Vom Junkie zum Autor

„Egal wie scheiße es dir geht: Heroin macht alles schön. Heroin ist dein bester Kumpel, dein Vater, deine Mutter, dein Liebhaber, alles in einem. Heroin nimmt dich sofort in den Arm und alles ist gut.“ Es ist früher Nachmittag, die Sonne kitzelt sanft die Cafétische am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Vor uns sitzt einer, der weiß, wovon er redet. Mit fünfzehn hatte Sick das erste Mal Shore geraucht. Er war schon ein halbes Jahr lang abhängig, bevor ihm jemand erklärte, was Shore überhaupt ist; Heroin. Es folgten zwanzig Jahre Beschaffungskriminalität, vier Gefängnisaufenthalte und die unstillbare Gier nach dem braunen Gift.

Dass der 43-Jährige hier heute sitzt, grenzt an ein Wunder. Sein Leben ist um einiges vielschichtiger als der Latte Macchiato, den er bestellt. Nur mit viel Glück, wie er sagt, hat er den Absprung geschafft. Als Sick 2005 anfing, seine Geschichte zu erzählen, war er immer noch abhängig. Zunächst sprach er nur mit seinen Kumpels über die berauschten Abenteuer, bis ihn schließlich einer überredete, sich noch anderen mitzuteilen. Über ein Jahr schrieb er akribisch an seinem Blog Sick’s Diary of a Thug, jeden Sonntag, eine Din A4 Seite, nicht mehr und nicht weniger. Doch das sollte nicht alles sein.  Ende 2012 folgte auf YouTube sein Videotagebuch Shore, Stein, Papier. Ein waghalsiges Projekt, denn der anonyme Blogger öffnente sich nun einem breiten Publikum. Über vierhundert Folgen lang erzählte der Namenlose, der bei dem Pseudonym Sick blieb, erst mit einem Joint, später dann nur noch mit einer Tasse Tee und Kippe, von Einbrüchen und Abhängigkeit. Einen Namen brauchte die Geschichte nicht, aber sein Gesicht. Es funktionierte. Die Zeitungen titelten ihn als den „Junkie am Küchentisch“, die Klickzahlen dazu überragend hoch und oben drauf gab es den Publikumspreis beim Grimme-Online-Award. In Zeiten der Scripted-Reality-Shows schien es auch bahnbrechend, einen Typen zu beobachten, der ungeniert von seinen Höhen und Tiefen berichtet. Der laut lacht, wenn er von seinem ersten LSD-Trip erzählt, der aber auch voller Scham den Blick senkt, als es um die eigene Tochter geht, die er vollgedröhnt zum ersten Mal in den Armen hält.

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Obwohl er viel lächelt und sich für die erlebten Zeiten gut gehalten hat, sieht man ihm seinen jahrelangen Drogenkonsum dennoch an. Seine Augen liegen schwer in seinem Gesicht und zeugen von einer tiefen Traurigkeit, während seine Finger ständig auf der Suche nach Beschäftigung sind. Zigarettenrauch kommt aus seinem Mund, als er sagt: „Schreib mal in schönen Sätzen, wie du dich mal richtig kacke gefühlt hast. So, dass die Sätze beim Lesen fließen, der Leser einen Rhythmus erkennt, aber nicht ahnt, was es bedeutete, diese Zeilen hervorgebracht zu haben. Ich habe für das Kapitel über meine Kokain-Zeiten dreimal so lange gebraucht wie für alle anderen. Diese ekelhaften Partys, die abgebrochene Nadel in der Leiste, das Blut. Das hat mich tatsächlich hart runtergezogen.“

Das Buch zu schreiben, war schon lange sein Plan, nur konnte er sich nicht dazu überwinden, noch einmal in die Welt des Ekels einzutauchen. Schon bei der Serie begannen erste depressive Phasen wegen der ständigen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Doch der Wunsch, etwas zu Papier zu bringen, wurde stärker und so schrieb er in gerade mal zehn Monaten völlig clean und mit minimalem Suchtdruck sein ganz persönliches Opus magnum. Was es ihn weitere dunkle Stunden kostete, lässt sich nur erahnen. Aber warum glaubt einer wie er, dass Leute wie wir seine Geschichte hören wollen? Er sagt: „Die Straße, Drogen und Kriminalität bergen eine schreckliche Faszination. Vor allem, wenn man auch gar nichts damit zu tun hat. Man bekommt Einblicke in eine Welt, die einem sonst vielleicht verborgen bleibt.“ Und da ist auch etwas dran. Die meisten Menschen können sich vermutlich nicht vorstellen, was es bedeutet, „affig“ zu werden, wie es ist, wenn der Körper die absolute Kontrolle über das eigene Handeln bestimmt. Wie an Geld rankommen? Wem vertrauen? Wo schlafen? Ein Leben, das nur die Perspektive von ein paar Tagen bereithält. Solange wie man sein Blech befüllen kann. Alles andere ist nebensächlich.

