Von dem Mut zur Verzweiflung

Wenn man Kinder fragt, was sie später mal werden wollen, bekommt man die abenteuerlichsten Antworten. Ein kleiner Junge erzählte mir freiheraus, dass er mal in den Weltraum fliegen möchte, um zu schauen, wie die Sterne von nahem aussehen. Dabei faszinierte mich weniger, was er antwortete, sondern wie selbstsicher er eine Vorstellung davon hatte, was er eines Tages machen möchte. Ohne darüber nachzudenken, ob es sich leicht erfüllen ließe oder nicht, träumte er also von fremden Galaxien und schwarzen Löchern.

Die meisten Menschen fangen mit großen Visionen an, die im Laufe der Zeit immer kleiner werden. Vor ein paar Jahren begleitete eine Australierin kranke Menschen in den letzten Wochen ihres Lebens. Am Sterbebett sprach Bronnie Ware mit ihnen über ihre Ängste vor dem Tod und die verpassten Chancen in ihrem Leben. Denn das war es, worüber die meisten Menschen im Anblick ihres Todes nachdachten. Sie bereuten nicht die Dinge, die sie taten, sondern die Dinge, die sie nicht getan hatten.

Ich saß auf dem Boden in meinem Zimmer und dachte an den Jungen, der das Universum erkunden wollte. Ich blickte mich um, sah die schönen Mäntel an meiner Kleiderstange hängen, den Plattenspieler, den ich unbedingt haben wollte, aber nie wirklich benutzt hatte. Ich beäugte kritisch die hohen Wände und den lackierten Dielenboden und fragte mich, ob ich damit leben könnte, meine Wohnung aufzugeben, mit all ihrem Zeug darin. Angenommen, ich würde den Job kündigen, der mir Sicherheit bietet, aber keine Freude mehr bereitet. Was wäre das Schlimmste, das mir passieren könnte im Falle, ich würde anfangen zu versuchen vom Schreiben zu (über)leben? Nun, ich müsste vielleicht Dinge verkaufen oder mich vielleicht wieder in die Schlange des Arbeitsamts bewegen. Ich würde in der Not also meinen Besitz verlieren, am Ende in den ausgebauten Keller meiner Eltern ziehen und dort schreiben, bis meine Mutter mich zum Essen hochriefe.

Wie lächerlich mir das plötzlich erschien. Das ist also das Schlimmste, das mir passieren könnte? Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich kurz ärgerte, dass meine Träume nichts mit Reisen oder Schokolade zu tun hatten, begriff ich also, dass es nun für mich Zeit wurde, das zu machen, worauf ich wirklich Lust hatte. Die Geschichte, die solange in mir war, endlich rauszulassen.

Ich stand auf, kramte in einer Kiste nach meinen alten Tagebüchern und schlug die Seiten auf, die ich als junges Mädchen beschrieb:

29.05.2000 „Draußen blitzt und donnert es. Die Regentropfen prasseln auf unsere Schutzplane. Liebe Judith, wenn du das hier liest, sind vielleicht Jahre vergangen und du lachst über das, was ich schreibe. Jetzt, in diesem Augenblick, frage ich mich, was später aus mir werden soll. Bin ich vielleicht Schauspielerin oder kämpfe ich gegen das Unrecht dieser Welt? Oder bin ich vielleicht morgen doch schon tot?“

Ich erinnerte mich daran, dass ich mich mit dreizehn ständig gefragt habe, wie ich wohl so als Erwachsene sein könnte, ob ich es überhaupt bis dahin schaffen würde. Wir alle tragen unsere Lebensträume in uns, aber die Zweifel darüber, ob wir sie wahr werden lassen können, überwiegen mit jedem Jahr des Älterwerdens. Risiken einzugehen bedeutet, dass wir vielleicht versagen. Das Vielleicht lässt uns erstarren, führt uns zu der Annahme, dass es besser wäre aufzugeben, noch bevor wir es überhaupt versuchen.

