Von Yogasessions, Kakaozeremonien und ganz viel Liebe zum Leben – das Agape Zoe Festival

Ich liege mit vierzig weiteren Menschen auf dem Boden eines Tanzsaals in Pankow. Es ist Samstagvormittag, an die großen Fenster des Raumes prasseln Regentropfen in rhythmischem Takt. Vor einer halben Stunde waren sie ungemütliche Begleiterscheinungen auf dem Weg in den Norden Berlins, jetzt runden sie die Atmosphäre ab. Es ist behaglich.

Meinen Wollpullover habe ich über die Beine gelegt, unter mir eine Yogamatte, im Nacken ein zusammengerolltes Handtuch, die Augen sind geschlossen und mein Atem geht ruhig und gleichmäßig.

Vor meinem inneren Auge visualisiere ich einen Ort, einen ganz persönlichen Ort, der ohne Druck, Stress oder Angst auskommt. An diesem Ort sind alle täglichen Zweifel, wohin ich will, wer ich bin und was aus mir werden wird, abwesend. Der Ort ist ein dichter Wald, Sonnenstrahlen blitzen durch Baumkronen und dort sitze ich in meiner Vorstellung, in eine Decke gehüllt auf einem Sessel vor einer Holzhütte mit großen Glasfenstern. Im Hintergrund höre ich leise die Blätter im Wind und das Hantieren mit Küchenutensilien.

Sabina Ahmetspahic leitet die Meditation, die mich an meinen individuellen Wohlfühlort gebracht hat und mir inmitten von dieser pulsierenden Metropole plötzlich Ruhe schenkt. Richtige Ruhe, innere Ruhe. Ruhe, die sich nur erreichen lässt, wenn man Zukunft und Vergangenheit vergisst und nur im Hier und Jetzt ist. Der Workshop, dessen Ende die Meditation einleitet, heißt „Embrace your inner child“ und ist Teil des zwölften Agape Zoe Festivals, welches alle drei Monate in den Eden***** Studios stattfindet. Die gerade geschilderte Ruhe wird mich das Wochenende immer wieder besuchen.

Das Setting

Das Agape Zoe ist ein Healing Arts Festival, welches das bei Zeiten raue Berlin mit einer anderen Seite repräsentiert, einer weichen Seite, die in den letzten Jahren immer stärkere Präsenz bekommen hat. Es geht um Fragestellungen, deren Antworten wir in unserem Inneren suchen und um Lebensansätze, die ganzheitlicher funktionieren möchten. Es geht um Rückbesinnung, Spiritualität, Verbundenheit, Alltagsbewältigung, positive Körperbilder und Achtsamkeit.

An zwei Tagen bietet das Festival rund vierzig verschiedene Workshops, Yoga- und Tanzkurse, Meditationsseminare und Konzerte an. Ich werde neugierig, als ich auf dem Kursplan Kum Nye, Power und Shakti Yoga, Workshops wie „Embracing pain“, „Lichtatmung“, „Art of Connection“ und ein „Ecstatic Dance Wave & Cacao Ritual“ entdecke.

Agápē ist das altgriechische Wort für uneigennützige, bedingungslose Liebe und Zoé das Wort für Leben, das Leben welches allen Lebewesen auf der Welt gemein ist. Agape Zoe – heißt das nun, liebe das Leben? Wenn Liebe in diesem Fall Annehmen und Leben einfach nur Sein, das pure Dasein, die absolute Gegenwart, bedeutet, erfüllt sich der Name des Festivals bereits während meiner ersten Erfahrung außerordentlich gut.

Das Einlassen

Auch die zweite Veranstaltung läuft ganz unter dem Motto, das Hier und Jetzt in jedweder Form anzunehmen und mehr noch, es zu zelebrieren. Kum Nye Yoga, eine alte nepalesische Yogaform, die den Ausübenden lehrt, Entspannung in der Anspannung zu finden. Wir versuchen, unsere Körper ganzheitlich kommunizieren zu lassen. Meine Arme sind unter Spannung und ich bin mir nicht sicher, wie lange ich die eingenommene Position noch halten kann, aber meine Füße, meine Füße sind doch eigentlich ganz entspannt in diesem Moment…

Ganz ruhig stehen sie auf dem Boden und geben mir Halt. Ich versuche, meine Aufmerksamkeit auf sie zu richten, lasse die Körperteile kommunizieren, entdecke dabei eine neue Energie. In der Anspannung Entspannung finden, das Umarmen eines unguten Gefühls, einer Spannung, bis sie weicher wird. Während des Agape Zoe werde ich immer wieder durch Gefühle geführt, die nicht nur vergnüglich sind.

