Vom Alltag eines alleinerziehenden Vaters

Viel Papa und ein bisschen Mama: Marcus ist 34 Jahre alt, arbeitet als U-Bahnfahrer und zieht seinen Sohn Joel alleine groß. Joels Mutter ist Alkoholikerin. Eine bewegende Begegnung mit zwei ganz besonderen Menschen.

Mittwoch, 16 Uhr, in Kreuzberg: Ein breitschultriger Mann mit schütterem Haar und einer schwarz umrandeten Brille kommt auf mich zu. Er berlinert ein bisschen, das höre ich schon bei seiner Begrüßung. Marcus, 34, streckt mir seine Hand entgegen und gibt mir einen festen Händedruck. Neben ihm steht ein kleiner, aufgeweckter Junge mit Scout-Rucksack und blondem, verwuscheltem Haar.

Marcus entschuldigt sich im Vorhinein für die verwirrten Antworten, die er mir eventuell geben werde, aber es war Vollmond und er habe schlecht geschlafen. Er strahlt mich an. Wenn er mich nicht gerade zum Interview trifft, dann arbeitet Marcus als U-Bahnfahrer. Der kleine Junge an seiner Hand heißt Joel, ist neun Jahre alt und sein Sohn.

Vater und Sohn leben alleine. Marcus‘ Geschichte ist die so vieler Alleinerziehender, bloß eben ein bisschen ungewöhnlich, weil er ein Mann ist. Man könnte meinen, dass in unserer heutigen Zeit auch alleinerziehende Männer normal wären, genau wie Männer im Rock und Frauen mit Bärten, statistisch gesehen stellen sie allerdings immer noch eine Ausnahme dar.

Die Liebe von Marcus und seiner Ex-Freundin beginnt mit Freude und Vertrauen. Sie war 38, er 23. Er hielt sie für eine reife Frau, kein junges wildes Mädchen mehr. Von da an spult sich die Geschichte einer Trennung wie an einem Filmband ab und beginnt bei der Schwangerschaft mit Joel.

Vielleicht hätte Marcus hellhörig werden können, merken können, dass etwas komisch ist, zum Beispiel als Joels Mutter ihm erst während der Schwangerschaft erzählt, dass sie bereits ein anderes Kind hat oder weil Joel manchmal so weint auf dem Arm seiner Mutter.

Irgendwann flattert eine Geldstrafe ins Haus und Marcus‘ Ex-Freundin ist plötzlich eine Woche nicht da. Von da an begibt sich Marcus auf Spurensuche und findet vor allem eins: leere Flaschen. „Das formulieren wir jetzt mal vorsichtig: C2H50H (Alkohol). Chemie ist nicht deine Stärke?“ Er sagt es mit einem Grinsen, obwohl die Tatsache, dass seine Ex-Freundin übermäßig viel trank, sein Leben auf den Kopf gestellt hat.

Sie leugnet erst mal und behauptet, dass ihr mal „ein paar Flaschen hinter den Kühlschrank gefallen wären“, alles sei aber harmlos. Er glaubt ihr nicht. Die beiden trennen sich – erst emotional, dann räumlich. Plötzlich ist Marcus Hausmann, gibt seinen Job in der Spielhalle auf, um sein Kind zu versorgen.

Den Namen seiner Ex-Freundin nennt Marcus kein einziges Mal. Sie heißt einfach „die Mutter von Joel“. Wenn er über sie spricht, klingt es ein bisschen so, als wäre sie eine Bekannte, eine Frau aus dem Haus gegenüber, eine, von der man sich ab und zu ein bisschen Mehl borgt.

Joel sucht einen Anspitzer in seiner Federmappe und kritzelt ein „J“ verkehrt herum aufs Papier. Er hinkt in der Schule hinterher. Sonderpädagogisch heißt das „Status Lernen“. Ihn zu fördern, das heißt in diesem Fall „schauen, dass der Abstand zu den anderen Kindern nicht ganz so groß wird“. Gerade lernt er die Schreibschrift. Wahrscheinlich stehen Joels schulische Probleme im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft, genau wissen kann man es aber nicht. Die Lehrer sagen, dass Joel ein „feiner Junge“ ist. Das ist, was zählt. Joel schaut auf und beginnt die ersten Striche aufs Papier zu zeichnen.

