Warum eine Beziehung Dir mehr Freiheit geben kann als das Single-Dasein | Teil 1

Ich brauche mehr Freiheit. Das ist mir zuviel Druck. Ich kann Dir nicht das geben, was Du willst. Du verdienst etwas Besseres. Es reicht einfach nicht. In der Phase meines Lebens kann ich mich nicht binden. Lass uns einfach schauen, wohin es führt. Wir können doch friends mit benefits sein?! Ich weiß gerade selbst nicht, wo ich stehe. Es ist alles so schwierig. Ich kann mich einfach nicht festlegen.

Es könnten noch viele weitere Aussagen dieser Art folgen, die ich entweder selbst gesagt oder besonders oft gehört habe. Das Phänomen, sich irgendwie alles offen halten zu wollen, ist wie ein Virus in unserer Generation. Das Wort Option ist mittlerweile in die Top Ten aller im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehung stehenden Worte gerutscht. Unser Bild von einer Beziehung ist von Ängsten geprägt, an eine Person gekettet zu sein und nicht mehr dem nachgehen zu können, was einem in den Sinn kommt.

Ist es so viel besser, eine »Option« zu sein, als ein »fester« Bestandteil des Lebens? Ist man wirklich so viel freier als Single?

Ist es so viel besser, eine »Option« zu sein, als ein »fester« Bestandteil des Lebens? Ist man wirklich so viel freier als Single? Dieser Text ist für alle Romantiker, Kritiker und Beziehungsbanausen da draußen, geschrieben – von einer Romantikerin, die den Glauben an eine innige Verbindung noch nicht verloren hat.

Der Klassiker

Stell Dir vor, du wachst morgens auf und neben Dir liegt eine Person, die Du gestern Abend oder kürzlich kennengelernt hast. Stell Dir vor, diese Person ist eine von vielen, neben denen du schon mal lagst. Du denkst entweder: »boah ist die süß«, »boah sieht die im Hellen anders aus«, »boah ich wäre lieber allein« oder »noch eine Runde Sex wäre super.« Es gibt viele Optionen, wie Dein Tag mit Deiner Option starten kann. Trifft man sich wieder, war es das jetzt? So viele Fragen oder ist einem doch alles egal?

Nach dem Sex ist oft vor dem Sex. Man(n) kam zum Zug und die Wege trennen sich schneller, als man die Unterwäsche wiederfindet. Wenn eine Eroberung gemacht wurde, verlieren viele Menschen das Interesse, sich einer Person weiter zu widmen. Biologisch bedingt und von unserer Gesellschaft geprägt, trifft dies zumeist auf die männlichen Wesen auf unserer Erde zu (wobei natürlich die weiblichen nicht ausgeschlossen werden dürfen).

Lebe den Moment heißt es immer. Sei im Hier und im Jetzt. Denke nicht soviel nach. Ich wünschte, diese Worte würden mit mehr Bedacht gewählt werden, denn sie bedeuten NICHT nur eine schnelle Nummer zu genießen. Sie haben viel mehr Gehalt als wir ihnen geben. Es gibt immer einen Moment, in jeder Sekunde und Du hast die Wahl. Triff bitte nicht immer die Einfachste!

Es gibt immer einen Moment, in jeder Sekunde und Du hast die Wahl. Triff bitte nicht immer die Einfachste!

Unser Ego ist sehr vorschnell im Urteilen oder Bewerten und die Evolution hat uns mit einem permanenten Fluchtimpuls ausgestattet – wenn etwas nicht so läuft, wie wir uns das wünschen, dann sind wir weg. Unser Ego, wie ich es nenne, agiert aus unseren Schattenseiten heraus und macht uns gern weis, dass die Dinge ja soooo stressig sind und wir lieber schnell weiterziehen, statt uns den Dingen zu widmen. Das erklärt u.a. unsere immensen Probleme bei der Partnerfindung.

Was bedeutet es, in einer Beziehung zu sein?

Das Klischee

Wir lernen jemanden kennen. Alles ist schön. Wir ersehnen die Treffen mit der anderen Person, genießen jede Minute und freuen uns, viele Tage (und Nächte) gemeinsam zu verbringen. Wir kommen an den Punkt, an dem wir gefragt werden, was das mit uns sei und zögerlich tauchen auch in unseren Augen die Fragezeichen auf.

Gehen wir eine Beziehung ein? Sind wir exklusiv? Lass mal so tun, als ob! In den ersten Wochen, in denen man sich trifft, scheint alles entspannt und leicht, aber im Prinzip kennen wir das Gegenüber überhaupt nicht. Wir kennen weder die Wünsche und Visionen vom Leben, noch wissen wir, was eigentlich die Basis dieser Verbindung ist.

Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem wir uns tiefer in die Augen schauen und merken: Oh, da gibt es noch mehr als nur die schönen Seiten.