Ich spüre, wie ich mich manchmal zurückziehen will, es mir zu viel wird, ich beginne Gründe zu finden, warum es sinnvoller ist, sich einer Situation zu entziehen, anstatt mich ihr zu stellen. Sanft leitet mich das Umfeld dazu an, genau an diese Orte zu gehen, sie liebevoll anzunehmen und nach und nach aufzulösen. Da ist sie dann wieder … die innere Ruhe. Die Akzeptanz, die nicht nur den schönen Momenten, sondern auch denen, in denen wir Furcht, Unsicherheit oder Fluchtgedanken spüren, gelten kann.

Das Set

Meine eigenen Erfahrungen mit Yoga, Meditation und Spiritualität sind auf das letzte Jahr begrenzt. Ich bin quasi Einsteiger in diese Welt und die Atmosphäre eines Ortes, an denen sich viele Menschen treffen, die sich bereits länger mit den genannten Themen auseinandersetzen, ist mir gelegentlich fremd.

Doch in meinen eigenen kleinen Vorurteilen finde ich manchmal nach eingehender Beobachtung den widerspenstigen Kern in mir, der sich an dem Gewohnten festhalten will, die Veränderung sträubt, sich deswegen vielleicht zu distanzieren versucht, sei es durch Humor oder den Rückzug. Genau diesen Kern will ich aufbrechen. Also immer wieder mittenrein.

Das Einen-Drauf-Setzen

Am zweiten Tag wähle ich also zwei Veranstaltungen, in denen ich über meinen Schatten springen muss. Shakti Yoga, eine Mischung aus Yoga und Tanz, das zelebrieren der Weiblichkeit. Zu den Klängen von Loreena McKennitt bewegen wir uns durch den Raum, je mehr ich den Kopf ausschalte, desto natürlicher wird es.

So ergeht es mir auch in der Kakaozeremonie, die ich zuletzt besuche. In einem großen Kreis auf dem Boden sitzend und liegend, werden wir über die Heilkräfte des Kakaos aufgeklärt, eine Pflanze, die seit Jahrtausenden genutzt und in unserer modernen Gesellschaft in dieser Form keine Rolle mehr spielt.

Andächtig reichen wir uns die Tassen des ursprünglich gebrauten Getränks nach und nach weiter, bis alle versorgt sind und die Tassen nah vor ihrem Herzen halten. Bedächtig und vorsichtig wird zum trinken angesetzt. Egoismus und Eile bleiben draußen, ab und zu geht ein irritiertes Lächeln durch die Runde, nicht nur ich fremdle hin und wieder mit der starken Energie und präsenten Nähe, die wir in diesen Räumen spüren.

Und dann tanzen wir. Wir tanzen wild, eine oder zwei Stunden, nassgeschwitzt und ausgelassen, lächeln einander an, meine gute Freundin, mit der ich das Festival besuchte, umarmt mich. Ich spüre, wie ich loslassen kann. Ich spüre die Ruhe wieder, diese Ruhe, die mich ganz ich selbst sein lässt.

Der Nachklang

Als wir das Festival verlassen, fühle ich mich energiegeladen und wach. All die Gefühle, diese positiven Vibes, der Einklang mit mir, das Berauschtsein vom eigenen Körpergefühl, all das nehme ich mit in das dunkle und kalte Berlin. Auf dem Nachhauseweg lächle ich Wildfremde in der U-Bahn an, nicht jeder lächelt zurück, doch es macht mir nichts, es geht um das Geben und nicht um das Nehmen und das gibt mir am Ende dann doch wieder ganz viel.

Mein Dank geht an das Agape Zoe Team, welches nicht nur mir die Teilnahme ermöglicht, sondern so vielen Menschen einen Ort bietet, an dem sie sich frei von Alltagszwängen und Leistungsdruck erfahren können. Im Januar werde ich wieder dort sein.

Ps.: Der passende Song für das Agape Zoe Festival-Gefühl:

Hard Facts

Agape Zoe Festival, Eden***** Studios, Breite Str. 34, Berlin-Pankow
Berlin (13. + 14. Januar 2018)
Außerdem 2018 auch in Hamburg, Köln, München und auf Corfu

Alle Fotos: Grit Siwonia.

LENA hat Philosophie studiert und ist jetzt in der Werbung gelandet. Was da passiert ist, weiß sie auch nicht so genau. Als Copywriterin lernt sie aber vor allem eins: die besten Worte für das finden, was an den Mann oder die Frau gebracht werden soll. Das testet sie seit Neuestem auch bei im gegenteil. Mehr von ihr gibt es auf ihrer Webseite.

1 Comment

  • Liebe Lena,

    ich habe erst heute deinen Blobbeitrag gelesen und danke dir von Herzen für die wundervollen Worte! Ich grüße dich herzlich! Vielleicht wäre es dir möglich, meinen Namen mit meiner Website zu verlinken, darüber würde ich mich sehr freuen 😉 Ich schicke dir Kraft und Liebe und ganz viel Ruhe ;))
    Sabina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.