Und was machen die Männer so?

Ich werde verfolgt. Ich werde verfolgt von einem Gespräch. Einem Gespräch, das immer dann auftaucht, wenn ich Personen eine längere Zeit nicht gesehen oder gesprochen habe. Und eine längere Zeit umfasst da nicht einen Zeitraum von Jahren oder Monaten. Nein, schon zwei Wochen reichen aus und das Gespräch kommt wieder auf den Tisch. Es ist sozusagen ein Evergreen. Ihr wollt wissen, wovon ich genau rede? Okay, hier ist es, das Gespräch der Gespräche. Das Gespräch, das ich schon zigtausendabermillionen Mal geführt habe:

„Und was machen die Männer so?“
„Nichts!“
„Wie nichts? Hat sich in letzter Zeit nichts ergeben?“
„Nee, nicht so richtig. Aber ich suche ja auch nicht.“

Und da kommt es in mir hoch, das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen.

„Ich bin zufrieden, wie es gerade ist. Ich könnte mir auch gar nicht vorstellen, einen Freund zu haben. Für mich sind gerade andere Dinge wichtiger.“

Und da kann ich ihn sehen: Diesen DAS-GLAUBT-SIE-DOCH-SELBER-NICHT-Blick. Und schon wird nachgehakt:

„Aber, gibt es noch nicht mal jemanden, den du interessant findest?“
„Nein.“
„Hast du es schon mal über ein Online-Portal versucht?“
„Nein, noch nicht, aber ich suche ja auch gerade nicht so wirklich!“
„Und wie sieht es mit Kindern aus? Möchtest du mal welche haben?“

BINGO! Und da sind wir bei meinem Lieblingsthema: Kinder! Wenn du mich jetzt noch nach meinem Fünfjahresplan fragst, dann drehe ich völlig am Rad.

Jetzt aber mal ehrlich? Wann ist es passiert? Wann ist dieses Partnerschaftsleben zum Standard-Gesellschaftsding mutiert? Habe ich irgendwas nicht mitgekriegt? Oder bewege ich mich gerade nur in den falschen Haus-Hund-Familien-Kreisen? Was wollen die eigentlich alle von mir? Und dann immer dieser mitleidige Blick, als wenn ich von einem anderen Stern wäre.

JA. Ich gebe es zu. Ich bin ein Alien!
Ich bin 35. Single. Habe keine Kinder.
Und stellt euch vor: Ich liebe es sogar, mit mir alleine zu sein! Ich finde es wunderbar!

Ich muss mir irgendwas überlegen. Einen Dämpfer. Einen Stopper. Irgendwas, das mir dabei hilft, dieses Gespräch schon nach der ersten Frage im Keim zu ersticken. Da hab ich doch letztens was bei YouTube gesehen. Was war das noch mal? Ach ja, da war doch so´n Typ, der erzählte, wie er diesem lästigen Smalltalk aus dem Weg geht. Bei der Frage: „Und, was machst du so beruflich?“, antwortet er immer: „Ich hab Geld.“ Und schwupps, ein komischer Blick, doch keine weiteren Fragen mehr. Das fand ich ganz witzig. Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren:

„Und was machen die Männer so?“
„Hab ne Affäre. Alles streng geheim. Kann ich dir heute echt nicht mehr drüber erzählen.“
Nee, zu viel Raum für bohrende Gegenfragen. Weckende Neugierde führt immer zu einem Detektiv-Aushorch-Gespräch. Obwohl, könnte ganz witzig sein, diese Geschichte weiterzuspinnen. Aber vielleicht fällt mir ja noch was Anderes ein.

„Und was machen die Männer so?“
„Ja, was machen die Männer denn so bei dir? Erzähl mal, was macht das Liebesleben? Ich will alles ganz genau wissen!“
Super Idee, eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten. Und vielleicht vergisst die Person, dass sie mich als erstes gefragt hatte. Aber mal ehrlich? Irgendwann kommt der Bumerang zurück und dann bin ich eh wieder dran. Also nur ein Zeitverzögerer, diese Gegenfrage. Da muss was Radikaleres her.

