Von den Freunden, die ich liebe

Das Wort „Beziehungsunfähig“ macht mir zu schaffen. Noch mehr der Blick meines Gegenübers, als ich versuche, ihm zu erklären, dass ich zwar keinen Partner habe, aber deswegen nicht einsam bin. Es ist Sonntagabend, ich sitze mit einem langjährigen Freund in einem Park. Mein langjähriger Freund ist seit Neuestem in einer Beziehung und glaubt anscheinend realisiert zu haben, wie trostlost mein Leben ohne Netflix-Partner sein muss.

Ähm, nein!

Wie von ihm und weiten Teilen unserer Gesellschaft angenommen, reduziert sich das Konzept „glückliches Leben“ schlicht und ergreifend auf das sogenannte Liebespärchen mit zwei Menschen. Zwei! Mehr soll nicht drin sein. Sollte es noch Kinder geben, darf man von einer Familie sprechen. Dass das nicht mehr zeitgemäß ist muss man erst einmal verstehen. Denn mittlerweile sind Freundschaften genauso wichtig wie eine Partnerschaft. Und nochmal, weil es so schön klingt: Mittlerweile sind Freundschaften genauso wichtig wie eine Partnerschaft. Überhaupt sind die besten Paare, die ich kenne, in erster Linie miteinander befreundet und schotten sich nicht vom Rest der Welt ab. Früher hat man das Familienleben als Privatsache angesehen, man war eher mit Leuten be-freundet statt seelenverwandt. Das ist so last century, dass ich fast schmunzeln muss.

Freu(n)de fürs Leben

Und deshalb kann ich auch meinem langjährigen Freund ohne zu zögern erklären, dass ich dieses Multiple-Choice-Konzept absolut für mich entdeckt habe. Ich bin in einer Beziehung mit vielen Menschen gleichzeitig; nämlich mit meinen Freunden. Es läuft super! Sex habe ich auch, nur muss ich die sexuelle Komponente nicht zwangsläufig mit der emotionalen vermischen. Eigentlich ist es auch ziemlich viel Druck, alle Bedürfnisse, die ich so habe, auf nur eine Person zu laden. Umgekehrt muss ich in der Theorie genauso alle Erwartungen erfüllen. Und dann wundert man sich, dass die Scheidungsrate so hoch ist.

Denkt man einmal genauer darüber nach, so ergibt vieles Sinn. Emotional sind Freunde einem Partner keineswegs unterlegen, im Gegenteil. Manchmal glaube ich, dass ich eigentlich nur vor meinen Freunden so bescheuert sein kann, wie ich bin. Auch für mich unglaublich, aber sie mögen mich trotzdem.

Während ich bei einem Partner ständig versucht bin, meine Schoko-Seite zu präsentieren, kann ich bei meinen Freuden alle möglichen Facetten zum Ausdruck bringen. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals abends nochmal nachgeschminkt zu haben, wenn ich bei einem Freund übernachtet habe. Ich weiß nicht warum, aber wenn mir ein Freund mal tagelang nicht antwortet, ist es für mich keineswegs der Zustand einer Apokalypse. „Ey, ich hab grad meine Tage und fühle mich wie ein aufgeblasenes Vieh“ – niemals würde ich das demjenigen welchem sagen, mit meiner besten Freundin kann ich mich hingegen minutenlang über meine Menstruation aufregen und dabei literweise Irgendwas-mit-Fett in mich pumpen.

Friendler statt Single

Viele meiner Freunde kenne ich noch aus der Schulzeit. Zusammen haben wir unsere ersten Zigaretten heimlich auf dem Schulhof geraucht. Das hat Bedeutung. Mit den Jahren kamen noch einige dazu. Und sicherlich gingen auch schon Freundschaften in die Brüche, aber ich kann sagen, dass es mir genauso weh getan hat, wie bei jeder romantischen Beziehung auch, die zu Ende ging. Mit manchen meiner Freunde bin ich in den Urlaub gefahren, mit wieder anderen habe ich Nächte in Clubs durchgetanzt. Sie waren da, als mir der erste Volltrottel einen Korb gab und bei jedem Halbtrottel, der danach kam auch. Sie standen mir zur Seite, wenn ich mal der Trottel war. Loyalität von meiner Seite, selbst für den größten Mist. Wir haben uns gestritten und wieder vertragen. Wir lachen, weinen und fluchen zusammen. Es geht dabei nie darum, uns in irgendeiner Weise auf einander abstimmen zu müssen. Es fließt von allein, immer in dieselbe Richtung. Diese tiefe Innigkeit gehört zu den wichtigsten Pfeilern in meinem Leben.

So blicke ich meinem langjährigen Freund tief in die Augen, rutsche auf der Parkbank noch ein Stückchen näher an ihn heran und sage: „Ich liebe dich, auch wenn wir keinen Sex haben.“ Wieso sollte man das nicht anerkennen? Wieso sollte ich nicht auch mit meinen drei besten Freunden beispielsweise ein Kind großziehen dürfen? Ich hoffe es rastet niemand vor Empörung aus, wenn ich sage, dass ich mich selbst nicht mal mehr als Single bezeichnen möchte. Single ist immer in Abgrenzung zu nicht-verpartnert, deshalb allein. Dabei bin ich wirklich vieles, aber definitiv nicht allein. Vielleicht sind wir aber noch nicht bereit dazu, vielleicht ist dieses Vater-Mutter-Kind-Ding noch nicht durch. Aber es in Frage zu stellen, dafür bin ich jedenfalls bereit.

Es ist Sonntagabend und ich verabschiede mich von meinem langjährigen Freund. Noch weiß er nicht, dass er mich in drei Monaten anrufen wird, weil seine Liebste ihn verlassen hat. „Du verdienst Besseres“, wird sie ihm sagen. Ja, das tut er, nämlich mich und seine anderen Freunde. Und so höre ich mir geduldig seinen Liebeskummer an. „Ist schon okay, Baby“, werde ich ihm am Telefon sagen. „Komm einfach vorbei und wir schauen zusammen ein paar Folgen unserer Lieblingsserie.“

Sind Freundschaften mittlerweile genauso wichtig wie Partnerschaften? Geht Liebe ohne Sex? Was macht eine gute Freundschaft aus?

Headerfoto: Shelley N. via Creative Commons Lizenz! (Wenn du mich fragst-imprint added)!

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