Unbeziehungen – wie wir uns selbst in die Tasche lügen

Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung in der Straßenbahn, fahre rückwärts nach einem Zehnstundentag im Brötchenjob meinem brotlosen Lieblingsnebenjob entgegen und schwebe bewusstseinsmäßig im erschöpften Nirgendwo. Zwangsläufig höre ich ein Gespräch zwischen Zweien mit, die hinter mir sitzen, also vor mir am Ziel ankommen werden, folgert mein müdes Hirn. Ein junger Mann, eine junge Frau.

Er hat eine neue Flamme, wohl eine Dating-App-Bekanntschaft. Sie fragt ihn aus und will „sie sich mal angucken“, wohl auf dem Handy. Sie reden über das Alter der neuen Süßen – sie ist 20, das findet die 23-Jährige hinter mir echt jung. Ich denke: Werde du erst mal so alt wie ich, also 28, 5 – dann findest du das 23-jährige Girl, auf den dein 36-jähriger Ex-Schwarm steht, auch wirklich verdammt jung.

Ich schiebe den Gedanken wieder beiseite – mit der Geschichte war ich eigentlich durch – und höre weiter zu. Und dann reden sie über „Wer mit wem“ und „Hä, ist der nicht mehr mit der zusamme?“ – „Nee, die waren ja schon x-mal fast getrennt, aber jetzt ist es offiziell“ – „Boah, krass Mann, die waren lange zusammen, fast ein Jahr!“

Ich denke mir: „Boah ja, schon lange, meine längste Beziehung war auch nicht viel länger. Dabei bin ich schon deutlich erfahrener als ihr. Halt mal, wovon redet ihr eigentlich?“

Beziehung, der Ausdruck ist ja so was von überholt. Heutzutage hat man keine Beziehungen mehr, sondern man ist frei und ungebunden.

Beziehung, der Ausdruck ist ja so was von überholt. Heutzutage hat man keine Beziehungen mehr, sondern man ist frei und ungebunden, jederzeit für jeden Spaß, und vor allem für jeden Scheiß mit jedem zu haben. Wir, die Generation „Tinder statt Kinder“, die aus ihrer Unfähigkeit, sich zu entscheiden eine Tugend macht. Die Panik bekommt, wenn man sie schon seit vier (!) Wochen regelmäßig dieselbe andere Person trifft, mit ihr Sex hat, Tiefkühlpizza isst und dabei eine Serie anschaut.

Das klingt schon ziemlich grenzwertig nah an diesem gefährlich-verbindlichen Zustand, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Da meldet man sich doch lieber nicht mehr bei dieser Person. Sicherheitshalber. Nicht zu atmen ist schließlich gesundheitsschädlich. Tiefkühlpizza langfristig auch.

Also hangeln wir uns von Affäre zu Affäre. Affäre … Das Wort klingt komisch, nach Mordmotiv im Sonntagstatort und ein bisschen altmodisch. Es klingt außerdem nach Seitensprung in der Ehe. Oh nein, so spießig sind wir nicht, so was haben wir nicht. Dann ist es eine Freundschaft plus. Plus was?

Wir haben also Nicht-Beziehungen. Oder auch Unbeziehungen, ohne Bezug auf uns selbst, auf Verantwortung, völlig austauschbar.

Kuscheln während die Serie läuft? Nee, nee, das haben wir auch nicht, klingt unsexy, nach Plüschsocken und Jogginghosen. Wir haben also Nicht-Beziehungen. Oder auch Unbeziehungen, ohne Bezug auf uns selbst, auf Verantwortung, völlig austauschbar. Hat mit mir nichts zu tun, ist nur meine Unbeziehung, wenn die nicht mehr läuft, hol ich mir eben eine neue.

Zahnbürsten tauscht man ja auch öfter mal ganz gefühlskalt aus, obwohl man mit denen ähnlich intim ist wie mit der Unbeziehung. Also, die alte ist weg, auf dem Weg von A nach B verschwunden oder auf dem Hostelklo liegen lassen. Eine neue muss her.

