Vogelfrei

Heute weiß ich, ich verstehe mich – mehr als je zuvor in meinem Leben. Mit vielen, wenn nicht sogar jedem Mann oder Jungen, mit dem ich jemals etwas angefangen habe oder gar eine Beziehung geführt habe, war nie Liebe im Spiel. Es ging um das Gefallen, um die Akzeptanz, um das Nicht-im-Regen-stehen-gelassen-werden-Gefühl, um Bestätigung, doch da waren nie selbstlose Gründe.

Und dann kam er, der erst nur wie der beste Freund erschien, einer zum Pferde stehlen, der mir zuhörte, zusammen mit mir über die banalsten Dinge lachte, mich wieder glücklich machte, der mich genauso mochte wie ich war und vermutlich sogar einer der wenigen Menschen, bei denen ich jemals ich selbst sein konnte und wollte. Als ich zitternd im Bett lag, schloss er mich in seine Arme und wärmte mich die ganze Nacht, nach durchzechten langen Nächten schliefen wir im selben Bett, doch mehr war da nie.

Bis sich etwas änderte, das Gefühl, dass er nicht in der Nähe war, war unerträglich, sodass ich an Silvester zu ihm fuhr, erkältet, fiebrig, in einem Smart, sechs Stunden nach Berlin. Wofür?

Um eine U-Bahnfahrt durch halb Berlin zu erleben, zusammen zu essen, zusammen zu verlieren, den ersten Knaller selbst zu zünden, um sich um Mitternacht zu umarmen, um auf einer grottigen WG-Feier das letzte Bier zu stehlen, um mit einem Obdachlosen puren Wodka zu trinken, um einen Spätibesitzer zu besänftigen, um mit einem Transvestiten zu plaudern, um mit einem erhobenen Bier durchs Bäreneck zu gehen, betrunken Dart zu spielen, auf deinem Schoß zu sitzen, mit den beiden älteren Herrschaften zu tratschen, um verstohlen Händchen zu halten und händchenhaltend einzuschlafen, um morgens durch deine Haare zu fahren, um verkatert deine Eltern kennenzulernen, um dich heimlich zu umarmen und dir Blicke zuzuwerfen. Um Du und Ich zu sein für ein paar wenige Tage.

Und jetzt? Vogelfrei sein. Das ist es, was du möchtest.

Täglich die Klagen, warum es mit uns nicht funktioniert. Als würde ich mich das selbst nicht jede Sekunde fragen, Tag für Tag. Ich glaube sogar langsam zu wissen, dass da mehr ist – deine Blicke, wenn du denkst, du seist unbeobachtet. Warum tust du dir das selbst an? Wenn es die Angst ist, mich zu verlieren, dann ist es genau das, was es bewirken wird und … das will ich nicht. Daran zu denken, dass du nicht mehr an meiner Seite bist. Unerträglich.

Noch nie zuvor hatte ich so viele Emotionen in mir. Ich war immer schön kalt, hab alles verdrängt. Mit dir ist das gar nicht so einfach.

Und ich will nicht mehr weinen um dich, um dich und mich, ich will es einfach nicht mehr. Und ich ärgere mich, dass wir uns nicht früher gefunden haben. Warum haben wir uns nicht schon damals erkannt, bevor alles zerstört wurde. Wir hätten uns geliebt und wir sein können, ich bin mir sicher.

Egal wie es endet, ich werde dich immer dafür lieben, das du es geschafft hast, mich wieder fühlen zu lassen.

Hannah, 24, zerstreute Jurastudentin, die, wenn sie groß ist, gerne Unschuldige verteidigen möchte – für Gerechtigkeit. Doch dies wird wohl noch etwas dauern, da sich ihr Leben durch den geliebten Nebenjob im Spätkauf ihrer Wahlheimatstadt im Osten sowie angeborener Faulheit gepaart mit Begeisterung für Freizeitaktivitäten, insbesondere im Nachtleben, bestimmt. Dennoch schreibt sie in diesem Sommer das erste Examen. Manchmal sucht sie die große Liebe, wenn sie dann vor ihr steht, sieht sie sie nicht und wenn sie dann mal ihre gefühlskalte Brille abnimmt, ist es schon zu spät. Kleiner Lebenstollpatsch. Außerdem liebt sie es, zu nähen – früher wollte sie Modedesign studieren. Ihre Mutter hielt das für brotlose Kunst.

Headerfoto: Alisa Anton via Unsplash License!

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