„Und was machen die Männer so?“
„Nichts! Nichts im richtigen und nichts im Online-Leben. Vielleicht liegt es daran, dass ich Kinderhasserin bin.“
Mit dieser Antwort hätte ich dann alles in einem Abwasch abgefertigt. Zack, aus, Ende. Aber ich glaube, da müsste ich mir das Lachen dann doch echt verkneifen. Ach, irgendwie bringt es das nicht so richtig. War ein witziger Lösungsansatz, aber ich brauche eine andere Strategie! Wie wär‘s mit der Wahrheit? Wäre mal eine Überlegung wert:

„Und was machen die Männer so?“
„Ich bin Single. Und das ist auch gerade gut so. Ehrlich gesagt bin ich wirklich dankbar dafür. Denn du musst wissen, seitdem ich 17 bin, war ich immer in einer Partnerschaft. Ich hatte nie wirklich Zeit für mich. Zeit, mich selber kennenzulernen. Mich voll und ganz auf mich zu fokussieren. Und dafür habe ich heute als Single die Zeit. Ich genieße es gerade total. Denn ich entdecke, wie wunderbar es ist, mit mir alleine zu sein. Ich lerne gerade, dass ich mich selber glücklich machen kann. Früher dachte ich immer, dass man nur in einer Partnerschaft vollkommenes Glück erfahren kann. Aber heute weiß ich, dass kein anderer Mensch dafür verantwortlich ist, mich glücklich zu machen. Das kann nur ich alleine. Und für diese Lektion bin ich dem Single-Dasein unwahrscheinlich dankbar. Es ist eine Lektion, die dafür sorgt, dass meine nächste Beziehung nur umso besser, umso erfüllter werden wird. Und wann diese nächste Beziehung sein wird? Ich weiß es nicht. Ich suche nicht danach. Denn dieses WO-BEKOMME-ICH-JETZT-NUR-EINEN-NEUEN-PARTNER-Druck-Gesuche ist nichts für mich. Es gibt mir das Gefühl, dass mein Leben momentan unvollkommen ist und das ist es ja nicht. Es ist eine andere Seite. Eine Seite, die mich wachsen lässt. Und weißt du was? Kommt Zeit, kommt Liebe.“

Ja, so würde meine Antwort aussehen, wenn ich es mit der Wahrheit halten würde. Wenn ich es jetzt so schwarz auf weiß betrachte, ist es schon ein langer Monolog. Eine kleine persönliche Lebensweisheit à la Karma. Aber ich finde es gut. Denn das ist genau das, was ich fühle und was ich lebe. In fünf oder acht Jahren kann das schon wieder ganz anders aussehen. Dann sitze ich vielleicht in meinem Garten, sehe meinen Kindern beim Spielen zu, lese diesen Artikel und schmunzle über mein altes Ich. Aber im Hier und Jetzt denke ich, fühle ich so. Und ich liebe es. Ich bin dankbar dafür. Notiz an mich: Ich brauch ja nicht den ganzen Text am Stück runterrattern. Improvisation ist angesagt. Auf jeden Fall hab ich schon mal die Kernaussagen.

Ja, je länger ich darüber nachdenke, desto geiler finde ich die Idee mit der Wahrheit. Denn es hilft auch mir. Es ist wie ein kleines Mantra, das mir selber immer wieder bewusst macht, wo ich gerade eigentlich stehe. Mir bewusst macht, welche Chancen mir das Single-Dasein bietet. Und da gibt es einige. Das Größte für mich war auf jeden Fall zu lernen, mit mir allein zu sein. Die Einsamkeit, die Stille, einfach mich zu genießen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es damals war. Kennt ihr das auch? Es ist Sonntag. Und du bist Single! Furchtbar. Ich habe es gehasst. Ich fand es so schrecklich, mit mir alleine zu sein. Es hat in den Beinen gekribbelt, mein Bauch hat sich zusammengekrampft, ich dachte, ich explodiere gleich vor Einsamkeit. Wie ein Hund habe ich mich auf meinem Sofa zusammengekauert und mich selbst bemitleidet: „Ach, wenn ich jetzt doch einen Freund hätte, dann könnten wir so einen schönen Kuschelsonntag machen. Wie ich das vermisse! Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Es ist so langweilig. Warum bin ich eigentlich die einzige Singlefrau in unserem Freundeskreis? Die haben‘s gut. Die genießen jetzt bestimmt ihren Kuschelsonntag in vollen Zügen. Was soll ich heute bloß machen? Ich hasse Sonntag! Ich fühle mich so alleine.“

