Vom Ende der Zweisamkeit

„Wir müssen reden“, sagt Steffen und läuft ohne mich anzuschauen ins Wohnzimmer unserer Berliner Altbauwohnung. Es ist Dienstagabend. Der 13. Dezember. Der 62. Geburtstag meines Vaters. Ohne die Augen von meinem Freund zu wenden, setze ich mich neben ihn auf unser Sofa. „Ich habe mich in eine andere verliebt.“

„In wen?“, höre ich mich mit einer Stimme fragen, die nicht klingt wie meine. „Kerstin? Die Langweilige aus deinem Büro? Die ohne Arsch? Die mit dem dünnen Haar? Die, die nie was sagt?“

„Ja, die.“

Zehn Minuten später packe ich planlos Klamotten und eine Flasche Rotwein in einen, dem Anlass viel zu klein erscheinenden Koffer. Ich habe das Gefühl, ich muss mein Leben einpacken. Gerade wundere ich mich darüber, wie klar meine Gedanken sind. Wie ein Roboter habe ich ihn da sitzen lassen, eine SMS an meine beste Freundin geschickt: „Kann ich zu dir kommen? Steffen hat mich verlassen.“ Den Rollkoffer vom Schrank geholt, Schubladen und Schrank auf, Sachen rein, Koffer zu. Alles ganz ruhig, ich zittere nicht mal ein kleines bisschen. In meiner Vorstellung eines potenziellen Verlassenwerdens hatte ich mich Gläser und Teller werfen sehen. „Wer ist Sie?“ geschrien, Türen geknallt, geheult, in Embryostellung auf dem Boden gelegen und meinen Namen von der Klingel gerissen. Aber ich bin wie betäubt und will einfach nur weg.

Egal wie alt man ist, in so einer Situation hat man das kindliche Bedürfnis, die Stimme seiner Mutter zu hören. Die sagt dann nämlich immer etwas, wonach man das Gefühl hat, dass alles gut wird. Und meine Mutter sagt viele schlaue Dinge. Zum Beispiel: „In Berlin kann man anziehen, was man will. Ich kann im Schlafanzug vor die Tür gehen und alle denken, das ist ein neuer Trend.“ Ich muss lachen bei dem Gedanken. Wie absurd – die Liebe meines Lebens hat eine neue Liebe und ich stehe hier lachend mit einem Schlüpper in der Hand vor unserem gemeinsamen Bett. Seinem Bett – im Kopf gehe ich die Gütertrennung durch.

„Steffen hat mich verlassen. Ich ziehe jetzt zu Lina. Und sag Papa Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, erkläre ich meiner Mutter. Aber die bleibt still. Ich bin verwirrt. Wo ist denn das „Alles wird gut mein Schatz, nimm eine Paracetamol und leg dich hin. Wenn du morgen aufwachst, ist alles wieder gut“?

„Wie bitte?“, kommt es nur vom anderen Ende. Okay, sie denkt, ich mache einen Witz. Ich habe auch erst gedacht, Steffen hätte einen Witz gemacht. Aber irgendwie lacht ja keiner. „Ich bin gerade auf der Toilette in einem Restaurant. Ich rufe dich nachher noch mal an.“

Fünfzehn Minuten später sitze ich mit meiner Flasche Rotwein auf dem Sofa von Lina. Meine beste Freundin ist das. Ich starre an die Wand gegenüber und trinke wie ein Alkoholikerroboter immer wieder aus der Flasche. Es ist ein guter Rotwein. Steffen und mein Lieblingswein. Den haben wir immer gekauft. Wir, das gibt es jetzt nicht mehr. Ich bin jetzt ein Ich. Wir liegt auf dem Küchentisch. Wortlos habe ich die beiden Ringe auf den Tisch gelegt, bevor ich aus der Wohnung bin. Zwei Ringe, die sehr viel mehr waren als 925er Silber und 333er Gold. Sie waren ein Versprechen auf eine Hochzeit im Freien mit Feldblumen auf der weiß gedeckten Tafel. Auf einen Mann mit Chucks zum Anzug. Auf zwei Töchter – Leni Mathilda und Frieda Elisabeth. Auf eine Eigentumswohnung in Berlin, Betonfußboden und offene Steinwände. Auf Eames Chairs, Fixieräder an der Wand und Designerzeitschriften auf dem Couchtisch. Ein Versprechen auf den Hipster-Pärchentraum.