Wir fragen oftmals lieber auch nicht, weil es sonst ein schnelles Ende bedeuten könnte. Wir genießen lieber, nicht allein sein zu müssen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem wir uns tiefer in die Augen schauen und merken: »Oh, da gibt es noch mehr als nur die schönen Seiten.« Da gibt es verschiedene Meinungen, dreckige Wäsche und Geheimnisse, unentdeckte Charakterzüge und eingewachsene Fußnägel.

Alles ist auf einmal nicht mehr so leicht. Der eine will All Inclusive-Urlaub, der andere Abenteuer im Dschungel und mit Schamanen tanzen. Einer will sich selbst erforschen und der andere lieber nichts von sich selbst wissen. Konflikte zeigen sich, aber geredet wird nur wenig über die Themen, die unter der Oberfläche schlummern. Es wird schwierig, vielleicht sogar alles von Routine übertüncht, doch die Unsicherheiten sind da.

Abgründe und Ängste zeigen sich. Die Oberfläche der Person scheint abgetragen und dort, wo vielleicht endlich die wahre Persönlichkeit zum Vorschein kommt, wollen wir schon wieder weiterziehen, denn: zu stressig, zu viel Arbeit – lieber nicht hingucken. Was einst so schön schien, glänzt nicht mehr.

Wir bleiben noch zusammen, aus Gewohnheit, aber schauen rechts und links schon nach anderen potenziellen Errungenschaften. Unser Bild von Beziehungen ist geprägt durch die Klischees: Anstrengung, Langeweile, Alltägliches, Sex mit nur einer Person! Horror!

Unser Bild von Beziehungen ist geprägt durch die Klischees: Anstrengung, Langeweile, Alltägliches, Sex mit nur einer Person! Horror!

Das Ende ist in Sicht bevor man bis drei gezählt hat, denn das Gras ist IMMER grüner auf der anderen Seite – ganz klar! Wir rechtfertigen unsere Unwilligkeit, sich einer Person wirklich zu widmen mit den Worten: »Ja, wenn die RICHTIGE kommt, dann wird alles anders!«

Hintergründe

Wenn Beziehungen oder Dein ganzes Leben immer nach Schema F laufen, sich die Dinge wiederholen (und das tun sie bei jedem zwangsläufig), kannst Du Dir sicher sein: Hier läuft jedes Mal das gleiche im Körper eingespeicherte Programm. Schaust Du dann lieber WEG oder schaust du HIN?

Wir ziehen immer die Person in unser Leben, die uns unseren eigenen Zustand in einer bestimmten Form widerspiegelt und uns unsere Muster aufzeigt. JEDE Begegnung bietet unwahrscheinlich viel Lernpotenzial, aber wir schmeißen uns gegenseitig lieber weg wie Toilettenpapier. Wir haben leider eine ungeheure Sehschwäche, wenn es um die Wahrheit geht.

Wenn zwei Individuen zusammentreffen, bringt jeder sein Paket an Prägungen mit. Und dann zeigen wir uns gegenseitig, was jeder in seinem Rucksack so trägt. Manches mögen wir, manches finden wir ziemlich furchtbar. Nicht selten fängt eine Seite an, Dinge aus dem Rucksack des anderen zu nehmen, entweder weil er sie doof findet und entsorgen mag, helfen möchte oder es sich sogar zu eigen machen will.

Dabei hat man doch genug eigene Sachen im Rucksack, die es zu sortieren gilt. Der Mensch vor Dir hat sprichwörtlich allerlei Zeug, welches bewertet und kategorisiert wird. Das ist einer der Momente, in denen wir anfangen, eine Person verändern zu wollen und nur den schönen Seiten Beachtung schenken. Wir sind Meister im Selektieren. Und dann kommt eines Tages das böse Erwachen: Im Rucksack lag ein gebrauchtes Kondom, dass sich zwischen den Rewe-Treuepunkten und den Flugtickets nach Mallorca versteckt hat.

Es herrscht so viel Fehlkommunikation zwischen den Geschlechtern, weil wir nicht ehrlich sind, uns lieber anpassen oder immer die Schuld bei dem Anderen suchen.

Es herrscht so viel Fehlkommunikation zwischen den Geschlechtern, weil wir nicht ehrlich sind, uns lieber anpassen oder immer die Schuld bei dem Anderen suchen. Wir kreieren ein Bild von uns, das natürlich irgendwann zerplatzt. Dann heißt es auf einmal: »Du bist gar nicht so cool«, »Du bist gar nicht so lieb«, »Du bist gar nicht so entspannt, wie ich immer dachte.« Dabei war all dies schon immer da, wurde aber gezielt übersehen.

