Vom Label “schwer zu kriegen”

Disclaimer: Dieser Text übertrifft sich selbst mit Stereotypen, Klischees und Verallgemeinerungen. Außerdem schreibe ich nur von einer Mann-Frau-Beziehung, auch wenn jedes “Mann” durch “Frau” und umgekehrt ersetzt werden kann oder durch Transgender sowieso. Liebe für alle mit allen!

Letztens habe ich gehört, wie ein Kerl von einer Frau erzählte, die er auf den ersten Blick attraktiv fand. Sie wurden sich über Dritte vorgestellt, haben Nummern ausgetauscht und… wie zu erwarten war, er fragte sie kurz darauf nach einem Date und sie willigte ein. Die Bemerkung, die er daraufhin machte, warf mich allerdings ein wenig aus der Bahn: Er meinte, dass sie in dem Augenblick, in dem es so einfach schien, sich mit ihr zu verabreden, den Reiz für ihn verlor. Innerlich klatschte mir in dem Moment nur eine riesige flache Hand gegen die Stirn. Dann regnete es Fragezeichen… Was hatte er denn erwartet? Hatten sie nicht genau deshalb Nummern ausgetauscht?

Schon gut, ich verstehe es ja in Ansätzen: Menschen, die zu leicht zu haben sind, lösen bei vielen intuitiv Warnsignale aus. Wir messen den Wert bzw. den Selbstwert einer Person daran, wie schwer sie es uns macht, zu ihr durchzudringen. Vielleicht befürchten wir, dass sie sonst jeden bzw. jede nimmt, wenn die Dinge zu zugänglich erscheinen. Dass es nicht um uns, sondern um einen Lückenfüller geht. Dass sie kein eigenes Leben hat und uns braucht, emotional und/oder auf eine andere Art und Weise.

Wenn Frauen sich zu oft melden, wirken sie verzweifelt, einsam, dependent, needy. Machen einem zwangsläufig das Leben zur Hölle, das ist schätze ich mal die Grundangst vieler Männer. Und wenn Männer zu nett sind, spielt sich ein ähnlicher Film in den Frauen ab. Sie wünschen sich tief in ihrem Inneren vielleicht doch den einen, für den sie etwas Außergewöhnliches sind, weil nur sie ihn ändern konnten. In egal welcher Hinsicht. Am Ende will man also jemand Besonderen, für den man auch selbst etwas Besonderes ist. Bis jetzt kann ich folgen, bisher hat auch noch niemand das Rad neu erfunden. Oder daraus einen Würfel gemacht.

Was mich allerdings beunruhigt ist, diese Idee scheint sich irgendwie in absurde Ausmaße gesteigert zu haben. Als hätte sie sich irgendwann verselbstständigt und nun steht das Label “schwer zu kriegen” als eine Art eigener Wert, losgelöst von dem Menschen und seiner Persönlichkeit, über allem. Wir kommen ja auch schlecht dazu, jemanden wirklich kennen zu lernen, wenn wir sofort das Interesse verlieren und/oder das Weite suchen, sobald sich das Gegenüber auch nur um zwei Grad auf uns einlässt. Dadurch zum Beispiel, um die Ausgangssituation noch einmal aufzugreifen, dass ein zuvor vereinbartes Treffen nicht des Hinauszögern willens hinaus gezögert wird.

Ich bin verwirrt. Ich habe es ja immer wieder gehört: Männer wollen jagen und Frauen gejagt werden. Frauen stehen auf Arschlöcher und Männer wollen nur, was sie nicht haben können, bis sie es kriegen. Aber ich hatte das immer ein wenig beiläufig als unreife Extreme, als pubertäre Randphänomene abgetan. Noch paaren sich die Menschen, oder? Noch finden sie sich und lieben sich und das auch für ein wenig länger als nur eine Nacht, in der sie sich gegenseitig das Hirn raustindern.

Trotzdem kommt es mir manchmal so vor, als wäre emotional erreichbar zu sein zu einem Schimpfwort geworden. Etwas, für das man sich schämen müsste. Viele polieren so angestrengt an ihrem Coke Zero “Du kennst mich, ich komm zurecht”-Image, dass sie sich dabei irgendwie in etwas verrannt zu haben scheinen. Das einzige, was hierbei übrigens zero ist, sind die Erfolgschancen dieser Strategie. Ich habe also schlechte Nachrichten, für dich und für dich, eigentlich für euch alle: Auch du bist ein Mensch und deshalb hast auch du eine emotional bedürftige Seite. Das ist keine Beleidigung oder Abwertung deiner Person. Es heißt auch noch lange nicht, dass du beziehungssüchtig bist oder ohne Partnerschaft nicht funktionieren oder als Single gar kein zufriedenes und ausgefülltes Leben haben kannst.

Aber es ist und bleibt Teil der menschlichen Natur, sich gegenseitig zu brauchen. Egal wie gerne sich urbane Lebensentwürfe und modernes Selbstverständnis dagegen zu wehren versuchen. Sich einander zu öffnen und sich miteinander verbinden zu wollen bleibt der angesagteste Trend. Retro, Vintage, der absolute Klassiker schlechthin. Selektion ist wichtig, soviel ist klar. Aber um überhaupt die Chance zu haben, sich irgendwann mit irgendjemanden auf eine Beziehung einzulassen, muss man den ein oder anderen Menschen auch mal zwischendurch kennen lernen. Und ich meine so richtig, richtig kennen lernen. Ohne ihn im Vorfeld abzulehnen, weil er oder sie nicht abweisend, unterkühlt und/oder unerreichbar genug war. Denn auch wenn es bei dieser ganzen Kiste um die Liebe geht… für soviel Logik sollte immer noch ein wenig Platz übrig sein.

Headerfoto: Savannah van der Niet via Creative Commons Lizenz 2.0!

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