„Warten Sie auf jemanden?“ – Alleinsein auf Probe

Ich hänge meinen vor Nässe triefenden Wintermantel über den Stuhl neben mir, wische mir die Regentropfen von der Brille und schaue durch das große Panoramafenster auf die Dünenlandschaft. Ich liebe diese Gegend, denke ich, während ich in der Speisekarte blättere.

Wie gerne würde ich jetzt die Füße im Sand vergraben und spüren, wie die Brandung meine Knöchel umspielt. Wie die Zehen immer weiter einsinken und dann vom Meer wieder freigegeben werden. Wären es nicht 2 Grad und Nieselregen.

Die Kellnerin nähert sich langsam und sieht mich prüfend an. „Warten Sie auf jemanden?“, fragt sie und wirft einen Blick auf den Mantel auf dem Stuhl neben mir. „Nein. Ich darf heute allein Kaffee trinken“, lächele ich und bestelle.

Als ich dies ausspreche, habe ich das Gefühl, dass mich alle anderen Gäste des Cafés ansehen und sich fragen, warum ich heute keine Gesellschaft habe. Ist es denn wirklich so ungewöhnlich, dass Menschen allein in einem Café sitzen?

Es ist wahr, dass ich mich unwohl fühle und es zugleich auch innerlich ein wenig feiere, dass ich diesen Moment, diesen Kaffee nur mit mir teile. Ich sehe mich um und entdecke tatsächlich nur einen Mann, der allein an einem Tisch sitzt und in seine Zeitung vertieft ist.

Sonst sind da zwei Freundinnen, eine Familie mit zwei Kindern, ein frisch verliebtes Pärchen, das die Hände und Augen nicht voneinander lassen kann (hach!) und das Pärchen, das sich schweigend gegenübersitzt. Sie schaut aus dem Fenster, er ist mit seinem Smartphone beschäftigt.

Ein Bild, das ich so oft sehe. Missmutig drein blickende Pärchen, die sich nichts zu sagen haben. Sind sie nicht genauso allein wie ich? Gemeinsam einsam. Nebeneinander allein?
Ich versuche mein Umfeld auszublenden, verliere mich in Gedanken und genieße meinen Kaffee. Wirr sind sie meine Gedanken, wie immer.

Als der Mann am Nebentisch bezahlt und aufsteht, werde ich aus ihnen gerissen und wieder ein wenig bewusster für meine Umwelt. Er schaut mich an, wirft sich seinen Schal um die Schulter und hält einen Moment neben mir inne.

„Alleinsein kann nur, wer mutig genug ist, mit seinen inneren Dämonen zu sprechen. Du siehst aus, als ob du viele Sprachen sprichst, Mädel. Bewahre dir das.“ Er lässt mich erstaunt, kopfschüttelnd und etwas lächelnd zurück, während seine Silhouette langsam im Grau Richtung Meer verschwindet.

Alleinsein. Das ist ein Zustand, der bei mir mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Oft sehne ich ihn mir herbei, denn seit es da dieses kleine Wesen an meiner Seite gibt, ist es sehr selten geworden, dass ich Zeit ganz für mich allein zur Verfügung habe. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich mich in letzter Zeit nicht allzu selten allein fühle.

Es macht mir immer noch Angst, dieses Alleinsein. Ich war es eigentlich in den 30 Jahren meines Lebens noch nie. Und es ist mit der Notwendigkeit verbunden, dass ich mich mit mir selbst beschäftige, in mich hineinhorche. Dass ich mich an mein inneres Chaos wage, völlig ratlos, wo ich mit dem Aufräumen anfangen soll.

Da sind Monster unter dem Bett. Ich habe Angst, dass sie sich an meine Waden klammern, sobald ich die Füße unter der warmen Decke hervorstrecke. Dass sie mich zerfleischen und auffressen.
Über die Jahre habe ich gelernt, die kleinen Monster fasten zu lassen, es gibt Zeiten, da hungern sie sogar. Und dann bekommen sie wieder ein Festmahl von mir serviert. Das große Fressen, wenn ich versuche, meine Gefühle und Bedürfnisse unter den Teppich zu kehren.

Ich erwische mich, dass ich denke: „Wenn Du Dich selbst nicht verstehst oder es zumindest versuchst, wer denn dann?“ Da ist dieser Mann in meinem Leben, ich möchte ihm so gerne all das sagen. All meine Zweifel äußern, all meine Ängste in seine schönen Hände legen. Ich wünsche mir, dass er sie sanft umschließt, aber nicht erdrückt.

Ich soll es aufs Spiel setzen und es einfach ausprobieren; alles zu sagen, was mich beschäftigt, sagen meine Freundinnen (nach einigen Flaschen Rotwein wohlgemerkt).
Unbeschwertheit heißt für mich, völlig frei von Unausgesprochenem zu sein.

Und wenn der Preis dafür Alleinsein ist? Vielleicht ist es ja nur ein Alleinsein auf Probe. Bis ich dann irgendwann endlich Ich sein darf.

Fräulein Fischstäbchen, 30, lebt in Bremen, ist Single-Mama und muss sich nach einer langen Beziehung noch an das Single-Leben zwischen Tinder und „Friends with benefits“ gewöhnen. Schreiben war schon immer ihre Leidenschaft, doch erst jetzt traut sie sich so langsam mit ihrem Blog Brombeeren und Bravoposter an die Öffentlichkeit. Die Idee für den Blog ist tatsächlich aus einer Romanze mit einem ihrer früheren Bravoposter entstanden und ist eine kleine Art von Eigentherapie. Still believe in love. Somehow.

Headerfoto: Frau vor tükisem Hintergrund via Shutterstock.com! („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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