Von der Uni zum Job Center

Als ich bei Instagram mit meinem Uniabschluss prahlte, stand ich gerade in der Hartz-4-Schlange beim Job Center an. Die Freude über das Stückchen Papier und dem unheimlich wichtig aussehenden Stempel ist groß – das ist es, worauf die meisten Studenten hinarbeiten. Dabei ist der Bachelor kaum etwas wert. Längst schon reicht auch der Masterabschluss allein nicht mehr aus. Wilde Behauptungen, aber ich finde, ich darf das, denn ich studierte was mit Büchern und Medien.

An dieser Stelle gleich vorweg: Ich liebte mein Studium, den gesamten Inhalt, da kann ich nicht meckern. Wer allerdings glaubt, dass sich damit der Traum vom perfekten Job erfüllt, der irrt. Regelstudienzeit, ich hörte, dass es sowas geben soll. Hashtag #Praktika-Odyssee. Die ist überhaupt Grundvorrausetzung vor dem Eintritt in die Arbeitswelt. Entweder stimmt dieser Satz nicht oder aber wir segeln mittlerweile ganz selbstverständlich auf der Strecke Leistungswahn Richtung Burnout. Über die Idee vom ausgeschlafenen Studenten kann ich jedenfalls nur laut lachen.

Willkommen also am Ground Zero unseres Bildungssystems. Gesucht wird nämlich der Super Student. Super Noten, super Arbeitszeugnisse, super menschliche Qualitäten. Ich glaube übrigens, die haben derweil gecheckt, dass zwei Jahre Spanisch in der 7. und 8. Klasse nicht wirklich als konversationssicher gilt. Einmal Klettern gewesen und als Hobby Bouldern angeben ist wohl auch nicht mehr drin. Word, Excel, völlig egal. FYI: Der Spiegel schreibt aktuell diese Praktikumsstelle aus. Ich hoffe, die zahlen unverschämt viel Geld, bei solch unverschämt hohen Erwartungen. Bestimmt sind das die besten acht Wochen ever!

Irgendwann, nach hysterischen Heulkrämpfen, einer 50-Stunden-Arbeitswoche und der Google-Begriffskette Ritalin Nebenwirkungen, kam dann der Moment, nach dem ich mich so sehr gesehnt hatte. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Universitätsabschluss! Freuen Sie sich, Sie sind jetzt arbeitslos. Kaum aus dem Unileib gepresst, ging ich meine Optionen durch und schickte meine ersten Bewerbungen raus. Ich muss gestehen, ich hatte einen verrückten Tag und bewarb mich auch auf eine Vollzeitstelle. Ich brannte, ich wollte unbedingt, cómo está usted, 1er Schnitt, ich schreibe noch nebenbei, arbeite seit zehn Jahren in der Buchbranche, habe zwei Praktika absol … Posteingang (1) „wir brauchen derzeit jemand mit etwas mehr Erfahrung […]“. Da waren sie, die vier schrecklichen Worte in meinem Kopf. AUS MIR WIRD NICHTS. Neue Google-Begriffskette: Arbeitslosengeld Deutschland – wie viel

Da stand ich also um 8.00 Uhr morgens mit prall gefülltem Lebenslauf und meiner Abschlussurkunde in der Schlange beim Job Center. Wirre Gedanken umkreisten mein Hirn, weil so viel Zeit bekommt da jeder. Würde man mir pro Like bei Instagram einen Euro zahlen, müsste ich hier eigentlich gar nicht stehen. Pah, kann das vielleicht mal bitte jemand vorschlagen? So oder so: Habt Dank, liebe Follower. Durch euch fühle ich mich zwischen all diesen weißen Kacheln und blauen Teppichböden nicht ganz so wertlos. Gerne behaupten die Leute ja, dass ein Like „traurigerweise“ nur das Belohnungssystem in unserem Hirn aktiviert, die Freude eigentlich keine echte ist. Als ich in die müden Augen meiner Sachbearbeiterin blickte, der ich nicht weniger hätte egal sein können, bedankte ich mich recht gern bei Mutter Natur für dieses Prinzip.

