Und ich weiß nicht, ob ich dich jemals wiedersehen will

Wenn ich zurückblicke, auf das letzte Jahr, dann überkommen mich meine Emotionen so sehr, dass ich zugleich lachen und weinen könnte. Es ist viel passiert, unglaublich viel. Ich habe so unsagbar viel geweint, an mir gezweifelt, aber auch an Mut gewonnen. Lag tagelang im Bett und habe mich von Kaffee, Wein und Zigaretten ernährt. Mein Körper hat gezittert und meine Seele geschrien. Laut, sehr laut. Du hast sie vermutlich gehört. Immer wieder haben mich meine Gedanken eingeholt – egal wo ich war und was ich tat. So sehr ich dich verflucht habe, du warst immer da. Ich hab mich monatelang wie auf einem Trip gefühlt, hab manchmal gehofft, das alles sei ein ganz mieser Traum. Aber der nicht aufhören wollende Schmerz hat mich immer wieder an die Wand geknallt und mir zu verstehen gegeben, dass es nun mal die fucking Realität ist, in der ich mich befinde. Es war ekelhaft und ich wollte manchmal einfach nur, dass mein Herz, das aus tausend Teilen bestand, aufhört zu schlagen. Lieber tot, als so ein Opfer, sagte die Stimme in mir. Ich hab entweder getrunken oder bin quer durch die Stadt gejagt, um den Schmerz abzuwenden. Er wollte aber nicht gehen, so wie ich nicht von dir gehen wollte. Ich habe ihn verflucht. So wie dich.

Jeder Tag des letzten Jahres war ein kleiner Marathon. Kraftlos, müde und reflektierend war ich unterwegs. Ich habe Dinge getan, die ich niemals mit dir an meiner Seite gemacht hätte. Ich musste es tun, einfach um ab und zu meinen Körper zu spüren, der mehr Schein als Sein war. Ich habe gefeiert, Drogen konsumiert, mich abgefüllt und fremde Männer geknutscht. Ich fand sie alle widerlich. Keiner dieser Kerle, die mich anpackten und bumsen wollten, hat nur irgendwelche Emotionen in mir wecken können. Ich hab sie alle belächelt und mich meistens nach den nach Suff und Rauch schmeckenden Küssen verpisst. Ich wollte Nähe und Geborgenheit, die mir niemand geben konnte. Eine einzige Umarmung hat manchmal ein schrecklich emotionales Feuerwerk in mir ausgelöst. So manch einer der Typen muss mich für geisteskrank gehalten haben. Naja, ich war es ja auch. Ich war herzbehindert – deinetwegen.

Ich hab dich als Partner, Kumpel und Zuhause aufgeben müssen – das war bitter. Ja, ziemlich scheiße war das von dir. Ich gebe zu, ich hab dir einiges zugetraut, das aber nicht. Meine Hände hätte ich mir abgehackt, wenn ich zuvor gefragt worden wäre, ob du mich so abservieren würdest. Zum Glück hat mich niemand gefragt. Ein kaputtes Herz heilt mit viel Kleber, aber Hände wachsen nicht nach.

Ich bin dir seit dem Tag, an dem ich auszog, nur ein einziges Mal begegnet, besoffen auf einer Party. Glücklicherweise war mein Verstand noch nicht so blau und ich bin abgehauen. Du hast mich nicht gesehen, aber du musst mich gerochen haben. Denn du hast mich zum Sonnenaufgang angerufen. In dieser Nacht schleppte ich einen Mann ab, der dann all die salzigen Tränen wegwischen musste.

Seitdem meide ich all die Orte und Partys, wo ich dich treffen könnte. Reine Vorsichtsmaßnahme. Mir geht es heute gut. Ehrlich. Manchmal bin ich dir dankbar für mein neues Leben, was echt ein Abenteuer ist. Aber ich weiß nicht, wie gut der Kleber an meinem Herzen hält, wenn du vor mir stehst. Ich will es auch nicht testen …

Paula ist Berlinerin mit Herz, welches wieder geheilt ist, na ja fast. Sie hat die besten Freunde, liebt Musik und Sport. Zwischen Freitag und Sonntag kann sie Wein auch gut leiden. 

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Paula
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7 Comments

  • Genau so fühle ich mich momentan… Nun ist es schon 2 Monate her. Zwischendurch Tage, an denen ich mich stark fühle und dann wieder Wochen, an denen ich den Schmerz nicht aushalten kann. Schlaftabletten nehmen muss, Panikattacken habe…und einfach nur deine Nummer wählen will.

  • Liebe Paula,

    vielen Dank für deinen ehrlichen Text und den Einblick, den du uns in den Herz-Kopf-Seelen-Chaos der letzten Monate gewährst……jeden Tag schaffen wir ein kleines Stückchen mehr und irgendwann kann auch unser Herz wieder vor Glück rasen. Wir müssen ihm (und uns) nur Zeit geben!

  • hey paula,
    das ist schön geschrieben. und ich kenne das.
    mir fällt dazu sehr viel ein, banales oder tiefsinniges. vielleicht paßt folgendes (von meiner besten freundin mal bei facebook gepostet):
    wenn in china eine schale oder vase zerbricht, dann werden die scherben nicht weggeworfen. die teile werden wieder zusammengesucht und -geklebt. und die bruchstellen werden mit gold verziert, um deutlich zu machen, daß das gefäß nun eine geschichte hat und dadurch wertvoller ist als vorher…

  • Ich war furchtbar begriffen, weil du genau beschrieben hast, wie es mir die letzten Monate ergangen ist. Herz an dich, es wird Tag für Tag immer ein kleines Stückchen besser.

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