Solche Zufälle und Überraschungen gibt es in unserem Universum nicht – nichts passiert einfach so. Wenn man das einmal begriffen hat, ändert sich die Perspektive drastisch. Denn dann fangen wir an zu sehen, dass niemand in zwischenmenschlichen Beziehungen „schuldig“ ist, dass wir uns so schlecht fühlen, so gelangweilt, so leer, so rastlos oder umtriebig. Zwei Menschen, die aufeinandertreffen, zeigen sich immer, wie sie selbst sind.

Wie löst Du Konflikte?

Beschuldigst Du die andere Person und sagst, was sie alles falsch macht? In klassischen Streitgesprächen wird immer gegenseitig angeklagt: »Du machst das so und so«, »Du hast mich so und so behandelt«, Du, Du, Du. Die Kunst ist es, nicht in die Anklage zu gehen, sondern bei sich selbst zu bleiben. Statt dem »Du« sage doch einfach so etwas wie: »Ich fühle mich durch dieses Verhalten traurig, wütend, enttäuscht« oder »Mir geht es nicht gut damit, wenn das und das so und so läuft!«

Bleib bei Dir, und Du wirst sehen, wie sich viele Deiner Gespräche verändern.

Bleiben wir bei uns, spüren wir, dass alles im Außen nur ein Spiegel unserer inneren Welt ist. Jede disharmonische Beziehung zeigt uns, was mit UNS SELBST los ist, wo unser Schmerz sitzt und dass die andere Person diesen NICHT verursacht, sondern die Wunde einfach nur mit dem Finger aufgerubbelt hat.

Zurück zum Anfang

Kommen wir zurück zum Anfang des Textes. Du stellst also fest, dass Deine Beziehungen irgendwie immer gleich ablaufen. Dann denkst Du vielleicht: »Ehe ich mich wieder an jemanden binde und der gleiche Scheiß von vorn beginnt, genieße ich lieber alles, was da am Wegrand steht und sich mitnehmen lässt. Gefühle lasse ich einfach nicht mehr zu. Die tun eh nur weh.« Hier hast Du Dir selbst unwissend ein Bein gestellt, weil Du Dir in dem Moment einredest, das sei nun die Erfüllung, fernab des ganzen Beziehungsstresses.

Wenn Du wüsstest…

Es wird sicher aufregend sein, viele neue Menschen kennenzulernen. Du wirst tolle Momente erleben. Du wirst den Moment leben und denken: »Wow, es ist doch alles soviel leichter und einfacher ohne jegliches Festlegen.«

Mit jedem freudigen Moment, der aus einem Muster und einer Prägung heraus entsteht, wird auch die Leere und Unzufriedenheit, die TIEF in Dir sitzt, immer wieder auftauchen und sich zu Wort melden.

Doch sei Dir gewiss: Mit jedem freudigen Moment, der aus einem Muster und einer Prägung heraus entsteht, wird auch die Leere und Unzufriedenheit, die TIEF in Dir sitzt, immer wieder auftauchen und sich zu Wort melden. Du weißt vielleicht nicht, was das manchmal ist, aber Du spürst, dass etwas in Dir hochkriecht. Was machst Du dann?

Du betäubst dieses Gefühl, das Du nicht fühlen willst, mit mehr Aktivitäten und mehr Genüssen. Und dies kann funktionieren, sehr lange. Vielleicht sogar ein Leben lang. Aber es wird Spuren hinterlassen.

Du wartest auf die/den Richtige(n), »Dann lasse ich mich wieder auf mehr ein«, sagst Du, denkst Du. Aber es gibts nichts falsches im Universum. Jeder Mensch, dem Du begegnest, ist IMMER der Richtige. Du siehst es nur nicht mehr. Du lebst nur noch in Optionen. Gefällt Dir etwas nicht, wird es Dir zu stressig, dann gehst Du, flüchtest in Deine Gedanken, dass es doch noch so viele andere Optionen gibt. Doch Du merkst nicht, dass JEDER immer eine Option bleiben wird. Deine Freiheit ist ein Schein.

Herzlich Willkommen im Gefängnis, Ihr Optionsliebhaber!

Morgen unbedingt TEIL II dieses Artikels unserer lieben Annelie lesen! Und dabei erfahren, warum in einer Beziehung zu sein eigentlich alles andere als einschränkend ist <3.

Headerfoto: Xavier Sotomayor via Unsplash.com. („Gedankenspiel-Button“ hinzugefügt und gecroppt.) Danke dafür!

ANNELIE ist ein C-Bereich Mädchen, das es in den Berliner AB-Bereich geschafft hat.  Das Leben hat ihr schon reichlich dramatische Liebeserfahrungen beschert, daher predigt sie manchmal die freie Liebe, möchte aber im Grunde das, wonach alle streben: Glücklich sein! Mehr von der fabelhaften Annelie gibt es auf ihrem Blog.

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