Über die 90er, Techno, Aids und safen Sex.

Wenn wir schon mal in der Schweiz sind, lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, den Helden zu treffen, der das schwule Feiern abseits der Großstädte revolutioniert hat. Alexandre Herkommer aus Lausanne sollte eigentlich Architekt werden, aber dann kam alles anders: Die 90er, Techno, Aids und die Überzeugung, für safen Sex zu sorgen. Ein Mann ganz nach unserer Fasson!

Alexandre, für uns bist Du der Held der schwulen Party-Szene in der Schweiz. Erzähle uns doch mal ein bisschen von früher und wie es zu deinen berühmt berüchtigten Jungle-Parties kam.

In meiner Jugend musste ich immer nach Paris oder London reisen, um elektronische Musik zu hören. Bei uns gab es diesen Sound Ende der Achtziger einfach nicht. Also habe ich das mit Freunden halb im Spaß, halb im Ernst nach Lausanne geholt und 1990 die erste Schwulen-Party in der Region veranstaltet. Wir wollten das unbedingt in unserer Stadt machen. Als die Offiziellen damals mitbekommen haben, dass wir nicht nur eine Techno-Party veranstalten, sondern da auch noch Schwule kommen, gab es leider Probleme. Das war hier – und eigentlich auch nirgendwo anders – nicht gerne gesehen. Heute ist das ganz anders. Lausanne ist sehr schwulenfreundlich. Jedenfalls war die erste Location nach einem Jahr eh zu klein und wir sind dann in den Mad Club hier in Lausanne umgezogen. Das waren alte Lagerhäuser, perfekt für die Party. Die Betreiber waren uns Homosexuellen gegenüber sehr offen. Und auf einmal wurden unsere Jungle-Parties in ganz kurzer Zeit sehr bekannt. Und schneller als ich gucken konnte, habe ich den Club mit geleitet und mein zweites Studium aufgegeben. Die Nacht hat gerufen und es wurde eine sehr aufregende Zeit.

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Wie viele Leute haben Deine Parties so besucht?

Das waren bis zu 2000 Leute jedes Mal. Sogar Leute aus Frankreich, Italien und England sind gekommen. Jeden Sonntag habe ich meinen schwulen Abend veranstaltet. Es gab damals einfach nicht so viele große Parties. Vor allem nicht in der Schwulenszene. Nur in den Großstädten, aber nicht bei uns. Wir haben im Mad Club aber auch viel Kultur und Konzerte angeboten. Das waren die Zeiten, als man noch ohne Probleme Little Louie Vega und Laurent Garnier für ganz normale Beträge zum Auflegen einladen konnte. Einfach, weil man befreundet war. Da konnte man mit ein paar hundert Franken oder einfach nur aus Freundschaft noch was reißen. Heute geht das natürlich nicht mehr so einfach mit den ganzen großen Managern und Plattenfirmenbossen.

Viele Jungs und Männer sind damals zu mir gekommen und haben gesagt: „Danke, Danke, dass Du solche Paties machst. Hier kann ich endlich so sein, wie ich bin.“ Das gibt Dir dann schon einen Sinn, wenn jemand so etwas sagt. Ich habe mich direkt nützlich gefühlt, erwärmend fürs Herz.

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Wie lief das mit der Verhütung auf euren Parties?

In den 90ern war das Thema Aids ganz krass. Viele meiner Freunde sind jung gestorben. Ich bin 10 Mal im Jahr auf eine Beerdigung gegangen. Wir hatten am Anfang kaum Informationen über die Krankheit. Wir wussten allerdings schnell, dass Kondome vor der Ansteckung schützen. Es gab zu der Zeit auch noch keine Trennung von HIV und Aids in unserem Sprachgebrauch. Für uns war das erst mal dasselbe. Die Gay Locations hatten Anfang der 90er Jahre Angst über Prävention zu sprechen, um die Gäste nicht abzuschrecken. Das muss man sich mal vorstellen. Lieber verstecken, als aufklären. Das war total idiotisch und sehr gefährlich. Wir haben einfach das Gegenteil gemacht: Plakate gedruckt und Kondome verteilt. Obwohl das zu der Zeit noch strafbar war. Weil man mit dem Verteilen von Kondomen zu Sex animiert hat und das im öffentlichen Raum verboten war. Es war einfach eine strikte und sehr konservative Zeit. Man konnte Kondome nicht mal im Supermarkt kaufen. Das ging nur in der Apotheke. Meine Botschaft war schon immer: Mache so viel Sex, wie Du willst, aber schütze Dich! Safer Sex war und ist die Message. Jeder ist für seine Gesundheit und seinen Körper selbst verantwortlich.