Ich spürte auf einmal, wie mein Herz anfing, schneller zu schlagen, wie sich das Gefühl in mir ausbreitete, dass, ganz egal, was ich jetzt verliere, ich nicht in zwanzig Jahren darüber nachdenken wollte, was ich hätte gewinnen können. Manchmal erscheint das Leben als ein endloses Herumschwimmen im Wasserbecken der Möglichkeiten. Erfolg und Niederlage liegen gefährlich nahe beieinander, aber es ist der Moment davor, die Entscheidung, die wir treffen müssen, die uns erst lebendig werden lässt, unabhängig davon, welchen Ausgang sie hat.

Ich überlegte weiter und mir kam eine Dokumentation mit J.K. Rowling in den Sinn, die ich gesehen hatte. Sie erhielt zwölf Absagen für ihren ersten Harry-Potter-Band, bevor sich ein Verlag ihrer erbarmte und mit nur fünfhundert Exemplaren in Druck ging. Schätzungsweise 107 Millionen Mal hat sich Harry Potter und der Stein der Weisen seitdem verkauft. Am Ende des Films fragte der Interviewer Rowling, wie sie möchte, dass die Welt sich an sie erinnern würde. Sie antwortete: „As someone who did the best she could with the talent she had.“

Wie viele Rückschläge bist du bereit in Kauf zu nehmen? Wer außer den Anderen würde sie überhaupt als Rückschläge betrachten? Warum sind die Anderen wichtiger als du selbst? Ab hier brauchst du keinen Traum mehr, sondern einen Plan. Es liegt an uns, den Mut zur Verzweiflung aufzubringen. Unser Talent bis an sein Maximum zu treiben, dass nicht die letzten Tropfen von Reue durch unsere Adern fließen, wenn wir zurückblicken, sondern wir mit Stolz sagen:
Ich bin oft gescheitert und das war gut so.

Ich hoffe, die kleine Judith wäre zufrieden, mit dem Weg, den sie einschlägt, und dass irgendwann die alte Judith darüber zufrieden lächelnd die Augen schließen wird. Denn der Tag, an dem ich auf meinem Zimmerboden saß, an den Jungen im Weltall dachte, die Menschen, die Nicht-Dinge bereuten, meinen Tagebucheintrag las und mir peinlicherweise die Tränen wegen J.K. Rowling kamen, war auch der Tag, an dem ich meine Eltern anrief und ihnen erklärte: „Kann sein, dass ich zu euch in den Keller ziehen muss. Ich habe eben meinen Job gekündigt, um ein Buch zu schreiben. Es ist kein Harry Potter und wahrscheinlich wird es niemanden interessieren.“ Daraufhin meine Mutter: „Gut, aber es wird zusammen gegessen!“

In die Runde gefragt: Was wolltest du als Kind werden? Welchen Traum hast du noch nicht wahr werden lassen? Weißt du, was dich davon abhält? Hast du schon mal einen Traum verwirklicht und dafür Rückschläge in Kauf genommen?

Headerfoto: Rowena Waack via Creative Commons Lizenz 2.0! (Wenn du mich fragst-imprint added)!

5 Comments

  • Bine sagt:

    Oh ja! Am wichtigsten & schwierigsten ist es, das Wagnis einzugehen, egal wie es ausgeht! Danke für diese Zeilen. Es ist so leicht, sich einzureden, etwas nicht zu schaffen, um seine Träume in einen Schuhkarton zu packen und in die hintersten Ecke des Lebens zu schieben, dass man sich auch ja nicht mehr damit aauseinander setzen muss. Wir sind manchmal so bequeme Schisser. Da fällt mir ein, dass ich auch mal ein Buch schreiben wollte. Mist. 😁

  • Linda sagt:

    Ein wunderschöner Text Judith, welcher einen bewegt sich selbst für einen Moment still im Zimmer umzuschauen, um eine Bestandsaufnahme zu machen.
    Als Kind hatte ich auch den Traum von der Schauspielerei oder der Karriere als Musicaldarstellerin. Heute Träume ich von anderen Dingen, aber eines wusste ich schon immer, das ich auf jeden Fall dem folgen werden was mein Herz mir sagt.

    Liebe Grüße,
    Linda

  • Fränknetty sagt:

    Träume zu erfüllen schafft nur Platz für neue Ziele. Sehnsucht auf etwas ist der Indikator für wahre Liebe. Ich

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