Unterwegs mit dem Kältebus der Berliner Stadtmission – Chronik einer Nacht

Einundzwanzig Uhr eins. – Ein Handy klingelt. „Kältebus der Berliner Stadtmission. Yannick Büchle am Telefon, schönen guten Abend.“ Der Motor wird gestartet. Yannick rückt sein Headset am Ohr zurecht und fragt den Anrufer: “Wie viel Promille hat er denn?“ Der Bus wird langsam aus der Parklücke manövriert. „Alles klar! Wir machen uns auf den Weg, brauchen aber noch ein bisschen.“ Yannick dreht sich zu uns um. „Gestern war es ziemlich krass. Einhundertvier Anrufe! Mal schauen, was uns heute Nacht erwartet.“

Einundzwanzig Uhr drei. – Der nächste Anruf. Es geht um ein Paar in der Notübernachtung in der Storkowerstraße. Die Unterkunft ist heute Nacht voll, weshalb wir die beiden woanders hinfahren sollen. Für Yannick und seinen Kollegen Cornelius ist das Organisieren längst kein Problem mehr. Sie kennen jedes Quartier, können überall anrufen, schnell herausfinden, wo Platz sein könnte.

Das Paar sitzt derweil schon zur Abfahrt bereit im Foyer. Eine Mitarbeiterin mit pinken Haaren und langen Rastazöpfen gewährt uns freundlich Einlass. Sie wendet sich zu dem wohnungslosen Paar und sagt: „Na, da kommen sie ja. Ich hoffe, das Warten war nicht allzu lang.“ Wir begrüßen die Runde, während Yannick von der Seite bestätigt, dass im Nachtcafé des Evangelischen Pfarrhauses in der Samariterstraße zwei Plätze frei sind. Das Paar ist mit jeweils einer Gehhilfe ausgestattet, die Cornelius und ich kurze Zeit später die Treppe zum Bus runterhieven. Der Mann steigt in den geöffneten Bus und sagt: „Mann, is dit frisch hier drinnen. Wirklich n Kältebus!“ Wir lachen. Die Stimmung ist freundlich. Wir fahren los.

Einundzwanzig Uhr einunddreißig. – Wir parken den Bus vor dem Eingang des Nachtcafés. In den folgenden Stunden wird es nicht einmal vorkommen, dass wir jemanden nicht mit hinein begleiten. Noch auf dem Weg zur Tür erhält Yannick den nächsten Anruf. Das Kaiser‘s gleich hier um die Ecke ruft an: Vor ihrer Eingangstür friert jemand.

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„Egal, dann sterbe ich eben.“

Es dauert keine zwei Minuten und wir treffen auf Stephanus. Der sitzt wie angekündigt im Schneidersitz auf dem Boden. Neben ihm kniet ein Typ, der ihm gut zuredet. Martin sein Name. Seit zwanzig Jahren läuft er im Winter mit Teekanne und Plastikbechern durch Friedrichshain und versorgt die Menschen auf der Straße. Ab und zu lässt er auch mal jemanden bei sich übernachten. So hat er Stephanus schon vor ein paar Tagen Obdach gewährt und erklärt uns, dass er eigentlich gerade auf dem Weg zu einem Freund war, für ein Bierchen oder zwei. Jetzt steht er mit uns vor dem Supermarkt und berät, welche Option heute Nacht für Stephanus die bessere wäre. Der schaltet sich ein und gibt zu verstehen, dass ein Filmchen bei Martin gar nicht so schlecht wäre.

Stephanus ist schätzungsweise Mitte dreißig und schon seit Jahren ohne Wohnung. Der Platz vor dem Kaiser‘s ist sein Stammsitz geworden. „Die Mitarbeiter sind immer sehr nett und geben mir umsonst Tee aus.“ Im Gegenzug fragte Stephanus irgendwann, ob er den Eingangsbereich nicht ab und zu fegen könnte. Das macht er sehr gerne. Allein deswegen schon, weil er nicht möchte, dass die vorbeigehenden Menschen denken, der ganze Müll sei von ihm. Für heute Nacht hat Stephanus also noch mal Glück gehabt, er schläft bei Martin. Wir verabschieden uns mit Handschlag. Ein charmanter Mann ist Stephanus und Cornelius weiß, wie viel Wert das auf der Straße manchmal hat.

