Unentschieden

Mit einem ganz besonderen Jemand habe ich vor ein paar Wochen über Entscheidungen gesprochen. Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die betreffen. Entscheidungen, die vielleicht jemanden treffen. Entscheidungen bereuen.

Warum muss man sich immer für etwas entscheiden? Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen. Es war nicht meine Entscheidung, auf die Welt zu kommen und ins Leben zu treten. Diese Entscheidung haben mir meine Eltern abgenommen, die sich wenige Jahre später haben scheiden lassen. Eine bewusste Entscheidung ihrerseits.

Je älter ich wurde, desto mehr wurde ich mit dem Thema dieser Scheidung und auch der Entscheidung konfrontiert. Ich begriff und begreife immer wieder neu, dass ich mich vor bestimmten Entscheidungen nicht drücken kann. Trotz, dass ich ja gerade im Erwachsenenalter die Wahl habe, trotzdem hatte ich in den letzten Jahren kaum eine Wahl – wenn man zu etwas gezwungen wird und weder verbalen noch körperlichen Widerstand leisten kann, ist das ekelhaft bitter.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass wir Entscheidungen treffen müssen. Egal, ob sie jemand hört oder ignoriert. Ich tue mich oft unnötig und unheimlich schwer, eine Entscheidung zu treffen. Und doch gibt es Dinge oder Situationen, in denen ich mich ohne Zweifel direkt entscheiden kann und will. Einerseits kann ich mich nicht mal für einen Drink auf der Cocktailkarte entscheiden und andererseits gibt es eine innere Stimme, die einfach entscheidet, ohne, dass ich vorher Gelegenheit hatte, mich mit ihr auszutauschen. Woran liegt dieser Gegensatz in und bei der Entscheidung? Eigentlich setzt das Wort ja schon eine klare Partei, eine klare Meinung, eine klare Antwort voraus.

Coke Zero oder Coke Light? Print oder Online? Lieber ohne Internet oder ohne Smartphone? Das Leben anhalten oder zurückspulen? Lieber bombastischen Sex ohne Liebe oder lieber einzigartige Liebe ohne bombastischen Sex? Lieber Beziehung oder lieber Single?

Lieber schwarz oder weiß? Grau war die Antwort von diesem Jemand, mit dem ich über Entscheidungen sprach. Seine Entscheidung ist grau. Schwarz und weiß sei so definiert und er möchte lieber „frei“, also grau sein. Find ich gut. Hier ging es um Beziehungen und hier mag er einfach frei sein. Richtig so. Ich möchte auch frei sein. Eine bewusste Entscheidung von mir, die ich treffe und auch jederzeit wieder klar so treffen würde. Der Unterschied ist, dass diese klar getroffene Entscheidung noch so unterschiedlich und unklar ausfallen kann. Im Bezug auf Beziehungen kann ich für mich die Entscheidung klar treffen – ich liebe meinen Partner, also entscheide ich mich für ihn. Tag für Tag neu. Klar definiert – kein grau. Eher schwarzweiß. Und trotzdem kann und will ich auch frei sein. Also treffe ich für mich die Entscheidung, nur mit jemandem zusammen zu sein und lieben zu wollen, der mich sein lässt, wie ich eben bin. Dann kann ich auch frei sein, wenn ich mit jemandem zusammen bin.

Eigentlich ganz einfach und unkompliziert, diese Entscheidung. Wieso tun wir uns dann alle trotzdem so schwer, ein Statement zu setzen? Nicht nur, was die Wahl unseres Partners angeht, sondern grundsätzlich. Wer sagt, dass eine Entscheidung für immer sein muss? Kann und darf man seine getroffenen Entscheidungen nicht einfach mal wieder ändern? Was drängt uns und was setzt uns unter Druck? Angst vor Konsequenzen vermutlich. Angst davor, sich für das falsche entschieden zu haben. Angst davor, vielleicht etwas zu verpassen, wenn man sich für etwas entscheidet? Ist die Entscheidung „grau“ tatsächlich besser? Schützt sie mich vor den zuvor gestellten Fragen? Ich glaube, grau gibt lediglich mehr Spielraum – aber trotzdem kann ich auch hier etwas verpassen. Trotzdem muss ich auch hier mit gewissen Konsequenzen rechnen. Trotzdem muss ich auch im Grau Entscheidungen treffen. Leben ist Leben – egal, ob schwarz/weiß oder grau.

