ganz schön auf ihr Geld achten muss. Die Wirklichkeit? Ich habe Sex mit Männern für Geld. Mit vielen Männern, für viel Geld. Ob ich mich schlecht deswegen fühle? Keineswegs. Ob mich der Beruf psychisch belastet? Ich denke nicht. Warum ich nun darüber schreibe und ins Grübeln komme? Ich glaube, ich habe mich verliebt. Nicht in einen meiner Kunden, sondern in den Richtigen.

Ich hatte so viele Männer in meinem Leben, ich habe aufgehört zu zählen. Wie oft ich gefickt wurde? Mittlerweile wahrscheinlich über tausend Mal. Aber ich fand es geil. Meistens zumindest.

Und dennoch habe ich jetzt den einen getroffen. Den, der all die Dinge vereint, die ich an einem Mann attraktiv finde. Es ist der, bei dem ich denke: Den willst ich an meiner Seite. Er ist nicht nur attraktiv, er ist auch intelligent, er ist fürsorglich, er ist ehrgeizig und das allerwichtigste: Er liebt mich. Er liebt nicht meinen durchtrainierten Körper, er liebt nicht meine Fassade noch liebt er nur bestimmte Faccetten – er liebt wirklich mich als Person.

Dieses Gefühl, das er mir gibt, das ist es, warum ich gerade wirklich mit dem Gedanken spiele, meine Karriere als Eskorte zu beenden. Und weil ich bei jedem Sex immer an ihn denke. Dabei bin ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem ich mich zum einen unheimlich an ein gewisses Maß an Geld und damit einhergehend einen hohen Lebensstandard gewöhnt habe und zum anderen die Aufmerksamkeit und Annehmlichkeiten, welche mit den Männern kommen, nicht missen möchte.

Klar, nicht jeder Fick ist so geil, dass ich denke, ich könnte nicht ohne ihn, aber meinen besten Sex hatte ich mit einem meiner Kunden. Zumindest bis der Typ kam, der mein Herz nun unregelmäßig schlagen lässt. Gott, wie kitschig.

Ich würde mich selbst niemals als Hure bezeichnen, aber ich bin eine.

Ich würde mich selbst niemals als Hure bezeichnen, aber ich bin eine. Gut. Hure hat eine negativere Konnotation als Prostituierte oder Eskorte. Aber das sagt einfach, dass ich Sex für Geld habe. Ja, das habe ich und ich stehe dazu.

Trotzdem gehe ich damit nicht hausieren. Wie meine Eltern reagieren würden, wenn ich es ihnen erzählen würde, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Mein Vater würde wahrscheinlich jede Achtung vor mir verlieren. Zu meiner Mutter habe ich eh kein gutes Verhältnis, aber schlechter geht immer.

Mit meinem besten Freund möchte ich offen sein. Ich glaube, er ist der einzige, der es im Prinzip gar nicht schlimm findet. Er würde es rationaler sehen, denke ich. Ich mache etwas, was mir Spaß macht. Etwas, das ich auch sonst mit Männern machen würde, aber das Ganze nun eben mit dem schönen Nebeneffekt, Geld zu verdienen.

Meine Motivation am Anfang war das Geld, nicht der Sex. Und jetzt bin ich abhängig von dem vielen Geld.

Ist das so verwerflich? Ich bin jung, attraktiv und gebildet, nicht arm, abhängig und chancenlos.

Okay, im letzten Satz steckt wahrscheinlich auch etwas Selbstbetrug. Meine Motivation am Anfang war das Geld, nicht der Sex. Und jetzt bin ich abhängig von dem vielen Geld. Bin wohl doch nicht ganz so tough. Wenn ich wollte, könnte ich morgen kellnern gehen, an der Uni als Hilfskraft arbeiten. Aber gerade – und in den letzten drei Jahren – wollte ich das hier.

Und jetzt, kann ich einfach damit aufhören (?)

Goldmarie ist Studentin im Master Psychologie in Berlin, schreibt Gedichte, fotografiert viel, arbeitet bei einem Start-Up, schreibt gerne Texte zwischen Fiktion und Wirklichkeit über Beziehungen, Sex und Gewalt.

Headerfoto: Frau in Unterwäsche via Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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3 Comments

  • Mein Empfinden schwankt zwischen Respekt vor der Offenheit und moralischer Entrüstung über die doch nur eher geringe Auseinandersetzung. Wenn ich mich mit jemandem auf Sex einlasse und es genieße, würde ich dann Geld dafür nehmen (wollen/können)? (Andererseits: Wäre das Nicht-Genießen denn irgendwie BESSER???) Es schwingt aber immer mit: Wenn der Andere so dumm ist, zu zahlen …
    — Wer ohne Dunkelheit ist, werfe den ersten Stern. Wer bin ich, andere zu beurteilen? Noch schlimmer, ich fänd es wahrscheinlich geil, dein Kunde zu sein. Ich ging noch nie zu einer Prostituierten, und das ist ein Mischmasch aus Gründen, aber es steckt auf keinen Fall eine klare moralische Überzeugung dahinter. (Außer der, dass ich ungerne Andere oder mich selbst verletze.) Dazu mag ich Sex zu sehr. Huren bewundere ich eher, als dass ich auch nur auf den Gedanken käme, sie zu verachten oder von oben herab anzusehen. – – – Letztendlich muss das jede(r) mit sich selbst aushandeln; ich wünsche dir dabei alles Gute.

  • Ich habe selbst auch als Escort gearbeitet bis Mitte 2014 und damit aufgehört als ich mich verliebt habe. Damals hörte ich damit auf weil ich mit anderen nicht mehr schlafen konnte und wollte. Gedanklich war ich immer bei meinen Freund, in den ich natürlich verliebt war. Die Beziehung endete nach einem Jahr. Aber jetzt im nachhinein bin ich ganz froh aus dieser Welt raus zu sein, trotz des verlockenden Geldes. Es hört sich surreal an aber ein „normales Leben“ ist super. Auch wenn das Geld nicht mehr so fliegt wie damals.
    Wegen dem Geld habe ich auch angefangen, aber das brauche in dieser Weise nicht mehr.
    Hör auf dein Bauchgefühl, du testest dich gerade aus. Ich habe mich damals einer Freundin anvertraut von der ich dachte sie sei toleranter und sie hat mich sofort fallen gelassen. Also sei vorsichtig wenn du dich anvertraust. Oft sind die scheinbar weltoffensten Menschen auch nur Spießer und kleinbürgerlich.

  • Hey Goldmarie, Respekt für solch offene Worte!

    Hör‘ auf das Gefühl in Deinem Bauch! Wenn es sich vor drei Jahren richtig angefühlt hat, als Eskorte zu starten, dann war es die richtige Entscheidung. Und wenn es sich heute richtig anfühlt, damit wieder aufzuhören, dann wird es erneut die richtige Entscheidung sein.

    Unter Deinem Text steht, dass Du „… gerne Texte zwischen Fiktion und Wirklichkeit über Beziehungen, Sex und Gewalt“ schreibst. Schreibst Du diese Texte nur für Dich selbst oder veröffentlichst Du sie, z. B. in einem Blog?

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