Vom Märchen der Angst

Sie kann nicht atmen. Versucht nach Luft zu schnappen. Ein Seil schnürt sich um ihre Kehle. Sie versucht sich loszulösen. Mit jedem Atemzug fühlt sie die Enge. Der Puls bleibt stehen, wenn er sie berührt. Millionen von Insekten, die krabbeln, kriechen und sich in auf ihrem Körper verbreiten. Wenn er langsam über ihre Schulter streicht, zuckt jedes ihrer Glieder zusammen.

Stromschläge. Kleine, aber starke. Ein leichtes Hämmern. Wenn sie die Augen zumacht, sieht sie Feuerwerk. Grelle, satte Farben. Sie kann sogar die Hitze spüren. Sie ist betäubt, gelähmt. Wenn sich die Blicke kreuzen, durchfährt sie Kälte und Hitze gleichzeitig.

Er sagt: „Ich schenke dir die Freiheit“, und hebt sie hoch über die Weite der Stadt. Sie verliert das Gleichgewicht, fühlt den Boden nicht. Schwerelosigkeit. Hoch oben – über ihr der Himmel, unter ihr die ganze Welt. Sie schwebt. Er gibt ihr Glückseligkeit. Vollkommenheit.

Tief unten wartet der Sumpf der Ängste und der Zweifel, der sie zu sich lockt. Zartes Geflüster, die Versuchung zu springen ist groß. Sie ist so kurz davor. Nur ein Schritt. Nur ein kleiner Schritt, denkt sie sich. Sie lässt sich fallen. Stürzt. Verliert den Halt. Wird in die in die Tiefe gezogen. Entfernt sich immer mehr von ihm. Sinkt immer weiter in den Sumpf.

Sie vergisst das Gefühl von Raum und Zeit. Verliert das Bewusstsein, die Orientierung, sich selbst. Alles dreht sich. Das Bild verschwimmt. Jetzt ist er nur noch ein grober Schatten in der Entfernung. Was ihr bleibt, ist Erinnerung. Erinnerung an gestern und die Gedanken an morgen.

Sie sieht wie sich nach und nach ein riesiges Fischernetz ausbreitet, um ihn spannt und immer enger und enger wird. Sieht die engmaschigen Seile und Knoten immer fester werden. Sieht, wie er versucht, zu ihr durchzudringen. Doch er verfängt sich darin. Die Farben verblassen und einheitliche Silhouetten und Muster bilden sich.

Sie ruft und schreit nach ihm, doch es wird niemals bei ihm ankommen. Dunkelheit. Tiefschwarze Wellen nähern und entfernen sich von ihr. Wellen von Verzweiflung, Verletzung und Verrat. Fast wird sie überschwemmt, erdrückt von deren Schreien, deren Gelächter. Sie vermischen sich, werden dumpfer zu einem einheitlichen Rauschen.

Starker Wind drückt sie nach unten und ein seltsames Schwindelgefühl durchfährt sie. Immer tiefer und tiefer stürzt sie. Über ihr die Wasseroberfläche, unendlich. Kein Anfang, kein Ende. Sie sieht die Lichter von oben leicht durchschimmern. Sie sind so fern von ihr. Der Wind nimmt Gestalt an. Ein starrer Gesichtsausdruck eines alten Mannes. Faltig und vom Leben gezeichnet.

Er spricht zu ihr, in einer Sprache, die sie noch nie zuvor gehört hat. Sie versteht nicht. Er murmelt vor sich hin. Fängt an zu singen. Immer lauter und lauter, bis es unausstehlich wird. Sie greift nach ihm, doch er löst sich auf und wird zu dunklem Rauch. Dann taucht er wieder auf, zieht an ihren Haaren. Zieht sie nacheinander aus, als wären es dünne Grashalme.

Seine Augen weiten sich. Sein Blick wird durchdringlicher. Sie will hoch, will wieder zu ihm. Will die Freiheit. Je höher sie will, desto größer wird der Abstand zur Oberfläche. Mit jeder Bewegung nähert sie sich nur wieder dem Abgrund. Weder klettern noch schwimmen kann sie. Weder laufen noch springen. Sie kann nicht mehr. Ihre Arme lassen nach.

Sie spürt, wie ihre Fingerkuppen sich langsam im Wasser zersetzen. Sie versucht zu schreien, aber man hört nur ein leises, schwaches Flüstern. Je lauter sie brüllt, desto unverständlicher und leiser werden ihre Laute. Wurzeln ragen aus dem Boden und das Geäst schmiegt sich langsam um ihre Beine. Wie Arme greifen, ziehen, zerren sie sie in die Tiefe.

Sie fragt sich, warum sie gesprungen ist. Sie wird eins mit dem dunklen Wasser, mit dem Schatten, durchsichtig wie eine Hülle. Fremdartig im Nebel. Wie tief es wohl noch geht? Als sie ihre Augen aufmacht, öffnet er die Gardinen. Ganz leise, damit sie nicht aufwacht. Es ist noch früh, der Himmel so klar. Jeden Moment wird die Sonne reinscheinen.

Er sitzt am Fenster und dreht sich eine Zigarette. Sie liebt es zu sehen, wie vertieft und konzentriert er dabei ist. Er fragt: „Hast du schlecht geträumt?“, und lächelt sie an. Er legt die Zigarette weg und nähert sich ihr. Er setzt sich an die Bettkante und streichelt sie sanft. Dabei schaut er so liebevoll, dass Worte in diesem Moment überflüssig sind. Dann küsst er sie auf die Stirn.

Millionen von Insekten verbreiten sich auf ihrem Körper. Funken sprühen. Was gestern war, bleibt gestern – was morgen kommt, sehen sie morgen. Das ist heute. Das ist jetzt.

Headerfoto: Still Thinking via Creative Commons Lizenz 2.0. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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