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Was treibst Du gerade so?

Ich suche eine neue Arbeit. (Lacht.) Sagen wir mal so: Ich befinde mich gerade im Jobwechsel. Ich glaube, ich will ein bisschen weg aus dem reinen Entertainmentbereich. Seit acht Jahren veranstalte ich die Gay Ski Week in Arosa, das macht mir viel, viel Spaß. Da bin ich mehr in den Tourismus-Sektor eingestiegen.

Ich  habe eigentlich eine Musik-Matura mit klassischer Ausbildung. 10 Jahre Klavier gespielt und ganz viel gesungen. Dann habe ich hier auf der Uni Architektur studiert. Mit der Mathematik hatte ich aber immer Probleme, ich bin ja mehr der kreative Typ. (Alle lachen, verstehen wir natürlich.) Und so wurde es eben das Veranstaltungsleben.

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Meine Botschaft war schon immer: Mache so viel Sex, wie Du willst, aber schütze Dich! Safer Sex war und ist die Message. Jeder ist für seine Gesundheit und seinen Körper selbst verantwortlich.

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Was passiert denn auf der Gay Ski Week? Da klingt spitze! Wie kam es dazu?

Mit dem absolut nicht schwulen Hotelier Hitsch Leu habe ich vor acht Jahren die Gay Ski Week ins Rollen gebracht. Der Mann ist super kreativ, lustig, hat sich das ganze ausgedacht und mich ins Boot geholt. Für die Woche gibt es ein ganzes Programm. Parties, Events, Konzerte, Fondue, Schlittschuhdisko, Lesungen, Kabarett und gemütliches Zusammensein. Am Anfang kamen 30 Leute, wobei die Hälfte Freunde waren. Dieses Jahr kamen 600 Gäste aus 30 verschiedenen Ländern. Manche Single, manche vergeben. Schwule, Lesben und alle Heteros sind auch eingeladen. Es ist wirklich sehr, sehr lustig. Das ganze Dorf in Arosa macht mit. Da geht alles. Ach, und wir fahren natürlich auch zusammen Ski. Man kann halt eine Woche lang zusammen Spaß haben, ohne dass jemand doof guckt. Man ist unter Gleichgesinnten. Da kann ich mit meinem Freund im Hotel Händchen halten und küssen und niemand schaut. Das ist schon sehr angenehm. So wie wenn man als Schwuler in Berlin-Kreuzberg in ein Café geht, da schaut auch keiner. In traditionellen Skigebieten – am besten im Familienhotel – ist das ja nicht immer so, auch wenn ihr Berlinerinnen euch das wahrscheinlich gar nicht so gut vorstellen könnt. (Lacht.)

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Meine Eltern waren übrigens panisch, als ich das erste Mal in Berlin war. Da kam gerade Christiane F.s Buch raus und sie hatten Angst, dass ich heroinabhängig werde. Oh Mann.

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Lass uns noch ein bisschen über Lausanne quatschen, hier ist es doch so schön.

Ich bin eigentlich fast Schwabe. Meine Eltern sind ein Jahr bevor ich geboren wurde von Stuttgart hierher gezogen. Also bin ich tatsächlich in Lausanne aufgewachsen. Mein Opa war Architekt, ein ziemlich bekannter sogar. Der hat ein paar Kirchen und die Weißhofsiedlung – falls die so heißt, das weiß ich gar nicht so genau – in Stuttgart gebaut. Ich habe erst Deutsch und dann Französisch gelernt. Aber na klar wollte auch ich ganz früh nach New York. Broadway, Empire State Building und solche Sachen. Das war meine erste Transatlantik-Reise mit 18. Aber nach einer Woche haben mich die hohen Häuser und der verkürzte Blick echt eingeschränkt. Ich fand es natürlich toll, habe mich aber nicht mehr frei gefühlt. Und in Lausanne hat man einfach diesen traumhaften Blick. Durch den See und die Berge hat man ein breites Gefühl. Berlin ist ja zum Beispiel so eine Großstadt, die sehr breit ist. In den Straßen dort fühle ich mich gar nicht so eingeengt. Meine Eltern waren übrigens panisch, als ich das erste Mal in Berlin war. Da kam gerade Christiane F.s Buch raus und sie hatten Angst, dass ich heroinabhängig werde. Oh Mann. Aber am Ende muss ich sagen: Nirgendwo ist es schöner als hier. Ich werde immer hierhin zurück kehren.

Wir sagen: toller Mann, Visionär und einer, der damals schon mitgedacht hat. Herz!

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