„Je t‘aime plus qu‘hier moins que demain“ stand auf dem Silbernen. „Ich liebe dich heute mehr als gestern und weniger als morgen“ – die Franzosen wissen wie man‘s richtig sagt. Ob die auch wissen, wie man nach vier Jahren Beziehung nicht den Mann an eine andere verliert? Ich werde das googeln. Aber erst mal muss ich die Flasche Wein austrinken. Lina macht nicht mit, schließlich ist es mitten in der Woche. Wir trinken eigentlich nicht mitten in der Woche. Aber das wird sich ändern.

Wie so gut wie alles in meinem Leben.

Käthe ist Kreativ Direktorin. Sie schreibt seit fünf Jahren ein Buch, das niemals veröffentlicht wird, weil sie nicht mutig genug ist. Und sie ist verliebt. Immer wieder. Ins Leben, in ihren Job und in Männer. Nach einer langen Beziehung (von dessen Ende dieser Text handelt) und vier Jahren Single-Dasein, wird sie endlich vom tollsten Mann der Welt zurückgeliebt. Trotzdem denkt sie viel darüber nach, wie wir Menschen zueinander sind und warum die Welt sich trotzdem weiterdreht. 

Headerfoto: Filipa Gonçalves Ribeiro via Creative Commons Lizenz!

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7 Comments

  • Ratloser Leser sagt:

    Komisch, daß ich das Gefühl habe mehr über Dein ziemlich bourgeois anmutendes Besitztumsdenken als Ausdruck/Basis des Beziehungstraumszenarios zu erfahren, als über den Mann Deiner Träume. Anscheinend haste den nun aber doch hier gefunden und alles wurde wieder gut. Gott sei Dank.
    Man sieht sich ja vielleicht mal im Stilwerk oder bei Manufactum.
    ps_Den Ringspruch find ich auch ziemlich gut. Naja…

    • Hipster sagt:

      ach herje. schon mal überlegt, dass es bei dem „hipstertraum“ um eine persiflage auf dieses leben geht? sowas meint doch kein mensch ernst. und es ist auch nicht alles autobiografisch was hier geschrieben wird. #heuldoch

      • Leser sagt:

        Danke für die Aufklärung lieber Hipster. Was wäre ich nur ohne weise Mitmenschen wie Dich?
        Bei dieser/Eurer ständig praktizierten ironischen Distanzhaltung verliert man manchmal den Überblick fürs Wahrhaftige. Und wieso biste Dir da so sicher, es gibt Leute die meinen sowas offensichtlich ernst; schau Dich doch mal um/an.
        ps_Da Du ja anscheinend Jemand vom Fach bist, sind diese kecken Hashtags eigentlich die zeitgemäße Version des Fingerschnippsens von garstigen Grundschulopportunisten bevor sie dich verpetzen?! Oder hab ich da was falsch verstanden?
        mfG, L.

  • Hafensolo sagt:

    Wieso habe ich diese Seite erst jetzt entdeckt! Toller Artikel!

  • jiuliena sagt:

    Ein wirklich toller Artikel in dem ich mich gut wiederfinden konnte. Zum Glück auch ein bisschen im Ende des Artikels: „…und vier Jahren Single-Dasein, wird sie endlich vom tollsten Mann der Welt zurückgeliebt.“ Was mal wieder beweist, dass der Spruch von Oscar Wilde immer Recht behält: „Am Ende wird alles gut.
    Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

  • Markourt sagt:

    „…einen Mann mit Chucks zum Anzug.“
    Oh yeah.
    Käthe. Ist. Voll. Cool. Echt jetzt.

  • Anna sagt:

    Mir leider genauso passiert. Auch nach vier Jahren. Auch für eine, die nichts mit mir gemeinsam hatte. Er machte es nur übers Telefon. Ich ging genauso betäubt weg. Kein Geschrei, keine Szene. Er hatte mir so sehr wehgetan, dass ich kein Wort mehr herausbrachte. Zwei Monate später verließ ihn die „liebe seines Lebens“. Zwei Wochen später hatte er ne neue. Es tut immer noch weh. Manchmal mehr. Manchmal weniger. Ich will ihn nicht wieder und trotzdem kann ich es oft gar nicht glauben, dass meine erste große Liebe so enden musste.

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