Heute finde ich es geil, alleine zu sein. Ich sage JA zu Sonntagen! Ich sage JA zur Einsamkeit! Ich sage JA zur Langeweile!
JA zur Langeweile? Ist die jetzt völlig bekloppt geworden? Ich sage NEIN! Ich gehe die Sache jetzt nur aus einer anderen Perspektive an. Ich kämpfe nicht mehr gegen meine Gefühle wie Einsamkeit oder Langeweile. Wenn ich merke, dass sie aufkommen, setze ich mich hin und fühle, was gerade in mir ist. Weißt du, wie sich Langeweile anfühlt? Probier‘s mal aus. Setz dich hin und versuche wirklich nichts zu tun! Fühle einfach, was das in dir auslöst. Du wirst überrascht sein. Und genau so ist es mit der Einsamkeit und mit der Stille. Ich fühle alles so wie es ist. Ich bin ganz bei mir. Schaue, was in mir passiert. Und es ist wunderbar!

Wo bin ich jetzt gelandet? Sonntage, Einsamkeit, Langeweile? Holla die Waldfee, da bin ich ja mal schön abgeschweift. Aber das musste an dieser Stelle einfach mal raus. Also, wo waren wir eigentlich? Ach ja, das besagte Gespräch. Also, ich werde es in der Zukunft auf jeden Fall mal mit der Wahrheit ausprobieren. Ich bin gespannt, was passiert. Vielleicht hilft es mir sogar dabei, dieses Gespräch ein wenig gelassener anzugehen und nicht immer das Gefühl zu haben, mich rechtfertigen zu müssen. Ja, warum habe ich eigentlich immer dieses Gefühl? Das werd ich jetzt mal weiter beobachten. Letzte Notiz an mich selber: Beobachte mal das Gefühl des SICH-RECHTFERTIGEN-MÜSSENS! Ja, ja … das Lernen über sich selbst hört nie auf. Ich sage nur: Viel Lernen du noch musst, junger Padawan. 

Stephanie Wittenberg sagt JA zum Liebeskummer. Hört sich komisch an, ist aber so. Auf ihrem Blog LIEBESKUMMER AND SO WHAT?! dreht sich alles um das Phänomen Herzschmerz. Gerne plaudert sie dabei auch über ihre eigenen OH-MEIN-GOTT-WAS-TUE-ICH-DA-EIGENTLICH-GERADE-SPÄTER-WERDE-ICH-NUR-DEN-KOPF-
DARÜBER-SCHÜTTELN-ODER-MICH-DRÜBER-TOTLACHEN-Liebeskummer-Erfahrungen. Und wenn sich bei der Bloggerin mal nichts ums Herz dreht, dann finden wir sie auf Abenteuerreisen oder ganz einfach im Bett – denn ohne Ausschlafen läuft nichts bei ihr.

Headerfoto: Lulu Lovering (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

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3 Comments

  • Wie meine Vorredner hier urteilen, finde ich schon etwas daneben. Jeder ist anders. Ich kenne auch diese Situationen des sich rechtgertigen müssen. Ich ziehe Alleinesein nicht zwingend mit Einsamkeit gleich. Heute kann ich es sehr genießen, alleine zu sein. Das war nicht immer so.

  • Da kann ich echt nur lachen. Sei mal 10 Jahre alleine, dann ist irgendwann nicht mehr viel da, was du an dir kennenlernen willst.

  • Merkwürdig ist das schon.
    Keinen Freund. Ok, so Phasen gibt es, und es ist sicher gut, zu üben auch alleine ne Zeit lang klar zu kommen.
    Keine Kinder ist ja dann auch logisch.
    Aber auch keine FREUNDINNEN?!
    Dabei haben Frauen doch SO viel höhere Sozialkompetenzen, oder etwa doch nicht?
    Ja, mit wem kommt sie denn klar?
    Niemand, mit niemandem.
    Und alleine zu sein, ist keine gute Übungszeit, soziale Kompetenz zu entwickeln: zuhören, Empathie, Ideen und Gedanken gemeinsam entwickeln.
    Aber Egozentrik, das klappt danach viel besser.
    Nur sieht das bisherige Leben so aus, als ob Egozenzrik für diese Frauen auch früher das Problem war.

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