Warum ich aus meinem Hamsterrad ausbrechen muss

Wenn sich ganz, ganz viel in deinem Kopf abspielt, sich ständig alles dreht und du dich fühlst wie ein kleiner Hamster im Laufrad, dann ist es ganz, ganz dringend an der Zeit, abzusteigen, anzuhalten, durchzuatmen. Und vor allem: den Ballast abzuwerfen!

Es ist Sonntagabend. Vor lauter Gedankenkreisen gelingt es mir nicht runterzufahren. Und das obwohl ich mir angewöhnt habe, sonntags, wenn andere den Tatort einschalten, raus an die frische Luft zu gehen und ne Runde zu drehen.

Später wieder Zuhause sitze ich draußen auf Balkonien und starre stumm vor mich hin. Dass ich friere, ignoriere ich. Rauche Zigaretten und zermartere mir das Hirn. Über hunderte Themen in wenigen Stunden. Über Menschen, über Erlebtes, über die Einsamkeit. Über mich, mein Leben, meinen Weg und wohin er führt.

Der Blick in den Himmel hilft mir dabei, nicht völlig den Verstand zu verlieren. Diese Weite. Es gibt nichts anderes in diesem Moment. Wolken, Sterne, der Mond. Und plötzlich fühl ich mich wieder ganz klein und all meine Sorgen zerfallen zu Staub, beim Blick auf das große Ganze.

Warum so viel denken und nicht einfach machen?
Warum nicht die Arbeit schwänzen, Sachen packen und einfach losfahren, ans Meer?
Warum sag ich den Leuten nie, was ich von ihnen halte?
Warum umarme ich nicht diejenigen, die ich vermisse?
Warum labern wir über so viel unwichtigen Scheiß, tagein, tagaus, als hätten wir noch so viel Zeit?
Warum verdammt nochmal merkt keiner, was hier vor sich geht?

Meine Wut, sie ist da. Spürbar.

Meine Wut, sie ist da. Spürbar. Doch das finde ich nicht schlimm. Warum dürfen nur trotzige Kinder wütend sein oder traurig? Warum dürfen wir nicht schreiend durch die Straßen rennen, ohne gleich für verrückt erklärt zu werden? Oder jemandem sagen, dass man ihn mag, ohne dass das gleich irgendwas ganz Großes bedeuten muss?

Manchmal wünsch ich mir so sehr das Kindsein zurück. Doch dann denke ich an alles, was danach kam und bin doch froh, dass diese Zeit hinter mir liegt. Dann denke ich an meine Familie und merke, wie sehr es mich verletzt und wie sehr ich mich immer mehr zurückziehe. Familie, Freunde. Was ist geblieben?

Schaue ich so gerne Krimis mit engstirnigen, verkorksten, sozialinkompetenten Kommissaren, weil sie mich an mich selbst erinnern? Ein Eigenbrödler zu sein, ist das so schlimm?

Bis vor einer Weile hatte ich einen Namen fest in meinem Herzen verschlossen gehalten. Für den Fall der Fälle, dass ich mal eine Tochter haben werde. Doch ich habe erkannt, dass ich an den falschen Dingen festgehalten habe. Dass ich mich nie in dieser Mutterrolle gesehen habe und es eher eine Schablone der Gesellschaft war, die doch irgendwie auch auf meine Umrisse passen musste.

Ich stehe da, mit Ende zwanzig und weiß nichts über mich.

Ich stehe da, mit Ende zwanzig und weiß nichts über mich. Viele Jahre war mir wichtiger, was andere von mir halten. Mir war immer wichtig, es anderen recht zu machen, Platz zu machen, Raum zu lassen für deren Glück. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Freunde zu vermissen oder Männer interessant zu finden, die mir nicht gut getan haben, statt mich damit auseinanderzusetzen, wer ich bin und warum und wohin es für mich gehen wird.

Es fühlt sich an, als nimmt mir jemand die Luft zum atmen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich suche nach dem Ort, an dem ich mich fallen lassen kann. Doch finde ich ihn nicht. Ich muss dringend hier raus, neue Wege gehen, neue Luft atmen, sonst ersticke ich an dieser tristen Oberflächlichkeit.

Ich will etwas fühlen. Ein Kuss, der so süß schmeckt. Sand unter meinen Füßen, der mich wärmt. Wind, der mir ins Gesicht bläst und mich wachrüttelt. Schmerzen in den Beinen, nach tagelangem Wandern. Ich will fühlen, dass ich lebe.

Im Kreislauf des Lebens, als Endzwanzigerin, noch nicht wirklich die Erfüllung gefunden, saugt Wortschatz alles auf, was mit Musik, Kreativem und Zwischenmenschlichem zu tun hat. Gerne mal raus, um die Welt zu entdecken oder sich unter ihrer Sofadecke verkriechend, vor der Welt verstecken. Dieser Text ist der Ausbruch aus einer Phase des Schweigens und Grübelns, der ihr Erleichterung verschafft hat.

Headerfoto: David Schroeder via Creative-Commons-Linzenz 2.0. Danke dafür! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

Written By
More from Gast

Falls du mich suchen solltest: Ich bin mich betrinken.

Ich komme herein, draußen ist es saukalt. Hallo zusammen, was läuft? Alles...
Read More

6 Comments

  • Oh wow. „Doch ich habe erkannt, dass ich an den falschen Dingen festgehalten habe. Dass … es eher eine Schablone der Gesellschaft war“ Ein Spiegel meiner Seele. Mit dem einzigen Unterschied, dass mich das alles jetzt (erst) erwischt hat, mit Ende 30. Schade, dass man nicht mehr erfährt über die Autorin, ich wüsste gern wie es weitergeht. Ich bin aus dem Rad ausgestiegen, weil es nicht mehr ging. Aber seit dem sitze ich fest. Und weiß nicht wohin mit mir. Weil ich keine Ahnung habe, „wer ich bin und warum und wohin es für mich gehen wird.“

  • Richtig schön! Und ich hoffe, dass die Lösung nicht zwingend ist, etliche von Kilometern zwischen sich und den erstickenden Morast des Alltags und der Oberflächlichkeiten zu bringen. Vielleicht gibt es auch vor Ort einen Weg. Abschütteln. Alles, was hemmt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.