Von Herzchen und Glitzer

„Love is about finding one’s match, which means we shall touch our minds and hearts together at once, and never condescend or aim for any goal between us but the truth.“

Things I would like to do with you | Waylon Lewis

Über die Liebe wurden bereits Abertausende von Büchern geschrieben und mindestens genauso viele Pop-Songs. Jeder hat mindestens eines dieser Bücher gelesen und mindestens die Hälfte aller Songs gehört. Und trotz all des bereits vorhandenen Materials auf dem Markt, wird es immer wieder Nachschub geben. Die Liebe ist eine niemals versiegende Quelle.

Irgendwie waren wir wohl alle schon einmal an dem Punkt, wo der Verstand in die Hose rutscht und das Herz den Kopf mit pinkem Glitzer füllt.

Irgendwie waren wir wohl alle, zumindest die meisten, schon einmal da – an dem Punkt, wo dein Verstand in die Hose rutscht und das Herz deinen Kopf mit pinkem Glitzer füllt, sodass nur noch Seifenblasen aus deinem Mund kommen und Regenbögen deine Augen zieren. An dem Punkt, wo du nur noch an diese eine Person denken kannst. Wo du nicht mehr weißt, wie du es jemals ohne sie aushalten konntest und sie schon vermisst, wenn sie noch nicht einmal ganz weg ist. Man ist im Himmel oder fühlt sich zumindest so.

Was hat das eigentlich mit Liebe zu tun?
Damals dachte ich: Alles.
Heute eher: Die Spitze des Eisberges.

Es gleicht eher einem Drogenrausch. Doch dieser ist ja bekanntlich auch irgendwann mal vorbei. Und dann? Dann kommt langsam der Verstand wieder aus der Hose gekrochen und vertreibt die Herzchen und das Glitzer. Langsam sieht man dann nicht nur noch Regenbögen, sondern Macken und Eigenarten des Menschen, den man so vergöttert. Dann entdeckt man vielleicht Dinge, die schon immer da waren, man aber nie sehen wollte.

Ist der Mensch dadurch weniger perfekt? Keineswegs.

Doch früher war es schwierig, sich nicht in dem Banalen zu verlieren. Schwieriger zu verstehen, warum die Herzchen und das Glitzer denn nicht mehr da sind. Und auf der Suche nach ihnen gab es laute Streitereien über sinnlose Dinge und Rechthabereien, die auf einmal so wichtig wie Staatsangelegenheiten erschienen. Am Ende ließ man seine eigenen Werte links liegen, denn man wollte doch die Liebe zurück haben. Also verlor man sich immer mehr auf dem Weg, weil man ja nie nach oben schaute, sondern nur nach den Herzchen und dem Glitzer suchte.
Doch vielleicht hätte man einfach mal nach vorn, in die Augen des anderen blicken müssen. Vielleicht hätte man dann den anderen zum ersten Mal wirklich gesehen und erkennen müssen, dass die Herzchen und das Glitzer nie weg waren.

Aber jetzt würde man all dies wohl nicht wissen, hätte es nicht so manchen Aufschlag gegeben. Und wäre man nicht durch den Schmerz gegangen, den es mit sich bringt, einen Menschen zu verlieren. Obwohl man niemanden verlieren kann, weil einem ja niemand gehört, doch auch diese Erkenntnis musste damals erst noch reifen.

So saß man also da, mit dieser unglaublichen Leere im Herzen und wollte alles wieder zurück. Man würde doch auch alles anders machen und überhaupt ein ganz anderer sein, wenn man doch nur noch eine Chance hätte, dachte man sich, während man mit verquollenen Augen auf dem Bett lagt und mit einem dramatischen Pop-Song in den Ohren schon seit drei Stunden die Decke anstarrte.

Doch auch das ging irgendwann vorüber. Man fühlte sich stärker, selbstbewusster und überzeugt davon, genau zu wissen, was man will. Und dann ging es wieder von vorne los. Herzchen und Glitzer, die Vertreibung aus dem Paradies und zum Schluss der Aufschlag auf dem Badvorleger. Egal wie oft man dieses Szenario auch durchlebt hat – ein, zwei oder zwanzig Mal – mit jedem Mal ist man an Erfahrung, an sich selbst, am Leben und der Liebe gewachsen.