Bequem geht das mit diversen Dating-Apps, kann man sogar vom Klo aus machen, spart Zeit und Ressourcen. Es ist schon wichtig, dass die Profile der beiden Dating-Partner einen möglichst hohen Prozentsatz an Übereinstimmung haben. Dann kann man sich vor und nach dem Sex noch kurz unterhalten und so tun, als wäre man nicht der/die letzte Vollidiot/in, der/die man tatsächlich eigentlich ist. Nicht der/die größte Schisser/in und der/die beste Lügner/in der Welt, für den/die der Himmel keine Farbe mehr hat. Weil man sich das viele Blau schon selbst in die Tasche gelogen hat.

Denn wir fühlen ihn, diesen Funken, wenn der andere die gemeinsame Tiefkühlpizza für den Abend auswählt. Und dabei die Augenbrauen so lustig hochzieht.

Denn wir fühlen ihn, diesen Funken, wenn der/die andere die gemeinsame Tiefkühlpizza für den Abend auswählt. Und dabei die Augenbrauen so lustig hochzieht. Diesen Moment, wenn er/sie die Tür aufmacht. Diesen ersten Kuss des Abends, der mit dem Sex, der obligatorisch folgen wird, noch nichts zu tun hat, sondern ein bisschen schüchtern ist. Die Bücher, die neben dem Bett des/der anderen liegen und die wir uns anschauen während er/sie kurz im Bad ist.

Die Geschichten, die wir uns aus unserem jeweiligen Leben erzählen. Von Freunden, Verwandten, von der Arbeit, von unseren Träumen, unserem Lieblingsessen. All das ist überhaupt nicht banal. Nicht austauschbar. Schöner als die schönste Zahnbürste. Wir wollen es festhalten, wollen, dass es so bleibt, wie es genau in diesem Moment ist. Und dann bekommen wir Angst. Nein, Panik. Es tut jetzt schon weh, nur ein bisschen, wie ein ganz feiner Schnitt.

Diesen existenziell bedrohlichen Schmerz, den man so harmlos Liebeskummer nennt, wollen wir nie wieder spüren.

Wenn wir weitermachen und es doch nicht funktioniert, könnte es richtig weh tun. Und diesen existenziell bedrohlichen Schmerz, den man so harmlos Liebeskummer nennt, wollen wir nie wieder spüren. Deshalb schleppen wir uns aus der Tür, mit den Taschen bleischwer vom Himmelblau. Und gehen ohne ein Wort. Keine WhatsApp-Nachricht zum Abschied. Sicher wartet die nächste Unbeziehung.

Die beiden sind schon vor ein paar Stationen ausgestiegen. Nächster Halt, Tullastraße. Aufstehen, Knöpfchen drücken, weiter geht’s.

Simone streckt im Sommer wenigstens die Füße in die Freiburger Bächle, wenn sie schon nicht am Meer sein kann. Sie berät hauptberuflich zu Gesundheitsthemen und nebenberuflich hilft sie Menschen dabei, den ewigen Flipperautomaten im Kopf für einen Moment im yogischen Savasana abzustellen. Sie ist kritisch, hinterfragt, analysiert, seziert und baut neu zusammen, und glaubt am Ende doch an das Eine, das uns verbindet und größer ist als unsere Vorstellungskraft.

Headerfoto: Pärchen am Tisch via Shutterstock.com („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gespiegelt.) Danke dafür.

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  • Finde es so traurig. Ich bin so froh das mein Freund und ich mehr daraus gemacht haben. Ich hatte auch angst. Ja panische angst, doch ich hab mich treiben lassen. Von dem Gefühl der Sicherheit, das er mir gegeben hat, wenn er mich mit diesem Blick morgens angesehen hat und mir Kaffee gebracht hat. Oder von der Selbstverständlichkeit das er mir nach einer Woche eine Zahnbürste hingestellt hat. Für mich hieß das mehr. Wir sollten uns öfter sehen. Und ich bin unfassbar glücklich, selbst nach zwei einhalb Jahren ist da noch dieses Gefühl der Sicherheit jeden Morgen. Und jeden Abend nach dem Zähneputzen.

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