Warum ich dich mag

Ich komme ein paar Minuten zu spät, obwohl ich eigentlich nie zu spät komme. Der Bus fährt zu langsam, hält ewig am Hauptbahnhof. Dir ist das egal, du sitzt da auf der Bank und wartest. Mit der Kippe in der Hand und deinen zehn Jahre alten Leder-Boots, und ich könnte dich knutschen bei dem Anblick. Du drückst mich an dich, als hätten wir uns ewig nicht gesehen. Nicht bloß ein paar Tage.

Drinnen lassen wir uns in die zerschlissenen Sessel unseres Lieblings-all-Night-long-Cafés fallen, beide mit einer Weinschorle und genug Geschichten, um damit fünfzig Abende am Stück füllen zu können. Wir fangen mit diesem einen Abend an. Es ist Montag, und es ist alles so wie immer. Und auch, wenn wir uns beide viel zu oft viel zu unbeholfen in Regelmäßigkeiten verlaufen, so ist es dennoch diese Beständigkeit unseres gemeinsamen Montagabends, die so unbeschreiblich gut tut. Du erzählst mir von der Arbeit, ich dir von meinem freien Wochenende in Hamburg. Wir reden über Gastro-Gäste, die weder ihre Zunge noch ihre Hände unter Kontrolle haben. Die uns Schätzchen und Mäuschen nennen und denken, auf erbärmliche Anmachsprüche einzugehen gehöre zum guten Service dazu. Ich erzähl dir von der Uni. Von diesen Menschen, die sich für etwas viel Besseres halten und als Beispiel für den Begriff „Oberflächlichkeit“ bei Wikipedia einen Eintrag verdient hätten. Du lachst, und ich mag, wie es klingt. Wir reden über Männer. Wenn man ehrlich ist, dann reden wir eigentlich fast nur über Männer. Manchmal mit Tränen in den Augen, nicht immer vom Lachen. Dein roter Lippenstift, der sonst auf den Lippen deines Mitbewohners liegt, schmückt heute den Rand deines Weinglases. Deine Hand ruht auf meinem Knie. Man könnte uns für ein Pärchen halten.

Während du draußen stehst und deine Zigarette rauchst, beobachte ich dich durch die leicht beschlagene Scheibe. Du siehst mich nicht, hängst deinen Gedanken nach, und deine Augen sind stürmisch. Manchmal machst du mir Angst. Wenn ich tagelang nichts von dir höre und nicht weiß, ob irgendetwas passiert ist. Es macht mir Angst, weil ich weiß, dass in deinem Leben nicht noch mehr passieren darf. Du bist stark, stärker als der Riese aus meinem Kindermärchenbuch, aber auch du trägst deine Ängste tief in deinem Herzen vergraben immer bei dir. Du erzählst nicht oft von den Kämpfen, die du im Inneren führst. Aber wenn man sich einen Moment nimmt, dann kann man sie sehen. In deinen Augen und in jedem Atemzug. Und wenn du bei mir schläfst, weil ich denke, dass du nicht allein sein solltest in dieser Nacht, oder weil du mich nicht allein lassen willst und irgendwann deine Hand in meine schiebst, dann spüre ich deine Zerbrechlichkeit. Lasse deine Hand nicht los, damit du ganz bleibst.

Du bist vielleicht der verrückteste und schönste Mensch, der jemals in mein Leben gestolpert ist. Wie du in der Küche gestanden und den Köchen den Kopf verdreht hast mit deiner goldenen Brille und den unzähligen Sommersprossen, wusste ich, dass ich mich ein bisschen in dich verlieben muss. Nicht auf eine verlieben-verlieben Art. Keine Schmetterlinge, keine großen Gefühle. Sondern einfach nur diese Wärme im Bauch, die man viel zu selten fühlt. Ich musste mich ein bisschen in dich verlieben, einfach, weil du es viel zu sehr verdienst, geliebt zu werden. Weil du nicht urteilst, ganz gleich, was ich dir erzähle. Und weil uns so viel mehr verbindet, als wir uns beide auch nur hätten vorstellen können. Weil du die Welt vergessen kannst, wenn sie dir auf die Nerven geht, und du mir Tag für Tag beibringst, dass das Leben so viel einfacher ist, wenn man sich selbst ein bisschen mag.

Manchmal denke ich, dass du wohl nicht für immer in meinem Leben sein wirst. Nicht, weil ich dich gehen lassen will, sondern weil du ein Mensch bist, der irgendwann vielleicht einfach gehen muss. Wenn dir die Welt ein bisschen zu eng wird. Aber ganz gleich, ob wir gegenseitig auf unseren Hochzeiten tanzen werden. Oder mit über siebzig noch immer gemeinsam Weinschorle trinken. Noch bist du da, und das ist, was zählt. Und ich? Ich bleibe. Solange du willst. Bei dir.

Als du dich nach deiner Kippenpause wieder neben mich fallen lässt, strahlst du mich an. So, als wäre die Welt manchmal doch ziemlich perfekt. „Ich hab dich lieb“, sagst du, und ich grinse dich an. „Ich dich auch“, erwidere ich. Weil man das den Menschen, die man mag, manchmal einfach viel zu selten sagt.

Danke.

Für dich.

Philu hat sich vor vier Jahren Mainz als ihr neues Zuhause ausgesucht. Ihre Tage könnten meistens ein paar Stunden mehr vertragen, damit die Uni neben Kellnern, Geschichten schreiben und Musik machen nicht zu kurz kommt. Ihr Herz schlägt für Schokolade, ausschlafen können und ferne Länder. Und für Menschen, die keine Angst haben, ein Lächeln zu erwidern. Mehr von ihr gibt es hier.

Headerfoto: Daniela Brown via Creative Commons Lizenz! (Gedankenspiel imprint added.)

Philu

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