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Einundzwanzig Uhr vierundfünfzig. – Wir sitzen wieder im Auto. Yannick plant einen Umweg ein. Weit entfernt vom Bahnhof Lichtenberg sind wir nicht und er kennt eine Stelle, wo sich meistens mehrere Obdachlose zusammentun. Wir parken vor dem Eingang der Station. Aus dem Kofferraum holen wir Pfannkuchen, einen Korb mit heißem Tee, Zucker und Bechern. Wir laufen schnellen Schrittes durch den Bahnhof, der mit einem kalten Durchzug nicht ungemütlicher hätte sein können. Wir machen ein paar Späße, denn auch das braucht man in einer Nacht wie dieser.

Nach ein paar Metern sehen wir, wie drei Männer bereits schlafen. Die zwei Vorderen sogar so tief, dass wir sie nicht wach bekommen. Ein bisschen abseits von ihnen liegt ein Dritter, zugedeckt nur mit einer dünnen Wolldecke. Obwohl er sich die Decke ganz übers Gesicht gezogen hat, bemerkt er uns schnell. Wir begrüßen ihn, erklären, dass wir von der Kältehilfe sind, bieten Tee und Pfannkuchen an. Ob er nicht lieber mit uns zur Notübernachtung am Hauptbahnhof mitkommen möchte, fragt ihn Cornelius, der sich nun liebevoll zu ihm herunterbeugt.

„Nein, danke. Das kostet bestimmt was. Ich bleibe hier“, erwidert der Mann mit einem misstrauischen Blick. Den Tee und die Pfannkuchen möchte er nicht, auch einen Schlafsack lehnt er ab. Es könnte eben vielleicht Geld kosten. Dass wir von einer Organisation sind, die von der Stadt und von Spendern unterstützt wird, glaubt er uns nicht, ganz egal, wie gut wir argumentieren.

„Angenommen, wir lassen den Tee hier einfach stehen …“, Cornelius lächelt dabei. „Würdest du ihn dann trinken?“
„Nein!“
„Aber es ist doch Winter“, sagt Cornelius in einem etwas strengeren Ton.
„Na und? Der Sommer kommt.“
„Trotzdem ist der Winter noch lang. Es kann sehr gefährlich bei diesen Temperaturen sein.“
„Egal, dann sterbe ich eben.“

Er schließt seine Augen, vergräbt sein Gesicht erneut unter der Decke und wir können nichts mehr tun, als weiterzugehen. „Jeder Mensch hat eben einen freien Willen“, sagt Cornelius und ich merke, wie ihm die Situation zusetzt.

Wir laufen noch eine Weile im Bahnhof umher, in der Hoffnung auf mehr Erfolg. Wie man täglich damit umgeht, frage ich Yannick, die immer noch geschlossene Packung Pfannkuchen dabei ganz fest in meinen Armen, als würde sie mir sonst aus den Händen rutschen. „Man muss aufpassen, nicht alles ganz nah an sich ranzulassen, aber trotzdem versuchen, nicht zu abgeklärt zu werden. Irgendetwas dazwischen.“

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Zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig. – Yannick telefoniert kurz mit den Kollegen vom Kältebus Zwei und erkundigt sich, ob bei ihnen alles in Ordnung ist.

Zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig. – Jemand ruft an und berichtet, dass ein Mann in einer Bahn liegt und schläft. Yannick erklärt, dass wir es nur schwer mit einem fahrenden Zug aufnehmen können. Er bittet den Anrufer, den Mann zu wecken, ihm zu sagen, dass er an der nächsten Station aussteigen könnte.

Zweiundzwanzig Uhr einundvierzig. – Der Anruf einer Frau erreicht uns, die zufällig einen Mann in der Nähe des Naturkundemuseums bemerkt hat. Sie gibt uns die genaue Adresse durch, sagt aber auch, dass sie sich nicht getraut habe, ihn anzusprechen. Wir versuchen unser Glück.

Dreimal fahren wir die genannte Stelle ab, sehen aber niemanden.

 

Geduld muss man haben

Zweiundzwanzig Uhr achtundvierzig. – Nun fahren wir zum DRK Klinikum in der Drontheimer Straße. Der betrunkene Mann des ersten Anrufs stammt aus Litauen. Deutsch spricht er nicht, aber man habe sich mit ihm gut genug verständigen können, dass sie sicher sind, dass er in die Notübernachtung gefahren werden möchte.

