Unsere letzte Nacht

Es war ein bisschen so, als würde ich lebendig sterben. Ich blickte auf die Jungs, die unten am Hang Frisbee spielten. Sie lachten, während sie hinter der fliegenden Platte herliefen. Logisch – es war Sommer, die Sonne schien und es war Samstag. Ich blickte auf die Rauchschwaden, die ab und an dunkler wurden, sobald eine Bratwurst von den Grillern gewendet wurde. Jeder von ihnen schien gerade die Zeit seines Lebens zu haben. Nur ich gehörte da nicht rein, denn mein Leben war seit drei Minuten vorbei. Ihre Worte schallten in meinen Ohren: „Ich muss ausbrechen.“ „Ich will was erleben.“ „Ich glaube, es ist besser so.“ Ihre Worte fühlten sich an wie Pfeilspitzen, die sich langsam durch mein Herz, meine Lungen und meinen Magen bohrten. Jeder Satz saß. Wie ein Ass beim Tennis.

Ihr fiel es nicht leicht, das sah ich. Ich war ihre erste Freundin und ihre erste lange Erfahrung mit einer Frau. Für mich war sie es auch. Nein, sie war mein Zuhause. Es waren jetzt fast drei Jahre, in denen wir nicht nur unser Leben teilten, sondern auch Pläne und Träume.

Da war sie also – die Trennung. Bisher hatte ich noch keine solcher Art hinter mir. Doch das, was ich von Freundinnen über die Jahre mitbekommen hatte, ließ darauf schließen, dass genau dieser Moment, in dem ich mich befand, das klassische Schlussmachen war. Beziehungsweise war ich die, mit der Schluss gemacht wurde.

Ich sagte nichts. Kämpfte nicht mal mit den Tränen, denn sie hatten den Kampf schon längst gewonnen. Ich dachte plötzlich daran, dass eine Trennung wie ein Computerspiel war. Mit mir als Teil davon. Nach dem Kauf des neuen Spiels freut man sich aufs Zocken und beginnt mit einem leichten Level. Da hat man noch Spaß und lernt die Umgebung kennen. Mit der Zeit wird es schwerer und es warten Herausforderungen, die es zu meistern gilt, um weiterzukommen. Du drückst auf dem Controller herum und versuchst, die ein oder andere Fehlentscheidung wieder gut zu machen. Vielen gelingt das. Einigen nicht. Irgendwann kommt der Endgegner und bringt dich um. In meinem Fall war der Endgegner das letzte Treffen am Weiher. Heute hieß es für mich „Game over“.

Ich konnte mir nicht vorstellen ohne sie zu leben. Wen würde ich anrufen, wenn es mal schlecht im Job lief? Wer würde mit mir kuscheln, wenn es draußen kalt und dunkel war? Wessen Lippen würde ich täglich küssen? Wer würde mich zum Lachen bringen? Wie würde es weitergehen? Diese und noch viele andere Fragen kreisten in meinem Kopf, während wir auf der Decke saßen mit Blick auf die fröhlichen Frisbee-Jungs, die inzwischen Badminton spielten. Auch dabei lachten sie.

Ich wollte gehen und gleichzeitig für immer bei ihr bleiben. Neben der Trauer und der Sehnsucht spielte sich in meinem Inneren so viel ab. Insbesondere war da der Stolz, der verletzt war. Wie konnte sie mir sagen, „ausbrechen“ zu wollen aus unserer heiteren Beziehung? Okay, so heiter lief es zwischen uns nicht mehr, aber kann man nicht an sich arbeiten? Ich war ihr offenbar nicht mehr gut genug. Oder anziehend genug? Natürlich gab es in den vergangenen Jahren andere Frauen, die ich anschaute und dachte „hübsch“, vielleicht auch „sexy“. Aber tief in mir drin war sie das Non plus Ultra. Lange braune Haare, eine tolle Figur und ein Lächeln, das mich stets dahinschmelzen ließ. Ich liebte ihre Zähne, die in meinen Augen den Inbegriff eines perfekten Gebisses darstellten. Ihre Augen, ihre perfekte Nase und ihren Humor. Ich liebte ihren Humor.