Ich entscheide mich heute für bunt. Ich entscheide mich für ein Leben – für mein Leben. Ich entscheide nach meinem hoffentlich immer stärker wiedererwachendem Bauchgefühl. Ich entscheide mich dafür, immer wieder mit schweren und einfachen Entscheidungen konfrontiert zu werden. Manchmal kann es doch auch sehr schön und inspirierend sein, sich nur mal vorzustellen, wofür man sich entscheiden würde, wenn man müsste. Am Ende stelle ich dann fest, dass ich mich ja gerade gar nicht entscheiden muss, ob ich lieber den Rest des Lebens mitten in der Stadt oder auf dem Land verbringen möchte. Oder ob ich lieber auf Musik oder auf TV verzichten möchte. Oder ob ich lieber den Rest des Lebens reich, aber ohne Liebe, oder lieber geliebt aber arm wäre.

Muss ich grad nicht entscheiden. Ich bin frei.

Astrid ist 34 Jahre und natürlich total individuell Wahlberlinerin. Sie wird seit vier Jahren aktiv von einer nervigen Klette namens Essstörung begleitet und schreibt ab und an dazu etwas auf. Sie ist mittlerweile von Pessimismus überfressen und absolut hungrig nach Leben.

Headerfoto: Felipe Alonso (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

astridj

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1 Comment

  • Zwei Begriffe sind für mich getrennt voneinander nicht denkbar, ein Bisschen wie Batman und Robin, Ernie und Bert, Brad und Angelina, ach nee, das war ja was… Trotzdem, ihr versteht schon, was ich meine.
    Entscheidung und Verantwortung sind für mich Konzepte, die sich in einem sozialen Kontext nicht unabhängig voneinander denken lassen.
    Ich habe bei allem was ich entscheide, zuallererst eine Verantwortung mir selbst gegenüber, immerhin muss ich mit dieser Entscheidung, zumindest für eine Weile, leben.
    Aber die Verantwortung geht doch oft sehr viel weiter. Denn selten betreffen meine Entscheidungen nur mich selbst.
    „Was du nicht willst, das man dir tu…“ hat meine Oma immer gesagt. Meine Oma war eine kluge Frau, Kant hätte mir da sicher zugestimmt. Es ist ein Motto, das sich nicht immer leben lässt, aber der Versuch zählt.
    So einfach es klingt, so schwierig ist es doch manchmal zu verstehen was dieses DAS eigentlich ist. Vielleicht macht es mir nichts aus, wegen einer Kleinigkeit belogen zu werden, vielleicht kann ich mir nicht einmal vorstellen, wie es überhaupt jemandem wirklich etwas ausmachen kann.
    Und dennoch ist es nicht das Verständnis, auf welches dieses Motto abzielt.
    Ich muss nicht verstehen, warum meine Lüge jemandem Leid zufügt.
    Ich muss verstehen, was Leid bedeutet. Dieses Verständnis, gepaart mit dem Wissen, dass mein Gegenüber leidet, wenn ich mich gegen die Wahrheit entscheide, sollte mich leiten.
    Und hier ist sie wieder, die Entscheidung.
    Niemand sollte nur im Grau leben müssen, ja vielleicht sogar leben dürfen, denn im Grau versteckt sich Unehrlichkeit, die Weigerung, sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und sei es nur die Erkenntnis, dass man noch nicht in der Lage ist, noch mehr daran arbeiten muss, die eigenen Bedürfnisse zu verstehen. In einer Gesellschaft ist ein Leben in permanentem Grau so feige, wie es verlogen ist.

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