Lange brauchen wir nicht, um den Mann in den Bus zu bekommen. Betrunken? Ja, könnte man so sagen. Vielleicht einen Musikwunsch? Eminem! Cornelius sucht nach einem Titel. Till I Collapse und sofort wippen alle zum Beat. Aus den Boxen dröhnt laut: „Cause sometimes you just feel tired, […] you feel like you wanna just give up.“ Aber nicht hier, nicht heute Nacht. Wir reißen die Arme hoch, genießen die Musik, bis wir unseren Hip-Hop-Freund zu den Kollegen bringen und eine erholsame Nacht wünschen.

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Dreiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig. – Wieder der Anruf einer Frau. Vor dem Krankenhaus am Urban campiere seit vier Stunden ein Mann. Wir machen uns schleunigst auf den Weg dahin, denn die Nacht bricht langsam herein und mit ihr die bittere Kälte. Vor der Einfahrt der Rettungsstelle läuft ein Mann verwirrt, vielleicht betrunken vor dem Eingang hin und her. Sein Ledermantel ist rissig, die Hose rutscht, an der linken Hand hat er einen weißen Verband und im Mund eine halbe Kippe, die nicht brennt.

Wir stellen uns vor, fragen als erstes, ob er Tee möchte. „Feuer“, sagt er mit einer so weinerlichen Stimme und schmerzverzerrtem Gesicht, dass ich überhaupt nicht einschätzen kann, ob er auf Drogen ist oder nicht. Es dauert Minuten, bis er es ins Auto schafft. Wie in Zeitlupe setzt er einen Fuß mühsam vor den anderen. Bricht immer wieder ab, sagt, dass er es nicht schafft. Dann sitzt er endlich auf dem schwarzen Polster und ich zünde ihm die Zigarette an.

Cornelius bemerkt an seinem Handgelenk ein Namensschild. Er spricht ihn mit Namen an. Paul. „Cornelius“, erwidert dieser zurück, „das ist ja ein sehr aristokratisch klingender Name.“ Das Wimmern verfliegt und Paul, wenn auch immer noch nicht ganz so klar in seiner Aussprache, erzählt, dass er früher mal Antiquitätenhändler war. Der Mann scheint gebildet und erzählt von seinem Freund, einem begnadeten Künstler, zu dem er jetzt gerne gefahren werden möchte. Eigentlich fährt der Kältebus niemanden zu einer Adresse, die keine öffentliche Stelle ist, aber der Künstler wohnt nur um die Ecke und ist mit „neunzig prozentiger Sicherheit zu Hause“.

Wir klingeln. Der begnadete Künstler ist nicht da.

Kurzum entscheidet Yannick, dass wir Paul zur Notübernachtung im Mehringhof bringen. Ein Anruf genügt. Yannick verspricht, dass wir schnell da sein werden. Wenn ich allerdings daran denke, wie lange wir das erste Mal gebraucht haben, Paul ins Auto zu bekommen, bezweifle ich das stark. Außerdem stehen wir immer noch vor dem Hauseingang, weil Paul versucht, seine Hose zu richten. Minutenlang. Geduld, offensichtlich etwas, das man in diesem Job braucht.

Vor der Notübernachtung packen die Jungs Paul links und rechts am Arm. Schritt für Schritt, Stufe um Stufe laufen wir in die dritte Etage. Auf der letzten Treppe angekommen beschließen Cornelius und Yannick, dass er die wenigen Meter im Flur besser alleine läuft, damit die von der Notübernachtung sehen können, dass er kein Pflegefall ist und ihn da behalten.

Ich drehe mich noch einmal schnell um und laufe ein paar Schritte zurück.

„Paul?“, frage ich, „die Bilder von dem begnadeten Künstler. Sind sie schön?“
„Ja“, antwortet er, „die schönsten, die ich je gesehen habe.“

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„Komm, wir gehen spazieren“

Null Uhr vierzehn. – Ein Mann liegt vor einem Hauseingang in der Johannisthaler Chaussee und möchte unbedingt in die Notübernachtung. Yannick erklärt uns, dass das immer Priorität hat. Wir fahren also direkt von Kreuzberg nach Neukölln. Mittlerweile spüre ich die Müdigkeit. Außerdem ist mir kalt. Im Auto sitzend ziehen die Lichter draußen wie helle Streifen an mir vorbei, dabei versuche ich, so konzentriert es noch geht, Ausschau nach weiteren Menschen zu halten, die irgendwo einsam am Straßenrand liegen könnten, bereit, jeden Moment laut „Anhalten!“ zu rufen.