Immerhin war die Dame mit dem gestreiften Pulli und der strengen Frisur so nett, mich darauf hinzuweisen, dass ich auch irgendwann mal an meine Rente denken müsse. In der Tat befand sich in meinen Unterlagen ebenfalls ein Brief, der mir bescheinigte, dass meine Regelaltersrente am 01.08.2058 beginnt, mit einer derzeitigen Summe von monatlich 460,21 Euro. Jackpot. Entweder bleibt zu hoffen, ich sterbe früher oder aber ich arbeite bis ich sterbe. Wenn ich denn dann einen Job finde. Story to be continued …

In die Runde gefragt, egal ob Studi oder Azubi: Auf einer Skala von 1 bis Ritalin, wie habt ihr den Wechsel in die Arbeitswelt erlebt? Wurdet ihr schon mal ähnlich vom Leistungsdruck herausgefordert? Wie fühlt ihr euch mit den Erwartungen, die heutzutage an einen Bewerber gestellt werden?

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4 Comments

  • Wer nach seinem Studium arbeitslos wird, hat einiges bei der Studiumwahl versäumt. Liebelei mit nachhaltiger Existenssicherung zu verwechseln, führt dann in den meisten Fällen zu solch einem Ergebnis. Allerdings nachvollziehbar. Nicht jeder hat das Glück, sich für einen Beruf zu interessieren, indem er nicht nach dessen Erlernung arbeitslos bleibt/ist/wird. Aber was will uns dieser Artikel eigentlich vermitteln? Trotz schlechter Möglichkeiten, schlechter Arbeitsbedingungen und Kampf um einen Arbeitsplatz sich trotzdem für diese Ausbildung/ dieses Studium zu entschließen? Um das bisschen lockere Studentenleben zu leben und 4 Jahre eine lockere Zeit zu haben? Hmmm… 4 Jahre „locker“ steht in Konkurrenz zu 40 jahre „und auf einmal merkt man die Härte und persönliche Unzufriedenheit des Berufes, in all seinen Auswüchsen“. Was wäre mit… 4 Jahre „Nicht locker“ steht in Konkurrenz zu 40 Jahre „Jetzt weiß ich, warum ich mir das Studium angetan hab“.

  • Ich habe auch einen BA in was mit Büchern und Medien und muss sagen..460 Euro Rente klingen ganz gut. Hab 3 Praktika gemacht und nach meinen Abschluss zwar auch einen Job gefunden der mir Spaß gemacht hat, aber zwei befristete Verträge später und mit einem sehr kleinen Gehalt (bei ner 50 Stunden Woche) habe ich leider auch nicht viel in die Rentenkasse einzahlen können. Und ne Festanstellung gab’s natürlich auch nicht 😉 mach dich aber nicht verrückt, das wird schon werden. Man wurschtelt sich erstmal durch, aber dann klappt’s auch.

    Der Spiegel zahlt übrigens schlecht. Noch schlimmer ist bento.

  • Uhh, da sprichst du mir aus der Seele, liebe Judith! Schön, dass du über Deine Jobcenter-und-kein-fester-Traumjob-in-Sicht-Erfahrungen schreibst. Mache ich ja eher ungerne und verzichte im Kino lieber auf meinen Berlin-Pass-Rabatt als mich vor versammelter Mannschaft als Hartzer zu outen.

    Selbst wenn ich was mit Naturwissenschaft und nichts mit Medien studiert habe, dazu glatter Einser-Schnitt, viele Praktika -auch im Ausland-, Aufenthalt an amerikanischer Elite-Uni; ein Selbstläufer ist das nicht. Mal bin ich zu „überqualifiziert“, ein anderes Mal erfülle ich nicht alle der kleinstdetaillierten Anforderungen (bei über 200 Bewerbungen pro Stelle darf man ja auch Rosinenpicken). Aber was mache ich falsch, was anderen anscheinend so mühelos gelingt? Mhh, ein Strategiewechsel muss her! Vielleicht doch außerhalb Berlins bewerben und mein gesamtes bisheriges Sozialleben über Bord werfen und die Heimat verlassen?

    Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken, genau wie das psychische Wohlbefinden, mit anhaltender Arbeitslosigkeit, sagt man. Torschlusspanik! Zur Zeit wechseln sich das eingeredete(?) Genießen leerer Freibäder an Wochentagsvormittagen mit dem Auf-dem-letzten-Drücker-Bewerbungen-raushauen-und-traurig-sein ab. Ich möchte bald ein gesundes Mittelmaß finden, die ganze Jobsuche routinierter angehen und keine Angst mehr haben, Einladungen vom Jobcenter zu verpassen, wenn ich doch mal ein langes Wochenende nicht in der Stadt bin.

    Tschakka!

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