Doch all das war jetzt Geschichte. Sie wollte was Neues. Ich fühlte mich wie ein altes, abgenutztes Kleidungsstück – verwaschen und löchrig. Auch etwas langweilig und aus der vor-vorletzten Saison. Sie wollte jetzt etwas Knappes, Lockeres, Erotisches, etwas, das en Vogue war. Hätte sich eine große Wäscheleine durch meine Wohnung gezogen, hätte ich mich zumindest da hängen lassen können. Ich, die stark reduzierte Mangelware vom Wühltisch bei KiK.

„Gibt es eine andere?“, fragte ich und war mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören wollte. Die Angst vor einem „Ja“ war groß. „Nein“, antwortete sie leise und zögerlich. Und da wusste ich, dass sie log. Sie wollte mir nicht wehtun. Aber sie hätte mir jetzt mit allem wehgetan. Außer vielleicht mit einem „Haha, alles nur Spaß! Ich liebe dich und wir schaffen die Krise zusammen. Siehst du hinter dem Gebüsch das rote Licht leuchten? Das ist das Team von ‚Versteckte Kamera’.“

„In den drei Jahren, die ich jetzt in Köln lebe, bin ich mit dir zusammen. Ich habe das Gefühl, noch nichts erlebt zu haben“, sagte sie mit zitternder Stimme. Sie riss sich zusammen und unterdrückte ihre Tränen. Ich kannte das von ihr. Während unserer Beziehung hatte ich sie einige Male weinen sehen und stets versuchte sie, ihr Weinen zu unterdrücken. Dabei presste sie ihren Oberkiefer ganz fest auf den Unterkiefer. Ich schaute sie an. Hatte sie mir gerade gesagt, dass sie was mit anderen Frauen erleben will? Im Sinne von Sex? Nein, oder? Doch! Oder?

Sie war knapp fünf Jahre jünger als ich und hatte in der Tat nach ihrem Coming-Out nicht viele Erfahrungen sammeln können. Sie wuchs auf dem Land auf. Da war es einfach nicht akzeptabel, anders zu sein. Mir ging es ähnlich, obwohl ich Stadtkind war. Nur meine Eltern lebten ein innerliches Landleben. Ich hatte meinen Eltern erst nach einem Jahr Beziehung gestanden, dass ich eine Frau liebte. Ganz offiziell, ganz stolz, ganz homosexuell. Was zurückkam, war Verdrängung und der übliche Satz: „Vielleicht ist es auch nur eine Phase, weil du noch nicht den Richtigen gefunden hast.“ Die Phase dauerte aber nun schon seit meinem fünften Lebensjahr an. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich Frauen interessanter finde. Und dieses Gefühl zog sich über all meine Lebensphasen: Grundschule, Unter-, Mittel-, Oberstufe, Unizeit und Berufsleben. Ich war mir sicher, dass die Phase nicht mehr vergehen würde. Doch erst mit ihr outete ich mich als homosexuell. Nach und nach erzählte ich Freunden und Kommilitonen von dieser Frau, die nun ein Teil meines Lebens war. Ich gab mit ihr an, weil sie schön war. Ich erzählte von ihr, weil sie mich faszinierte und ich postete Bilder mit ihr bei Facebook, weil ich stolz war.

Wo waren diese ganzen Erinnerungen an unsere Zeit eigentlich hin? Wo war das Vertraute, das ich so liebte? In ihren Augen konnte ich es nicht mehr finden. „Ich will nicht deine Ex-Freundin sein. Ich will nicht, dass wir das zueinander sagen müssen“, murmelte ich, während ich versuchte, aus meiner Blickstarre rauszukommen. Ich hörte förmlich, dass es ihr leid tat.