Und irgendwann steht man da, in einem Raum, der gefüllt ist mit Partys, Freunden und neuen Begegnungen, die Aufregung, Nervenkitzel und Freiheit mit sich bringen. Und man merkt in genau diesem Moment, in genau diesem Raum: Man lebt, man atmet und man ist glücklich. Glücklich mit sich selbst. Und dann erkennt man, zum vielleicht ersten Mal, dass das Herz, egal wie schlimm der Schmerz oder die Enttäuschung auch waren, immer noch schlägt und dass man sich selbst, egal was auch passiert, sein bester Freund sein sollte. Denn eins ist sicher: Du wirst bis zum Ende deines Lebens immer bei dir sein.

Du kennst dich jetzt also selbst ziemlich gut. Weißt, was dir gut tut und was nicht. Du weißt, was du von dir selbst erwartest und was von anderen. Du hast vielleicht einige Beziehungsmodelle durchlebt und weißt endlich, was du wirklich willst und du dir von dem Menschen wünschst, mit dem du irgendwann dein Leben verbringen möchtest.

Doch wie ist das jetzt eigentlich mit dieser einen magischen Liebe?

Es gibt unzählige Formen von Liebe, denn jede Liebe ist anders, für jeden. Und dann ist auch jede Liebe, die man selbst mit anderen Menschen hat, jedes Mal neu. Deshalb kann es eigentlich keine allgemein gültige Formel für die „wahre Liebe“ geben. Und doch kursieren etliche Bilder und Beziehungsideale in unseren Köpfen herum und wohl jeder hat bei den Worten „wahre Liebe“ direkt sein eigenes Kopfkino.

Doch wie unterscheidet man sein perfektionistisches Idealbild und Liebe voneinander? Oder findet man seine „wahre Liebe“ über genau dieses Bild?

Heutzutage ist es wirklich verrückt, was man von seinem zukünftigen Partner alles fordert. Abgesehen von den Eigenschaften, die man sich an ihm wünscht, sollte er auf jeden Fall bester Freund, leidenschaftlicher Liebhaber und Lebenspartner in einem sein. Er sollte genug Spiritualität für tiefe Gespräche besitzen und ausreichend Humor, um einem zum Lachen zu bringen. Er sollte sich selbst kennen und wissen, wo er hin will. Er sollte uns genügend Raum für uns selbst geben, aber trotzdem nah genug bei uns sein, um ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln.

Von unserer besten Freundin oder unserem bestem Freund erwarten wir doch auch nicht, dass sie uns auf allen Ebenen entgegenkommen. Sondern wir lieben sie mit ihren Ecken und Kanten und wissen um ihre Eigenarten, auch wenn nicht alle uns zusagen. Wir wissen, wo ihre Grenzen liegen, und holen sie genau da ab. Das ist doch, was Liebe ausmacht.

Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir all die Erwartungen, die wir an unseren zukünftigen Partner stellen, nicht eigentlich an uns selbst richten?

Vielleicht sollten wir erst unsere eigenen Wunden heilen und nicht erwarten, dass andere dies für uns übernehmen.

Ich glaube, dass heutzutage viele Menschen an genau diesen Idealen scheitern. Sie suchen perfekte Masken ohne willens zu sein, dahinter zu sehen. Denn sie haben ja schon Angst, hinter ihre eigenen Masken zu blicken. Denn wenn ich jemandem zeige, wer ich wirklich bin, dann bin ich ja verletzlich. Und wie man früher schon erfahren musste, ist das Verletztsein eine ziemlich unangenehme Sache. Also schützen wir uns erst einmal und halten alle auf Sicherheitsabstand, denn schließlich müssen wir erst testen und prüfen, bevor jemand unserem kleinen vernarbten Herzen zu nahe kommt.