Als wir vor dem Hauseingang ankommen, begrüßt uns der Bewohner eines mehrstöckigen Wohnhauses. Er führt uns zu einem älteren Herrn, der mit nur zwei Taschen und einer Decke über dem Körper, eingekauert wie ein kleiner Kokon, auf einer Bank sitzt. Die Decke ist von Michael, dem Mann, der uns angerufen hat. Seit er ihn entdeckt hat, kümmert er sich um den Wohnungslosen, bringt ihm heißen Tee und Güte. In Gedanken kann ich mich nicht entscheiden, ob es eine gute Tat ist oder einfach selbstverständlich sein sollte.

Der Mann steigt mit uns in den Bus. Die beiden Taschen platzieren wir direkt neben ihm, während Yannick schon wieder am Telefon ist. Nur ein paar Auto-Minuten entfernt soll ein weiterer Mann auf uns warten. Als Yannick und Cornelius ihn einsammeln, sitzen wir mit Jonas alleine im Bus. Ob er schon lange auf der Straße lebe, will ich wissen und gieße Tee aus der Kanne in den Becher. Gerne würde ich auch einen Schluck nehmen, aber allein der Gedanke daran, dass ich jemandem den Tee am Ende wegtrinken könnte, hält mich davon ab. Seit einem halben Jahr habe er keine Wohnung mehr, erklärt Jonas und redet dabei so höflich, dass ich vergesse, wo wir ihn gleich hinfahren.

„Ist es sehr hart so alleine?“, frage ich weiter und bin mir nicht sicher, ob es die bescheuertste Frage der Welt ist. „Ich bin nicht alleine. Ihr seid doch da.“ Er nimmt einen Schluck von dem heißen Tee und sagt weiter: „Alleine macht das Leben doch auch gar keinen Spaß.“

In diesem Moment kommen Yannick und Cornelius zum Auto zurück. In der Mitte von ihnen steht ein Mann, der sich nicht alleine aufrecht halten kann. Zwischen seinen Oberschenkeln hat sich seine Hose dunkel verfärbt. Kaum auf dem Rücksitz, brabbelt er unverständliche Sätze vor sich hin, bis er mit einem lauten Schnarchen einschläft. Der Geruch von Urin, Schweiß und Alkohol breitet sich langsam im Bus aus.

Vor der Stadtmission angekommen, tragen Yannick und Cornelius ihn den Weg zu der Treppe bis runter zur Tür. Jonas versucht sich derweil alleine so aus dem Auto zu bewegen, dass mich Panik überkommt, er könnte jeden Moment einfach auf den harten Beton fallen. Als er draußen wankend steht, lege ich den Sitz sofort um und eile ihm zur Hilfe. Ich hake mich unter und begleite ihn ebenfalls zur Tür, tatsächlich laufen wir genüsslich zusammen, ein bisschen, als würden wir spazieren gehen. „Mädchen, was machst du hier bloß nachts mit einem alten Mann wie mir?“

Wir biegen rechts runter zur Treppe. „Ich hoffe, da wartet später jemand auf dich.“

„Ja, keine Sorge“, lüge ich, weil mich seine väterliche Stimme rührt. Ich verabschiede mich herzlich, fast so, als würden wir uns bald wiedersehen.

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„Der Typ hat keine Socken.“

Ein Uhr siebenunddreißig. – Erneut meldet sich die Notaufnahme eines Krankenhauses am Spandauer Damm. Allmählich haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass das grelle Licht im Krankenhausflur zur Belastung wird. Eine Gruppe junger Assistenzärzte, die ich mit zusammengekniffenen Augen begutachte, steht in weißen Kitteln vor uns. „Der Typ hat keine Socken“, erklärt uns einer von ihnen. „Außerdem stinkt er wirklich ganz fürchterlich, nur dass ihr vorbereitet seid.“ Wir laufen zu dem Zimmer, in dem er liegen soll. Und tatsächlich riechen wir ihn, noch bevor wir eintreten. Seine Füße sind übersät von offenen, eitrigen Wunden. Die Hose ist so tief runtergerutscht, dass ich seine gestreiften Boxershorts sehen kann. Cornelius und Yannick ziehen sich Handschuhe über und motivieren ihn, mit uns zu kommen.

