Vom Loslassen und Festhalten

Gemeinsam liegen wir in meinem Bett, immer noch wach und viel zu spät in Anbetracht der wenigen Stunden später, die mein Wecker klingeln wird. Du liegst halb auf mir, ich spüre, wie sich dein Körper im Takt deines Atems hebt und senkt. Mein eigener Atem geht flach, kaum spürbar. Deine Arme um mich gelegt, meine Hände in deinem Rücken. Du hältst mich fest, und ich mich an dir.

Mal wieder eingeholt von den Geistern meiner Vergangenheit. Dieses ständige Wettlaufen, Weglaufen vor Dingen, die genauso wenig greifbar sind wie die Farben des Himmels. Nicht fragen, flüstere ich ängstlich. Du bleibst still. Stumme Akzeptanz all der Angewohnheiten, Sonderheiten, die ich in mir vereine. Schweigen, lange. Bis du irgendwann ganz leise zu sprechen beginnst. Und ich dir antworte. Zunächst noch leise. Dann irgendwann so, wie wir es beide von mir gewohnt sind. Du holst mich raus aus diesem Karussell, in dem meine Ängste mit meinen Erinnerungen auf hübsch dressierten rosa Einhörnern reiten.

Du gibst mir Halt. Habe so viele Jahre gebraucht, um ansatzweise sicher auf meinen Füßen zu stehen. Und du musst nur wenige Wochen meine Hand halten, damit ich plötzlich so viel seltener ins Wanken gerate.

Aber selten. Ist nicht nie.

Und ich will nicht mehr stolpern.

Ich will nicht mehr stolpern, will nicht mehr fallen und vor allem will ich keine Bilder mehr in meinem Kopf, die eigentlich sowieso niemals dort hineingedurft hätten. Und die sich genau deshalb so festkrallen, dass ich sie nicht mehr loswerde. Ich will keine Angst mehr haben vor Gefühlen, keine Zweifel daran, dass man mich trotz all dieser Kopfmonster gern haben kann. Ganz schön gern. Dass du mich trotz oder eben wegen all dieser Kopfmonster und Eigenarten so verdammt gern hast.

Vielleicht doch noch nicht alt genug, um die Erfahrungen aus meinem Kopf zu löschen. Vielleicht niemals alt genug dafür. Kann manchmal nicht verstehen, dass Problemlosigkeit nicht nur ein trügerisches In-Sicherheit-Wiegen ist. Dass man ohne Sorgen auskommen kann und dass ein Lächeln eben nicht zwangsläufig das Vorspiel eines großen, bedrohlichen Abers ist.

Manchmal, wenn es dunkel ist draußen und in meiner Wohnung und um uns rum alles schwarz, dann flüstere ich dir zu, dass all diese Ängste da sind. Lege dir mein Innerstes offen mit all seinen Rissen und bin jedes Mal aufs Neue erstaunt darüber, dass du einfach liegenbleibst. Mich weiterhin festhältst und mir zwar niemals etwas versprichst, was du nicht versprechen kannst. Mir aber umso mehr zeigst, dass ich all diese Ängste um dich und uns und dieses gerade erst kennengelernte Gefühl von Fallenlassendürfen bei dir einfach nicht brauche. Und wenn du mit mir all diese Dinge tust, die verrückt und kindisch und unüberlegt und so verdammt schön sind, dann bringst du mir bei, wie Loslassen geht.

Und wenn ich dasitze und sage, dass ich mir selbst auf die Nerven gehe, dass ich anstrengend bin und dass du dir das alles mit mir nochmal gut überlegen solltest. Dann lächelst du. Strahlst mich an und zuckst deine Schultern. Und wenn ich sage, ich hätte dich gewarnt, dann bedankst du dich.

Und bleibst.

Dennoch.
Bringst mir damit Tag für Tag mehr bei, dass ich ganz langsam glauben darf, dass Festhalten bei dir wirklich Festhalten bedeutet. Und dass du eben nicht einfach so loslässt. Obwohl du doch so viel besser als ich zu wissen scheinst, wie das funktioniert.

Und vielleicht.

Ganz vielleicht.

Liegt es wirklich daran, dass du gar nicht loslassen willst.

Luisa ist momentan Wunschmainzerin. Da hat sie bald „irgendwas mit Medien“ fertig studiert und arbeitet in einer Marketing-Agentur. So als sicherer Notfallplan. Eigentlich hat sie aber viel mehr Bock auf Kunst und kreatives Chaos. Deswegen macht sie Musik, Bilder und ganz viel mit Worten. Zum Beispiel auf Poetry Slam Bühnen. Am liebsten überall in Deutschland, und am liebsten so oft es geht. Die Welt ist dann einfach irgendwie schöner. 

Headerfoto: Image of couple in bed (Gedankenspiel imprint added) via Shutterstock!

imgegenteil_Luisa

2 Comments

  • mon chat sagt:

    Festgehalten- und nichtlosgelassen-werden, von jemanden, den man nie wieder loslassen möchte, wie wundervoll, erfüllend, welch Glück. Liebe ist das schönste Gefühl, wenn sie erwidert wird.

  • Dani sagt:

    Was für ein wundervoller Text! Ich wünsche dir, dass dir das loslassen und fallenlassen jeden Tag ein Stück leichter fällt. Liebe sollte doch das Schönste sein, dass man fühlen darf und kann. Ich wünsche dir alles gute.

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