Und wenn dann jemand auftaucht, der dich ganz so nimmt, wie du bist. Den du mit jeder deiner Geschichten faszinierst, ganz egal, ob sie peinliche, dunkle, traurige oder schöne Seiten deiner selbst zeigen. Der dir zuhört, ohne dich zu bewerten. Der von deinen Träumen genauso begeistert ist wie du selbst und der dir Freiheit schenkt, obwohl du weißt, dass er gerne jede Sekunde bei dir wäre. Der sich für dich öffnet und auch dir seine Geschichten erzählt. Der gibt, ohne zu erwarten.

Dann kannst du es vielleicht erst einmal gar nicht glauben. Also hältst du einen Sicherheitsabstand ein, denn du weißt ja jetzt, was und wen du willst und du hast gelesen und gehört, wie die „wahre Liebe“ auszusehen hat. Und so vergehen Wochen mit wundervollen Treffen, bei welchen du versuchst, es einfach passieren zu lassen und dich von all den Bildern und Vorstellungen zu lösen, ohne die Angst zu bemerken, die ganz tief unten in die brodelt. Die Angst, zurückgewiesen zu werden. Die Angst vor dem Aufschlag auf dem Badvorleger.

Bis du auf die kleine Stimme in dir hörst, die leise flüstert: Hab Vertrauen.

Dein Herz weiß, dass Liebe nicht in der Perfektion liegt. Und auch nicht in den Regenbögen oder Seifenblasen.

Liebe liegt in der Echtheit und der Ehrlichkeit zu sich selbst und dem anderen.
Liebe liegt in den Unterschieden.
Liebe liegt in den vermeintlichen Macken des anderen, die dich in den Wahnsinn treiben, und dir dadurch helfen, dich selbst zu heilen.
Liebe ist zu sehen, dass der andere perfekt ist, nicht weil er irgendeinem Ideal entspricht, sondern weil er dir durch seine Anwesenheit in deinem Leben hilft zu wachsen.

Weil er dich hält, aber nicht festhält.
Weil auch er sich einlässt.
Weil er dich sieht.
Ganz.
Und dich annimmt. Und dir dadurch hilft, dasselbe für dich und sich selbst zu tun.
Weil er weiß, dass auch du ihn wachsen lässt.

Liebe ist bedingungslos.
Liebe ist, wenn du den anderen nicht benutzt, um deine eigene Leere zu füllen.
Liebe ist, wenn du weißt, dass du ohne den anderen vollständig bist, aber nicht ohne ihn leben willst.
Liebe ist, wenn er sagt „Ich würde mir wünschen, dass du mitkommst“, es aber niemals von dir verlangen würde.
Denn Liebe ist, wenn man seine Ideale loslässt und sich für bedingungslose Echtheit öffnet.

Die „wahre Liebe“ ist vielleicht also einfach viel bodenständiger, als sie immer in den Hollywood-Filmen gezeichnet wird.

Sie hat weniger etwas mit verblendeten Herzchen zu tun, sondern mehr mit schamloser Offenheit. Ist sie dadurch weniger romantisch oder weniger intensiv? Keineswegs!

Auch wenn die Liebe oft durch wilde Verliebtheit und Drama definiert wird, glaube ich, dass Liebe durch offene Seelen, die genug Abstand haben, um zu wachsen und genug Nähe, um voneinander zu lernen, entsteht. Es heißt nicht, dass „wahre Liebe“ ohne Herzchen und Glitzer auskommt, aber es bedeutet, dass man sie nie suchen muss, egal wie viel oder wenig Glitzer da ist, sondern weiß, dass sie nie verloren gehen kann.

Denn Liebe ist viel tiefer als Schmetterlinge im Verdauungstrakt.

Liebe ist.

Linda ist 24 Jahre alt und schlägt sich eben noch mit ihrer Bachelorarbeit rum. Sie ist genauso wenig ein Fan von Smalltalk wie von Wodka, sie tanzt lieber die ganze Nacht durch, als in einer Bar abzuhängen und wenn sie nicht gerade auf ihrer Yogamatte ist oder ihre Küche verwüstet, versucht sie, ihre Gedanken in ihrem Blog LindasAbenteuer festzuhalten.

Headerfoto: Jocelyn Catterson via Creative Commons Lizenz! Gedankenspiel imprint added.

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