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Da ist das Kapitel, in dem Sick mit fast Zwanzig von der Polizei festgenommen wird. Viel bekommt er davon nicht mit, erst beim Erwachen in der Untersuchungszelle der JVA Hannover realisiert er, was mit ihm passiert. Dabei denkt er aber nicht an seinen Lebenslauf, sondern an seinen Stoff. Er wird das erste Mal entzügig und die Seiten darüber lesen sich so schwer wie sich die 430 Seiten im Gesamten anfühlen, sind ohne Pause kaum zu bewältigen. Nichts bleibt dem Leser vorenthalten. Der junge Sick kann seine Körperflüssigkeiten nicht mehr zurückhalten. Er erbricht, schwitzt, scheißt. Kann an nichts anderes mehr denken außer den Knast-Arzt, der ihm hoffentlich bald etwas geben wird. Egal was, Hauptsache der Schmerz wird weniger. Er denkt, er muss sterben. Es dauert Tage, bis er sich einigermaßen von dem kalten Entzug erholt. Es treibt einem die Tränen in die Augen. Und das ist gerade mal der Anfang.

„Wenn man jung ist, hat man Neugier und will einfach nur Spaß haben“, sagt Sick und ascht dabei seine Zigarette. „Du kannst deine Probleme, ob jetzt in der Schule oder Zuhause, noch gar nicht richtig einordnen. Nur die Drogen, die machen  irgendetwas besser.“ Seit einiger Zeit schon setzt er sich mit Suchtprävention auseinander. Geht an Schulen, quatscht mit jungen Leuten, Eltern und Lehrern. Versucht den Kids nicht zu sagen, dass sie keine Drogen nehmen sollen, aber falls sie es tun, sie damit bewusster umgehen. Denn Spaß machen Drogen ohne Zweifel, nur ist der Abstieg eben nicht weit und der Weg wieder zurück fast unmöglich.

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Wir sitzen nun schon eine ganze Weile vor einem ungarischen Café. Autos und Menschen ziehen an uns vorbei und wir rauchen die zigste Zigarette. Sein Erzählstil fesselt bis ins Mark, macht aber auch erkennbar, dass es viele Therapie-Stunden gedauert haben muss, bis er gelernt hatte, so reflektiert zu sprechen.  Oft schwingt er in Wir-Form über, wenn er von dem vergangenen Erfolg redet. Wenn er „wir“ sagt, dann meint er seine Jungs von 16Bars.TV. Sie haben ihm mit ihrem Kanal Zqnce die Tür zum Erfolg geöffnet. „Wir“ zeugt von Respekt dafür, dass er es ohne sie nicht geschafft hätte. In seiner Stimme schwingt eine gewisse Demut, denn nur, wer mal ganz unten war, weiß auch die Aussicht von oben zu schätzen.

Fast unscheinbar zwischen Aschenbecher und Tabakbeutel lukt das schwarze Cover mit weißem Schriftzug hervor. Das Buch liegt auf dem Tisch, es ist fertig gedruckt und bereit in die Hände seiner Leser zu finden. Nur eine wird es noch nicht zu Gesicht bekommen: seine Tochter. Die ist gerade mal dreizehn Jahre alt und klettert lieber noch auf Bäumen, als sich für die frühere Welt ihres Vaters zu interessieren. Aber das wird sie eines Tages, das weiß auch Sick. „Noch ist sie zu jung, um das alles verstehen“, sagt er. „Aber wenn sie mich dann darauf ansprechen wird, werde ich bereit dafür sein.“ Dass die Liebe zu seinem Kind stärker wurde als seine Sucht nach Heroin, zeugt von einer enormen Willensstärke.

Wir kommen zum Ende unseres Interviews und fragen nach der Rechnung. Ob er ausschließen könne, jemals wieder abzustürzen, will ich noch wissen. In dem Moment knicken seine Schultern ein wenig ein, der Blick starr auf sein Buch vor ihm gerichtet. „Nein“, gibt er zu, „es ist ein zäher Kampf. Zum ersten Mal ist in meinem Leben alles geordnet. Aber trotzdem kann ich nicht sagen, ob mir nicht noch schreckliche Dinge passieren, die mich genau dorthin wieder zurücktreiben.“ Eine Angst, mit der er leben muss. Bis zum Schluss.

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Sick „Shore, Stein, Papier. Mein Leben zwischen Heroin und Haft“, erschienen bei Piper, für 14,99 Euro (auch erhältlich als E-Book für 12,99 Euro).

Vielen Dank an unsere wundervolle Fotografin Ania Sudbin vom Team Berlin!

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