Wut auf seine Ex-Freundin hat Marcus keine, zumindest sagt er das. Mit dem zu hadern, was ist, das sei nicht seine Art. Immer, wenn ich zu viel nachbohre, sagt Marcus: „Es ist, wie es ist!“, und lächelt. Ein Mantra, von dem man spürt, dass er es schon öfter gebraucht hat. Was ihn dagegen deutlich ärgert, sind die Reaktionen von Ämtern und Behörden, vor allem dann, wenn sie ihm das Gefühl geben, dass Männer Kindererziehung „nicht so richtig gebacken kriegen“. Oder wenn er Sätze hört wie: „Ein Kind braucht doch seine Mutter!“ In seinem Fall ist es andersherum. Das Kind braucht seinen Vater, ihn.

Marcus arbeitet mittlerweile 36 Stunden als U-Bahnfahrer der Linie U7. (Anmerkung der Autorin: Beste Linie!) Sein Alltag im Job ist vor allem eins: „Hell, dunkel, hell, dunkel und meistens auch noch sehr warm“, ein Augenzwinkern. Einmal musste er bisher eine Vollbremsung machen, weil fremde Füße über die Bahnsteigkante ragten. In letzter Minute kam der Waggon zum Stehen.

In solchen Momenten möchte er nur eines: „Eine Zigarette rauchen“, wieder grinst er. Der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht mit seinen Aufgaben wachsen könnte. Marcus ist keiner, der sich viel beschwert, eher im Gegenteil. Er hat gelernt, kleine Brötchen zu backen, ohne neidisch auf die Kuchenstückchen anderer Menschen zu schielen. Und vor allem hat er etwas, das ihn durch den Tag trägt: Humor.

Durch Joel kann Markus nicht jeden Beruf ausüben, der öffentliche Dienst passt aber, denn die Arbeitszeiten sind gut. Netto verdient Marcus 1310 Euro, zusätzlich gibt es Kindergeld, die Unterhaltsvorschusskasse von 201 Euro, Pflegegeld. Finanzielle Unterstützung von seiner Ex-Freundin bekommt er nicht. Sie arbeitet in einer Bäckerei und verdient den Mindestlohn. Marcus hatte Glück, dass er eine preisgünstige Wohnung in einem Hinterhaus in Charlottenburg gefunden hat.

Einmal die Woche holt Joels Mutter ihren Sohn für vier bis sechs Stunden ab. Und dann ist Marcus einfach Marcus und nicht mehr Papa und ein bisschen Mama. Dann geht es nicht mehr ums „Behüddeln und Betüddeln“, dann geht es in die Schelle in der Droysenstraße – einer kleinen gemütlichen Kneipe, in der alle vom Hartz-4-Empfänger bis zum Millionär sitzen.

Und was wünscht sich der Mann, der bisher so viel gestemmt hat und dabei fortwährend grinst, für die Zukunft? „Ein entspanntes Leben und vor allem Tageslicht.“ Ewig bei der U-Bahn bleiben will er nicht, sondern irgendwann mal im Verwaltungsbereich einen etwas leichteren Job haben. Und Joel? „Er soll glücklich und gesund sein.“ Und was ist mit Liebe? „Gehört sie nicht zum Glücklichsein dazu?“, fragt er. Wir sind uns einig.

Joels Bild ist nun fertig, er hat es für Papa gemalt.

1 Comment

  • Dany sagt:

    Hallli hallo, …
    Ja das sind meine Lieblinge. Auch meine Tochter Cheyenne 7j. versteht sich prima mit Joel. Wie Bruder und Schwester. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. JOEL&MARCUS= Dreamteam.♡
    Zwar wohnen wir am anderen Ende der U7,aber hin und wieder treffen wir uns alle zusammen. Im Sommer haben wir auch einige Nächte im Garten verbracht. So wie eine richtige Familie.Grillen,planschen, Beeren futtern und Spiele gespielt und ein Zelt aufgeschlagen.Ich hoffe ich werde die beiden nie aus den Augen verlieren. Es macht richtig Spaß mit den beiden was zu unternehmen und wenn die Kinder im Bettchen sind, dann erst trinken wir ein Bierchen und hören unsere Musik und freuen uns,dass die Kids spass hatten.

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