Von Illusionen und Differenzen

Ich denk an dich. Oder an das, was ich denke, das du bist. Für mich. Obwohl ich weiß, ich sollte nicht, denn von ‚uns‘ kann ich nicht sprechen, nicht mal in der Vergangenheitsform, weil ‚uns‘ gab es nicht. Jedenfalls nicht lang genug, ‚uns‘ war nur ein Betrug, eine Illusion, von purer Perfektion, für den Bruchteil einer Sekunde, einen Augenblick, und dahin, dahin können wir nicht zurück.

Und daran, daran denke ich auch nicht. Ich denke nicht an unseren ersten Moment, nicht an das Schweben, so, als würde es kein Morgen geben, nicht an unseren ersten Schlagabtausch, nicht an den Rausch, vom Bier? Von dir? Ich weiß es nicht.

Ich denk nicht daran, wie du in den Morgenstunden meine Hand genommen hast, wie wir verschwunden sind in die Dämmerung. Nicht daran, wie ich dich zuerst geküsst habe, nicht an diese Worte von dir, nicht an dein: Du bist so klug, so wortgewandt, so direkt. Dudu bist einfach perfekt. Egal was, du kannst nichts Falsches sagen, weil ich werde dich immer – und ich will auch gar nichts anderes, als dich – im Arm halten, dich behalten, unser Leben gemeinsam gestalten. Wie ist das für dich?

Das Leben ist nun mal nicht nur Schweben, sondern auch Fallen.

Aber das, dieses Bild von mir in deinem Kopf, das war nicht ich, du wolltest nicht mich, sondern diese perfekte Version, diese Illusion des ersten Abends für immer, und nach diesen Augenblicken, da sahst du wirklich mich. Mein Alltags-Ich, mit Ecken und Kanten, mit Fehlern, mit Ängsten. Weil das Leben, das Leben ist nun mal nicht nur Schweben, sondern auch Fallen, und ich wollte dir gefallen, aber so wie ich wirklich bin und nicht nur als Traum, als Augenblick, als Illusion, als Konstruktion.

Nein, wenn ich an dich denke, dann denk ich an unseren letzten Streit, ans Auseinandergehen, daran, nicht vor dir zu bestehen, an dein: Du bist zu berechenbar – ich weiß einfach immer genau, was du sagen wirst – zu ruhig, zu leise und viel zu kompliziert, kapiert? Und außerdem stehst du, du stehst immer falsch da, also du stehst einfach immer viel zu nah, neben mir. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dich weiterhin so neben mir stehen zu sehen. Wir sollten lieber getrennte Wege gehen.

Aber lass uns doch Freunde bleiben. Lass uns doch weiterhin schreiben.

Und ich? Ich war schockiert und hab das überhaupt nicht kapiert. Und entsetzt, und verletzt davon, dass ich mich in deine Fehler, du dich aber nicht in meine verliebt hattest. Und hab unsere Gespräche gestoppt, geblockt dein obligatorisches: Aber lass uns doch Freunde bleiben. Lass uns doch weiterhin schreiben. Denn: Wie soll ich mit jemandem befreundet sein, der mich nur als Fehler sieht? Ich meine, wie kann dir sogar meine Art zu stehen so dermaßen auf die Nerven gehen? Also nein.

So mal ganz ehrlich: Ich denk noch immer an dich, oder an das, was ich denke, das du bist. Ich hab noch viel zu oft deine Stimme im Hinterkopf, dein: Du machst das falsch. Du bist nicht gut genug. Du kannst das nicht.

Eigentlich denk ich nicht an dich, ich denk an das, was du für mich geworden bist, indem ich dich dazu machte, weil ich weiterhin an dich dachte.

In Wahrheit bist du nur wie ein Spiegel für mich: Das bist nicht mehr du, der mich kritisiert, der mich in Frage stellt und meine Welt verdreht.

Das bist nicht du, das bin allein ich.

Julia Wurzinger: Wollte noch nie eine Julia sein. Ist dort zuhause, wo die Klapotetze sind (Südsteiermark). Lebt seit sie schreiben kann, momentan vorwiegend über Sehnsucht auf ihrem Blog und auf Twitter.

Headerfoto: Still Thinking via Creative-Commons-Lizenz! („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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