Der Mann ist in leichter Pöbelstimmung und fängt erst mal an, ein bisschen zu meckern. Als er sich aufrichtet, der Gestank in dem Zimmer ist kaum zu ertragen, bin ich überrascht, wie jung er noch ist. Unter dem verfilzten Bart, den offenen Wunden und dem Dreck erkenne ich sogar ein hübsches Gesicht.

Wir laufen aus dem Krankenhaus, er humpelt. Yannick und Cornelius helfen ihm in den Rückraum, dabei zieht der Geruch weiter durch meine Nase und ich vergesse, wie Rosen duften.

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Zwei Uhr fünfzehn. – Sogar gleich zwei Passanten alarmieren den Kältebus für einen Mann am Metzplatz, der auf einer Parkbank liegt. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen und wir wissen, dass dies der letzte Fahrgast unseres Busses für heute Nacht sein wird. Langsam umrunden wir den kleinen Kreisverkehr, bis wir den Mann sichten. Im Licht der Straßenlaterne hat er seinen Kopf auf eine Tasche gelegt. Er trägt nur seine löchrigen, dünnen Klamotten. Keine Decke, kein Schlafsack, nichts. Wir wecken ihn auf, aber er spricht kein Deutsch. Plötzlich antwortet ihm Yannick auf Polnisch und erzählt kurze Zeit später, dass er extra für die Arbeit angefangen habe, die Sprache zu lernen. Der Regen wird heftiger. Schnell bringen wir den Mann zum Auto. Es ist so kalt, dass ich beinahe glaube, wir haben ihm das Leben gerettet. Und ich frage mich, wie lange man in so einem Alter eigentlich auf einer Parkbank durchhalten kann.

Drei Uhr einunddreißig. – Ich laufe von der Tramhaltestelle am Bersarinplatz nach Hause. Trotz der zwei Paar Socken spüre ich meine Füße nicht mehr. Ich bin so durchgefroren, dass ich als Allererstes bei mir im Zimmer die Heizung aufdrehe. Ich lege mich ins Bett, kann aber nicht aufhören zu zittern, sodass ich anfange, mir mit den Händen die Oberschenkel warm zu reiben, bis ich irgendwann völlig übermüdet, eingerollt wie ein Baby im Mutterbauch einschlafe.

Ja, ganz genau, ich liege in einem Bett.

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Der Kältebus fährt zwischen dem 1. November und 31. März, von 21:00 Uhr abends bis 03:00 Uhr morgens. Die Telefonnummer ist: 0178 / 523 58-38. Mehr Infos gibt es hier.

Alle Namen, bis auf die der beiden Mitarbeiter, wurden geändert.

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1 Comment

  • Immer wieder kamen mir die Tränen beim lesen eures Artikels. Ich finde es so gut, dass ihr euch mit unbequemen Themen beschäftigt und darüber schreibt. Die Frage ob es selbstverständlich ist zu helfen stelle ich mir täglich auf dem Weg zur Arbeit.. ich finde gerade jetzt, ist es 1. Hilfe die geleistet werden sollte. Mich berührt innerlich immer noch der Mann, der durch Friedrichshain läuft und Tee ausgibt und Menschen auch mal bei sich schlafen lässt. Ich bin froh, dass wir uns nicht nur auf den Kältebus verlassen können, sondern auch auf die, die nicht wegsehen. Eigeninitiative gerade jetzt bei den Temperaturen bedeutet Leben retten. Also sollte man sich nicht scheuen den Kältebus anzurufen, wenn man sich nicht traut selbst Hilfe zu leisten – was völlig okay ist!? Mir brechen die Menschen das Herz, die starren und weiterlaufen – und das passiert leider noch zu oft.. und da fällt mir noch was ein! Letztens meinte ein Zeitungsverkäuferin in der U8 einfach mal lächeln?! Sie sprach mir aus der Seele! Die Verkäufer sind über ein „nein, Danke“, Augenkontakt oder ein nettes Kopfschütteln nicht böse.. immer noch besser so zu tun, als gäbe es den Menschen nicht der sich in der Bahn gerade ein abrackert.

    Liebe und gern mal mutig sein <3

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