Unter Wasser atmen

Ich sitze an diesem großen Fenster. In meinen kalten Händen eine Tasse Tee, schaue den Regentropfen dabei zu, wie sie zunächst vom Himmel fallen und dann in filigranen Rinnsalen über die Scheibe nach unten laufen. Hätte schon vor Ewigkeiten meinen Blick abwenden wollen, sollen, müssen. Aber das können fehlt. Irgendetwas hält mich fest. Hält mich ab davon, einfach aufzustehen und all diese Dinge zu tun, die es zu tun gilt. Arbeit, Uni, Kisten auspacken. Ankommen. Durchatmen.

Dieses anfängliche Lächeln ob all der Fremde und Aufregung hat sich binnen wenigster Tage verändert. Ich verfluche mich für meine Naivität. Als könne man alten Kopfmonstern und eingestaubten Verhaltensmustern einfach so mit einem Umzug entfliehen. Lächerlich.

Da war zu viel Sonnenschein, zu viel Sicherheit in den letzten Monaten. Denn diese Regentage kommen immer. Graustufen, über und über. Sie spiegeln die Welten in mir wider, lassen mich emotionslos zurück. Herzschatten.

Lächeln wirkt unecht. Ängste, die sich einfach nicht vertreiben lassen, tauchen auf und bringen Sicherheit ins Wanken. Bringen Zweifel zum Vorschein und lassen leise Worte viel zu laut werden. Deine Stimme in meinen Ohren, Widerhall in meinem Kopf. Deine Arme um meinen Körper im Versuch, mir Halt zu geben. Aber ich stolpere schon wieder.

Momente, gleichzeitig geprägt von Heimweh und Fernweh, ohne zu wissen, wonach ich mich wirklich sehne. Farblos. Wie das Wasser des Regens. Das manchmal scheint, als würde es wie ein Ozean über mich hereinbrechen. Druck auf meinen Ohren, meinen Lungen, alle Geräusche in Watte gepackt. Und ich versuche zu atmen. Zu atmen. Zu atmen.

Kann nicht so schwer sein. Aber unter Wasser zu atmen habe ich zu lernen verpasst. Sinke weiter in die Tiefe. Und manchmal glaube ich, die Abgründe in uns sind noch so viel tiefer als die Abgründe außerhalb unserer ganz eigenen Welt.

Ich versinke in Schweigen. Da sind Worte, deren Klang ich vergessen habe. Weiß nicht, wie man sie sagt. Du stehst da und wartest und bist so geduldig wie immer, doch mir kommt es vor, als wäre ich gar nicht richtig da. Ich will dir sagen, dass es mir leidtut. Will schreien vor Wut über diese Leere in mir drin, will weinen und fluchen und am liebsten all diese Ängste mit Getöse vertreiben.

Aber mal wieder ist es die Stille, die bleibt. Hält mich fest und legt ihre feinen Hände über meine Lippen, damit ich bloß nichts sagen kann. Damit ich bloß nicht auf die Idee komme, mich zu erklären und diese Regentage damit vielleicht ein bisschen erträglicher zu machen. Für mich. Für uns. Und dennoch nur Stille.

Aber du. Bleibst auch. Deine Arme um meine Schultern und deine Haut unter meinen Fingerspitzen. Ganz gleich, wie sehr ich mich in einer Ecke irgendwo tief in mir drin zurückziehe.

Regen kommt und Regen geht. So wie immer. Manchmal dauert es länger, manchmal nur ganz kurz. Ich hasse diese Momente, will nicht, dass sie zu mir gehören wie meine Lieblingsfarbe oder mein erster Kuss. Aber sie halten sich an mir fest, und vielleicht machen sie mich aus auf eine Art und Weise, die ich nicht richtig lieben, aber irgendwie akzeptieren muss. Dir fällt das scheinbar so viel leichter als mir.

Irgendwann mischt sich ganz von selbst wieder ein bisschen Farbe unter all das Grau. Der Regen wird weniger, und als die ersten Sonnenstrahlen durch die noch immer kahlen Baumkronen vor unserem Fenster brechen, fühlt sich auch Lächeln viel weniger fremd an. Meines. Und deines. Sonnenstrahlen, die Sorgen zum Schmelzen bringen. Tauwasser tropft von Herzwänden und lässt ganz plötzlich wieder all meine Emotionen zu.

Manchmal frage ich mich, ob die Akzeptanz all dieser ganz eigensinnigen Verhaltensmuster Resignation oder doch viel mehr Selbstliebe gleichkommt. Versuche schon seit Jahren, eine Antwort darauf zu finden, vergeblich. Aber vielleicht ist das nicht wichtig. Was zählt, ist dieses Strahlen. Deines. Meines.

Als ich wieder ganz von selbst von Dingen schwärme, mit diesem Glänzen in meinen Augen, das du so magst. Was zählt, ist, dass dieses Glänzen plötzlich wieder da ist. Und dass ich mich wieder fühle, als sei ich ich selbst. Was auch immer das am Ende bedeutet.

Ich stehe in unserem kleinen Bad und betrachte mein Spiegelbild. Meine langen Haare, die Sommersprossen auf meinen Wangen. Wische mir Make-up-Reste vom Gesicht und lasse all diese unnötigen Masken fallen. Lege mich zu dir ins Bett, unser Bett. Mein Kopf ruht auf deiner Schulter, hebt und senkt sich unter deinen regelmäßigen Atemzügen. Vertraute Bilder, vertraute Gefühle.

Wir reden, lachen, atmen ein und atmen aus. Ich fühle mich lebendig. Dankbarkeit ist greifbar. Kein Wasser, keine Zweifel. Keine Angst, auf einmal keine Luft mehr zu bekommen. Draußen weht der Wind leise Regentropfen gegen das Glas, aber auch sie dürfen da sein. Heute. Und morgen auch. Weil ich weiß, dass sie kommen. Aber auch wieder gehen. An Tagen wie diesen weiß ich das ganz gewiss.

Und vielleicht sind es die kleinen Momente, die im Verborgenen liegen, uns aber so viel Sicherheit geben. Leuchtende Augen, ein lächelnder Blick. Dein Arm um meine Schultern gelegt. Nah genug, als dass es auch nur einen winzigen Platz für einen Hauch von Unsicherheit geben könnte. Fallen lassen können. Und dürfen. Und all diese Momente im Kopf tragen, und im Herzen. Festhalten.

Für den nächsten Regen.

Headerfoto: Frau unter Wasser via Shutterstock! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

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1 Comment

  • Was für ein schöner Text! Ich kenne diese Zeit der Stille nur zu gut. Und ich glaube, wir müssen und können sie aushalten. Nur ihr verfallen, sollten wir nicht. Danke!

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