Die Sonne ging langsam unter und die lachenden Badminton und Frisbee-Spieler spielten schon lange nicht mehr. Sie saßen mit anderen um den Grill und tranken Bier. „Wollen wir noch was essen?“, fragte ich, als ob in den vergangenen zwei Stunden nichts gewesen wäre. In der Tat hatte ich Lust mit ihr was zu essen. „Klar“, sagte sie, auch wenn sie wahrscheinlich lieber nach Hause gefahren wäre.

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und fuhren los. Der warme Wind umschmeichelte beim Fahren mein Gesicht und fühlte sich schön an. Das war aber auch das einzige, was sich an diesem Tag schön anfühlte. Bei REWE kauften wir Tiefkühlpizza und buken sie bei mir auf. So, wie wir es früher ab und an getan hatten. Wir setzen uns auf mein Bett und stellten die Pizza zwischen uns. So, wie wir es immer getan hatten. Die Pizza schmeckte nach zerrissenen Herzen, Leere und Trennungsschmerz. Kurz darauf wanderte sie in den Müll.

Ich wusste, dass es unsere letzte Nacht sein würde. Als sie sich zur Seite drehte, rückte ich näher an sie ran und umklammerte sie. Mein rechter Arm griff über sie drüber, während mein anderer Arm als ihr Kopfkissen fungierte. So hatte ich sie so nah wie möglich bei mir. Und doch war sie weit, weit weg. Ich atmete ihren Geruch ein – eine Mischung aus dem vertrauten Parfüm, Luft und Shampoo. Während meine Tränen teilweise in ihren Nacken tropften, drückte sie meinen Arm näher an sich ran. Es war eine Abschiedsnacht mit vielen Tränen, verstopften Nasen und Verwirrung. Es war die schönste Nacht der Selbstzerstörung und gleichzeitig der Abschluss einer verdammt guten Zeit.

Inzwischen sind vier Monate vergangen. Es ist Winter. Sie ist in einer neuen Beziehung mit einer wesentlich älteren Frau. Ob sie glücklich ist, weiß ich nicht. Ich schätze schon. Ich warf mich in verschiedene Abenteuer mit Männer und Frauen, von denen mir nichts annäherungsweise etwas bedeutete. Letzten Endes dachte ich immer nur an sie. Ich erhielt über die letzten Monate viele verschiedene Ratschläge, wie mit dem Kummer umzugehen sei, aber ich weiß, dass es kein Patent-Rezept gibt. Es gibt nur Zeit. Und irgendwann wird wieder eine Zeit kommen, in der ich im Sommer lachend Frisbee spielen werde.

Christina lebt in Köln und liebt das Schreiben. Einige Dinge, die sie täglich als lesbische Frau erlebt, verdienen es, mit anderen geteilt zu werden.

 

Headerfoto: lauren rushing via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Christina

2 Comments

  • Julchen sagt:

    Liebe ist leider keine Krankheit, die einfach mit einer Pille gegen die Schmerzen und den Verlust gelindert werden kann. Sie braucht Zeit zum Heilen und davon manchmal sogar sehr viel. Vielen Dank für die „mir aus der Seele“ sprechende Geschichte.

  • Arisha sagt:

    Ah das ist so traurig und erinnert mich so an mein letztes Jahr 🙁 Meine Freundin und ich waren in genau derselben Situation, hier sind unsere Texte:

    Meiner: http://imgegenteil.de/blog/planschbecken-neben-dem-ozean/#comment-37210

    Ihrer: http://imgegenteil.de/blog/lieben-tue-ich-sie-trotzdem/

    Wir haben zum Glück wieder zueinander gefunden aber nur, weil sie nicht aufgegeben hat und um mich gekämpft hat obwohl sie fast daran zerbrochen ist. Das werde ich ihr niemals vergessen, kein Mensch hat jemals so um mich gekämpft und ich bin so glücklich, dass wir wieder zusammen sind. Sie hat mir gezeigt, wie blöd ich war, in Wirklichkeit habe ich gar nichts verpasst nur ein glückliches Jahr mit ihr habe ich verloren.

    Also kämpf um deine Liebe und lass sie nicht einfach so gehen! Wünsche euch alles Gute!!

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